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EU-Russland-Symposium: „Echte Partner sind auch in schweren Zeiten Partner“

Von   /  10. November 2014  /  Keine Kommentare

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eva.- Zwischen Ost und West herrscht Eiszeit – auf politischer Ebene wurden manche Beziehungen eingefroren, Veranstaltungen und Treffen verschoben oder abgesagt. Dagegen wehrt sich die Geschäftswelt, für die die Erhaltung bewährter Kontakte lebensnotwendig ist. Darum wurde am 5./ 6. November das Symposium „Europäisch-russische Interdependenz – Aktuelle Situation und mögliche Entwicklungen“ im Hotel Ambassador organisiert (Fotogalerie).

Am ersten Tag der Veranstaltung, die von der Konrad Adenauer Stiftung, dem Russischen Institut für Strategische Studien, der Europäischen Universität und dem Aussenministerium der Stadt St. Petersburg organisiert worden war, gingen die Emotionen schon mal hoch. Auch hier war zeitweise die Uneinigkeit in der Ukraine-Frage zu spüren, und sowohl „Nato-gesinnte“ wie auch „Kreml-treue“ Stimmen, waren deutlich zu vernehmen.

Doch mehrheitlich verlief die Begegnung friedlich-freundschaftlich, denn eigentlich hat das Business aus Ost und West ein gemeinsames Problem: eine mehrheitlich künstliche, durch Sanktionen herbei geführte Wirtschaftskrise, mit der man irgendwie klar zu kommen muss. Am zweiten Tag sass dem internationalen Publikum eine hochkarätige Delegation der Stadtregierung gegenüber: Sergei Nikolajew (Komitee für Aussenbeziehungen), Alexander German (Komitee für Markt- und Unternehmens-Entwicklung) und Swetlana Kogan (Komitee für Investitionen) standen unter der Moderation von Nikita Lomagin, dem Rektor der Europäischen Universität, Rede und Antwort.

Lebensmittel-Embargo kann teilweise ausgeglichen werden

Ihre einleitenden Referate waren eher offiziös und von vielen Ziffern begleitet. Insgesamt ergab sich jedoch das Bild einer Wirtschaft, die sich in mannigfaltiger Weise auf die Import- und Export-Wirtschaft, sowie auf die Ansiedlung ausländischer Investoren eingerichtet hat, die sich nun aber wegen der Sanktionen plötzlich auf eine Art Autarkie umstellen muss.

Wie Alexander German erläuterte, kann das Lebensmittel-Embargo von russischer Seite zu einem Teil durch Importe aus Asien und Südamerika ausgeglichen werden. Auch Weissrussland hat seine Exporte nach Russland um rund zehn Prozent erhöht, und deckt einen grossen Teil der Ausfälle vor allem im Fleisch- und Milchprodukte-Bereich. Die Krise hat ausserdem dazu geführt, dass gewisse ausländische Firmen ihre Produktion in Russland ausbauen – das bekannteste Beispiel ist der finnische Milchkonzern Valio.

KMUs mit grossen Unternehmen verknüpfen

Dennoch verursachen die Sanktionen erhebliche Probleme, vor allem jene von amerikanischer und EU-Seite in der Leichtindustrie und im Elektronikbereich. Die Petersburger Regierung hat in den vergangenen Jahren mittels Business-Inkubatoren auch die Fördermöglichkeiten auch für KMUs verbessert. Unter anderem versuchte man eine Zulieferindustrie für die vielen Autowerke in St. Petersburg aufzubauen und auf diese Weise grosse Unternehmen mit kleineren Firmen zu verknüpfen. Aber die allgemeine Krise und die durch die politischen Spannungen verursachte Stagnation haben auch die Autoindustrie schwer getroffen.

Zusätzlich erschwert wird die Situation laut German dadurch, dass Russland über den Graumarkt mit Billigprodukten aus China und der Türkei überschwemmt wird. Fazit: Es braucht seine Zeit, um konkurrenzfähig zu werden. Als Pluspunkt merkte Moderator Nikita Lomagin an, dass sich Russland in vielen der oft kritisierten Punkten wie Bürokratie, Korruption usw. verbessert habe und deshalb als Investitionsstandort in internationalen Raitings deutlich aufgerückt sei.

Laut Swetlana Kogan gibt es bisher keine grösseren internationalen Investitionsprojekte, die wegen der aktuellen Krise eingestellt wurden. Allerdings wurde vieles auf später verschoben, so zum Beispiel der Start der irischen Billigfluglinie „Ryanair“, die ursprünglich ab diesem Jahr Flüge ab Pulkowo nach Dublin aufnehmen wollte.

Das Leben geht trotz allem weiter

Zu den Statements der Regierungsvertreter kamen Kommentare und Fragen aus dem Publikum, dem nebst Diplomaten und Angehörigen in- und ausländischer Handelskammern wichtige Vertreter der internationalen Petersburger Geschäftswelt angehörten. Besonders gut vertreten war das Hotelgewerbe, das wegen der politischen Spannungen einen Einbruch von mehr als zehn Prozent bei den Übernachtungszahlen und hohe Kosten wegen der Umstellung bei sanktionierten Lebensmitteln zu beklagen hat. Vor allem die Gäste aus Europa und Amerika wurden durch die schlechten Nachrichten aus Russland und der Ukraine abgeschreckt –  ein Teil des Verlusts wird jedoch durch mehr Gäste aus Asien wettgemacht.

Wie eine Vertreterin der Petersburger Handelskammer meinte, kämen trotz aller Schwierigkeiten weiterhin internationale Delegationen in die Stadt – denn echte Partner seien auch in schwierigen Zeiten Partner. Und als sich der Saal am Ende der Veranstaltung leerte sagte jemand hoffnungsvoll: „Wenigstens wissen wir jetzt, dass das Leben noch für eine Weile weitergeht“, und brachte damit die allgemeine Stimmung ziemlich genau auf den Punkt.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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