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Ensemble „Lorelei“ – rassige deutsche Folklore mit russischem Akzent

Von   /  13. November 2010  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Das russlanddeutsche Folklore-Ensemble „Lorelei“ singt viele deutsche Lieder, die man in ihrer Heimat längst vergessen hat oder nicht mehr singen darf (Fotogalerie). Die fidele Truppe entdeckt viele Melodien und Interpreten neu – unter ihnen Lale Andersons legendäre „Lili Marleen“.

Zugegeben, wer den Namen „Lorelei“ hört, denkt im ersten Moment an ein braves Feld-Wald-und Wiesen-Chörchen, das sein Publikum mit seinem „deutschen Liedgut“ brav schunkelnd in den Schlaf wiegt. Aber diese Folklore-Truppe ist ganz anders: Deutsche Melodien, von temperamentvollen Russinnen mit charmantem Akzent gesungen und begleitet von Geige und „Garmoschka“, werden zu lebendiger Kultur voller Farbe und Frische. Der siebenköpfige Frauenchor haut sein Publikum buchstäblich aus den Socken.

Der Geist, der in diesem Kollektiv steckt, wird eindeutig von seiner Gründerin Natalia Petrovna Kraubner geprägt. Stolz und begeistert kündet sie jedes Lied an, und zu jedem hat sie eine Geschichte zu erzählen – kein Wunder, hat sie doch alle selbst entdeckt und die meisten von ihnen eigenhändig ins Russische übersetzt.

Suche nach verschüttetem deutschen Kulturgut

Zu Beginn der Neunzigerjahre als es noch kein Internet gab, war Noten und Texte deutscher Volkslieder in Petersburg kaum aufzutreiben, sie waren verschüttet wie alles Deutsche in Russland. Mit jedem der Lieder – so hat man das Gefühl – hat Natalia Kraubner einen Teil von sich selbst entdeckt.

Kraubners Vergangenheit ist typisch für eine Russlanddeutsche: Ihre Grosseltern stammten aus der russlanddeutschen Kolonie Strelna, südlich von Petersburg. Obschon die Kolonie sich der Kollektivierung durch die Bolschewisten nicht widersetzte, geriet sie in die Mühlen der Geschichte. In einer ersten Welle wurden ab 1929 die „Kulaken“ (Grossbauern) verhaftet, und ab 1936 rollte die zweite Terrorwelle über die Siedlung hinweg.

Die deutsche Sprache nur per Radio gehört

Kraubners Familie wurde in die 1934 gegründete Siedlung Montschegorsk auf der Kola-Halbinsel südlich von Murmansk deportiert und arbeitete im Nickel-Abbau. Ihr Grossvater Filipp Iwanowitsch Kraubner wurde 1938 verhaftet und später erschossen – es galt, alles Deutsche zu verstecken und zu vergessen, um zu überleben. „Ich lernte kein Deutsch – ich bekam es höchstens ab und zu im Flüsterton zu hören oder am finnischen Radio, das in Grenznähe zu empfangen war und manchmal deutsche Lieder sendete“, erzählt sie.

Dank ihrer Musikalität konnte sie eine Musikschule absolvieren, später kam sie als Chemiestudentin nach Leningrad, wo sie bis zu ihrer Pensionierung in der Rüstungsindustrie arbeitet. Ihr Leben verlief, ohne Kontakt zur deutschen Kultur zu haben.

Die Chance, die Zeit „zurück zu drehen“

Doch mit der Perestroika erhielt sie die Gelegenheit, die Zeit noch einmal zurück zu drehen und ihre deutschen Wurzeln zu entdecken. In der lutheranischen Kirche in Puschkin liess sie sich konfirmieren, und seit 1993 nimmt sie aktiv am Leben des neu gegründeten deutsch-russischen Begegnungszentrums an der Petrikirche teil.

„Nach meiner Pensionierung erhielt ich die Gelegenheit, mich endlich mit jenen Dingen zu beschäftigen, die mich interessieren“, erklärt Kraubner zufrieden. Dazu gehören der  „Lorelei“-Chor und ihre ehrenamtliche Arbeit als Kinderbetreuerin für die Diakonie an der Petrischule. Ihr Sohn lebt in Deutschland, und bei ihren Aufenthalten kauft sie an Noten, was sie kriegen kann.

Keine Grenzen zwischen E- und U-Musik

So singt der Lorelei-Chor an Festtagen des Begegnungszentrums, an kirchlichen Feiertagen oder an Folklore-Festivals. Dieses Jahr belegte das Ensemble am estnischen Folklore-Festival den ersten Platz. „Oh du lieber Augustin“ – „Die güldne Sonne“ – „In einem kühlen Grunde“… Im ersten Moment fällt niemandem das aussergewöhnliche Repertoire der Russlanddeutschen auf.

Spätestens, wenn die heiteren Frauenstimmen zu den Ohrwürmern „Die Kleine Kneipe in unserer Strasse“ oder „Zeig mir den Platz an der Sonne“ übergehen, bemerkt man, dass der Chor keine Grenzen zwischen E-, U-Musik oder „Schlagerkitsch“ kennt. Die Frauen singen eben einfach, was ihnen und ihrem Publikum Spass macht. Der Chor hat mittlerweile seine vierte CD veröffentlicht

Spass hört an der Grenze zur Politkorrektheit auf

Dass der Spass in der deutschen Musikwelt jedoch an der Grenze zur Politkorrektheit aufhört, musste Kraubner bei ihrer Liedersuche feststellen. „Als mir ein Priester der Petrikirche bei der Beschaffung von Noten half, klärte er mich auf, dass einige der populärsten deutschen Volkslieder nicht mehr gesungen werden dürfen, weil sie bei den Soldaten der Wehrmacht beliebt waren – zum Beispiel „Erika“ oder „Ein Blümlein auf der Heide“ . „Aber ihr Russlanddeutschen habt überhaupt nichts damit zu tun – darum dürft ihr diese Lieder auch singen“, erklärte er ihr.

Eines der „belasteten“ Lieder ist mittlerweile zu einem echten Hit des Lorelei-Chors geworden: „Lied eines Wachpostens“ – oder „Lili Marleen“. Die Sopranistin Natalia Schmidt singt es regelmässig an Konzerten und hat einen Riesenerfolg damit.

Das Lied wurde ab 1941 vom Soldatensender Belgrad ausgestrahlt und an allen Fronten gehört. Der Radiosender wurde überschwemmt mit Postkarten, die wünschten, Lili Marleen im Wunschkonzert zu spielen. Als die Platte 1942 auf Befehl Goebbels aus dem Programm genommen wurde, hagelte es Proteste von der Front.

„Lili Marlen war kein Kriegslied“

„Goebbels konnte es nicht ausstehen, weil es kein Kriegslied war, sondern die Soldaten an ihre Frauen und Freundinnen dachten, wenn sie es hörten“, meint dazu Kraubner. Schliesslich wurde es jeweils einmal täglich zum Sendeschluss gespielt – und wurde als Gute-Nacht-Lied bei Freund und Feind zur Legende.

Natalia Kraubner gefiel das Lied, und sie begann nach seiner Geschichte zu forschen. Dabei fand sie heraus, dass es zwar einen russischen Liedtext von Jossip Brodsky aus den Vierzigerjahren gibt, doch stimmt dieser überhaupt nicht mit dem deutschen Original überein. Darum erstellte sie eine neue Version, die das Folklore-Ensemble bei seinen Auftritten verwendet.

Seinen nächsten Auftritt hat das Ensemble am 18. November 2010 um 18.30 Uhr mit dem Konzertabend zum Thema „Deutsche Schlager des vergangenen Jahrhunderts“. Ort: Ausstellungsraum „Deutsches Leben in St. Petersburg“, (Haupteingang der Petrikirche). Nevski Prospekt, 22/24, Eingang frei. Ausserdem führt das Ensemble jeden Monat ein offenes Singen durch, zu dem alle Interessierten eingeladen sind. Kontakt: Natalia Kraubner, Tel. +7 921 637 22 11, E-Mail: [email protected], www.adiga.de/kraubner .

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. H. Kogler sagt:

    sehr gute Zeitung – ausgezeichnete Berichte !
    Vielen Dank
    H. Kogler Sued Afrika

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