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Ein volles Mass – Bayerns Wirtschaftselite besuchte St. Petersburg

Von   /  14. Februar 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der Überraschungsbesuch gelang: Mit einer siebzigköpfigen Delegation, an deren Spitze Wirtschaftsminister Martin Zeil stand, weckte Bayern Petersburg aus dem Krisenschlaf. Die Russen liessen sich das gerne gefallen und dankten es den Gästen mit einem Empfang in allen Ehren und auf höchster Ebene.


Russen mögen Grosszügigkeit – das scheint Bayerns Regierung verstanden zu haben, denn statt von Krise, Konkurs und Kürzen zu reden, tischte sie ihren Gastgebern am Tag der Bayrischen Wirtschaft in Petersburg ein Programm mit allen Schikanen auf, der von einem Bayrischen Abend mit Weisswurst und Paulaner Bier und echter Inntaler Blasmusik gekrönt wurde.

Voll besetzter Saal

Der Kongresssaal im Hotel „Angleterre“ war bis auf den letzten Platz besetzt, als sich die Delegationsvertreter auf die Bühne begaben. Staatsminister Martin Zeil (FDP) und Vizegouverneur Michail Osejewski begrüssten die Gäste und überliessen im Wesentlichen ihren Experten das Wort.

Nach einer eher trockenen, wenn auch informativen Vorstellung der Sonderwirtschaftszonen in der Region Petersburg betraten mit Josef Nassauer, Geschäftsführer von Bayern Innovativ, und Michael Nerlich, Vorstandsvorsitzender des Forums MedTech Pharma e.V, zwei ebenso clevere wie redegewandte bayrische Vertreter.

Auftritt als gleichwertige Partner

Mit der Präsentation der Wirtschaftsbereiche Automotive und Pharma setzten sie Akzente und luden die Russen dazu ein, sich an den bayrischen Wirtschaftnetzwerken zu beteiligen und die regelmässigen Fachtagungen in Deutschland zu besuchen. In einem weiteren Punkt bewiesen die Bayern Feingefühl: Statt als westliche Besserwisser aufzutreten, die den rückständigen Russen Wirtschafts-Nachhilfe anbieten, gab man sich als gleichwertige Partner, die den Austausch suchen.

Auch das schätzte die russische Seite und spielte ebenfalls ohne Maske. Wladimir Katenew, Präsident der Petersburger Handelskammer zog eine nüchterne Bilanz der letzen Wirtschaftsjahre. Er machte auf die Fortschritte im russischen Business aufmerksam, so zum Beispiel auf den Detailhandel, der in vielen Bereichen westeuropäisches Niveau erreicht hätte, gestand aber Mängel ein, die weiterhin bestünden, beispielsweise im Service.

Weisswurst-Produktion in Petersburg

Katenew lobte die Bayern für ihren Optimismus, den sie in der Krisenzeit nach Petersburg gebracht hätten und schloss sich ihrem Motto an, die Krise müsse als Chance verstanden und genutzt werden. Man war mit Humor bei der Sache und lancierte während der Plenumsdiskussion sogar den Start einer Weisswurst-Produktion in Petersurg. Bayern und Russen waren sich einig: Beide sehen das Bier- bzw. Wodka-Glas lieber halbvoll als halbleer.

Punkto Optimismus wurden die Bayern nur von der Gouverneurin Valentina Matwijenko übertroffen, die den Staatsminister anschliessend im Smolny-Palast empfing. Sie erwähnte die Wirtschaftskrise zwar in einem Nebensatz, präsentierte aber Zahlen und Fakten zu Petersburg, die man nicht anders als märchenhaft bezeichnen kann. Sie sprach von einem Prozent Arbeitslosigkeit, steigenden Einkommen und einem Haushaltsüberschuss. Der Rubel-Kurszerfall, die Entlassungswellen in vielen Betrieben und die stark gestiegenen Energie- und Lebenskosten im Krisenjahr 2009 kamen nicht zur Sprache.

Triebkraft der „Wirtschaftslokomotive“ Bayern für Petersburg nutzen

Matwijenko zeigte sich sehr wohlwollend und freundschaftlich – natürlich auch weil sie ganz konkrete Interessen verfolgt und die Triebkraft der „Wirtschaftslokomotive“ Bayern für Petersburg nutzen möchte, zum Beispiel mit einem MAN-Produktionsstandort. Matwijenko schlug ein Wirtschaftsabkommen mit Bayern vor, in dem unter anderem jährliche Wirtschaftskonsultationen vereinbart sind.

Auch die Bayern kamen mit konkreten Anliegen in den Smolny-Palast. So setzte sich Zeil für die Anliegen des Bosch-Siemens-Werks in Strelna ein, dessen Geschäftsführer Winfried Seitz ebenfalls zur Delegation gehörte. Dieser lobte die gute Zusammenarbeit mit den Petersburger Behörden, erbat sich aber einen baldigen Anschluss an die Ringautobahn und Erleichterungen bei Zollfragen, weil die BSH nicht nur den russischen Markt beliefern, sondern Kühlschränke und Waschmaschinen auch exportieren möchte. Es gäbe kein Problem, das sich nicht irgendwie lösen liesse, antwortete Matwijenko und signalisierte Hilfsbereitschaft.

Stelldichein an Lenins Schreibtisch

Petra Peter, Osteuropa-Bereichsleiterin von Bauer Spezialtiefbau, empfahl ihre Firma beim Bau des Gazprom-Hochhauses. Zu diesem politisch heiklen Projekt äusserte sich die Gouverneurin bewusst vorsichtig – der Bau sei noch in der Planungsphase, doch seien Tiefbauspezialisten in Petersburg mit seinem Sumpfboden immer willkommen. Gut gelaunt liess sich Minister Zeil anschliessend durch den Smolny-Palast führen und liess es sich nicht nehmen an Lenins Schreibtisch von 1917 kurz Platz zu nehmen.

Dossier: Seit dem Jahr 2000 bis zum Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise 2008 ist der bayerisch-russische Außenhandelsumsatz um das 4,4-fache angestiegen. Die Russische Föderation ist Bayerns bedeutendster Handelspartner in Osteuropa. Bayerische Unternehmen sind in der Russischen Föderation überproportional stark vertreten; von den etwa 4 600 deutschen Unternehmen in ganz Russland kommt gut ein Drittel aus Bayern. Die Lieferungen bayerischer Produkte nach Russland sind 2008 um über 17 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro angewachsen. Durch die Wirtschaftskrise sanken die bayerischen Ausfuhren in die Russische Föderation im dritten Quartal 2009 zum ersten Mal in fast zehn Jahren und zwar um 46 Prozent. Für 2010 mehren sich aber die Anzeichen auf moderates Wachstum.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Bayrischer Staatsminister Zeil besucht Petersburg: „Russland bietet vielfältige Chancen“

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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