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Ein Knigge für Fremde – das Petersburger Parlament sorgt mit Benimmregeln für Kopfschütteln und Schmunzeln

Von   /  24. Juni 2010  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Kaum war ein das Thema in der Hauptstadt lanciert worden, kam es auch schon in Petersburg ins Gespräch – ein Kodex mit Benimm-Dich-Regeln für Fremde. Die Vorsitzende der liberaldemokratischen Fraktion (LDPR) Elena Babitsch machte sich im Stadtparlament für ein ähnliches Projekt stark.


Sie beschwehrt sich darüber, während der Festtage Leute in seltsamer Kleidung, in Umhängen und Sandalen, über den Newski spaziert gesehen zu haben. Als Kulturhauptstadt Russlands, in der sich während Jahrhunderten ein eigener typischer Kleidungsstil entwickelt habe, sei Petersburg verpflichtet, für die Wahrung dieser Norm im Strassenbild zu sorgen. Als weiteres Beispiel für fremdländisches Benehmen führte sie die Schlachtung eines Schafsbock im Stadtzentrum am moslemischen Kurban Bairam-Fest an.

Wo bleibt die viel beschworene Toleranz?

Dem entgegnete der kommunistische Abgeordnete Wladimir Dmitrjew, wo denn da die viel beschworene Toleranz gegenüber fremden Kulturen bleibe, wenn man das Leben der Ausländer reglementieren würde? Ausserdem frage er sich, wie sie sich die Umsetzung dieser Regeln in der Praxis vorstellen würde. Wahrscheinlich müsste dazu eine eigene Organisation gegründet werden, die Fremde bei der Anreise begrüssen und über Petersburger Kleidung und Sitten orientieren würde. Was wohl geschehen solle, wenn ein Immigrant nichts besässe als seinen Umhang und Sandalen?

Nach kurzer Zeit schwenkte die Diskussion in eine völlig andere Richtung – man begann über den Dresscode im Parlament zu reden. Ein Abgeordneter wurde dafür gerügt, dass er in T-Shirt und Jeans zur Arbeit erscheine, worauf dieser antwortete, dass er in diesem Fall auch einen Dresscode für Frauen im Parlament verlange.

Ein Verhaltenskodex für Russen

Die Idee eines Führers mit Verhaltensregeln wurde laut Fontanka.ru bereits 2008 aufgegriffen. Damals wollte man allerdings die eigenen Staatsbürger auf den rechten Weg bringen. Jungen Russinnen und Russen sollte der Kodex bei der Überreichung ihrer Dokumente ausgehändigt werden, um sie auf ein Leben in Ehrlichkeit und Redlichkeit vorzubereiten.

Der „Kodex des Moskauers“, der vergangene Woche in Moskau vom Nationalitäten-Komitee lanciert worden war, richtet sich in erster Linie an Zugereiste aus asiatischen Regionen und dem Kaukasus. Darin wird unter anderem erklärt, dass man keine Schafe im Hof schlachten, keinen Schaschlik braten, nicht in der Nationaltracht herumspazieren und unbedingt Russisch sprechen soll.

Kritik und Häme zum „Kodex des Moskauers“

Natürlich liessen Kritik und Häme nicht lange auf sich warten – schon bald kursierte ein Witz-Version des Kodex, in dem sämtliche Stereotypen des Hauptstädter gesammelt sind: Demnach geht ein echter Moskauer mit einer Minimalgeschwindigkeit von 10 Stundenkilometern und launischem Gesicht durch die Strassen. Auf die Frage eines Passanten nach dem Weg zuckt er mit den Achseln oder lässt in abblitzen.

Seine Telefongespräche führt er möglichst laut in öffentlichen Verkehrsmitteln und orientiert sämtliche Passagiere über sein Privatleben. Ein echter Moskauer Autofahrer macht seinen Vordermann nach maximal einer Sekunde Wartezeit durch Hupen auf das grüne Licht aufmerksam. In der Metro stellt sich der Moskauer lesend oder schlafend, um Schwangeren, Behinderten oder betagten Leuten seinen Sitzplatz nicht abtreten zu müssen.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

www.fontanka.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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