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Ein Freund, ein guter Freund: Müllers neuer Petersburg-Führer

Von   /  21. April 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Rechtzeitig zur neuen Reisesaison hat der Michael Müller Verlag seinen Petersburger Reiseführer zum fünften Mal komplett überarbeitet und neu Aufgelegt. Der Reiseführer hat alles, was man braucht
und noch vieles mehr – aber das Beste daran ist, dass einem der Autor Marcus X. Schmid das Gefühl gibt, mit einem guten Freund unterwegs zu sein.

Das Format des knapp 300 Seiten starken Führers ist ideal: nicht zu gross und nicht zu schwer, um immer dabei zu sein, aber auch kein “Petersburg in zwei Minuten”, sondern eindeutig für jene, die etwas mehr über diese fantastische Stadt wissen möchten. Ein “Express-Führer” mit dem Wichtigsten in Kürze ist im grossen Führer integriert und vemittelt den LeserInnen gleich auf den ersten 20 Seiten Basis-Informationen über die Stadt, die Top-Sightseeing-Ziele, sowie über Essens- und Ausgehmöglichkeiten. Positiv zu bewerten ist, dass dabei auch alternative Lokale für Gays und Lesben erwähnt sind – eine in Russland oft tabuisierte Thematik.

Nach diesem Service-Teil gewinnt das Buch eindeutig an Tiefe, man erinnert sich an das nette Porträt des Autors ganz am Buchanfang und erhält von nun an das Gefühl, mit ihm unterwegs zu sein. Tatsächlich sind dafür die sieben Kapitel als “Stadtspaziergänge” betitelt, die man “gemeinsam” unter die Füsse nimmt. In fünf Kapiteln ist das “Festland”, die Bezirke der südlichen Newa-Seite, behandelt, in weiteren zwei die Petrograder Seite und die Wassili-Insel. Danach folgt die reiche Umgebung der Zarenstadt von Peterhof bis Kronstadt.

Augenzwinkernder Humor
Marcus Schmid gelingt es, mit seiner interessiert beschreibenden Sprache, den Eindruck zu vermitteln, er führe einen durch die eigene, alt vertraute Stadt. Tatsächlich kennt er die Stadt mittlerweile wie seine Hosentasche. Schliesslich hat er sie mit jeder Auflage des Führers neu erlebt und erforscht – aber er hat dabei das Staunen nicht verlernt.

Er erlaubt sich einen eigenen Blick, bei dem immer wieder sein augenzwinkernder Humor durchscheint – so zum Beispiel bei der Beschreibung des düsteren Kirow-Museums: “Am Boden liegt das Fell eines riesigen Eisbären, dem das eines Braunbären entgegenfaucht, beide Geschenke an den passionierten Jäger.” Das Augenzwinkern gilt nicht nur den beiden armen Bären, sondern dem Leser, dem Kollegen, mit dem er gerade gemeinsam das Museum durchstöbert. Der eigene Blick schlägt sich auch in der ausgezeichneten Bebilderung des Führers nieder.

Alles drin

In dem Buch ist alles drin, was stolze PetersburgerInnen einem ausländischen Gast beim Gang durch die Stadt einpauken würden. In eingefärbten Textboxen werden immer wichtige Einzelthemen behandelt – historische Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten, Wissenswertes aus dem Alltag. Zum Beispiel die Schicksale des Zarengünstlings Menschikow, des unheimlichen Wanderpredigers Rasputin oder der verehrten Dichterin Achmatowa. Ausserdem erfährt man, dass man russischen Frauen niemals die Hand gibt, dass Höflichkeit nicht unbedingt eine russische Tugend ist, und warum der Bahnhof auf Russisch “Woksal” heisst.

Mit eingepackt ist auch vieles, worüber selbst viele stolze PetersburgerInnen nicht unbedingt Bescheid wissen (wollen) – weil es nicht ins Blitz-Blank-Image des “nördlichen Venedigs” passt. Beispielsweise der Lewaschowo-Friedhof, auf dem zehntausende Stalinismus-Opfer liegen. Noch immer wird die totalitäre Vergangenheit von vielen Russen unter dem Deckel gehalten, obwohl es kaum eine russische Familie gibt, die nicht Opfer beklagen musste. Mit geschärftem Blick begegnet einem diese Epoche fast in jedem Stadtteil.

Ein Denkmal des Konstruktivismus

Erwähnenswertes Beispiel wäre das “Haus der politischen Gefangenen”, das sich nicht weit von der Peter- und Paulsfestung befindet. Seine Geschichte fehlt im Führer – sie ist jedoch auch den meisten Russen unbekannt. Das Haus wurde in den Zwanzigerjahren für die einstigen Häftlinge der nahegelegenen Festung gebaut, von denen dann fatalerweise unter Stalin die meisten erneut verhaftet oder sogar erschossen wurden. Im Park vor dem Haus befindet sich der so genannte “Solowetzker Stein” – ein Gedenkstein aus dem Norden Russlands, der für die vielen Gulag-Opfer steht.

Ausserdem ist der Bau ein fantastisches Beispiel für die Konstruktivismus-Architektur und den kommunalen Wohnungsbau. Obschon der Baustil in Petersburg glänzend vertreten ist, wird er von der eigenen Bevölkerung kaum gekannt und schon gar nicht geschätzt. Doch dies ist nich als Kritik, sonder lediglich als Ergänzug gemeint, denn schliesslich kann auch dieser reich befrachtete Führer nicht alles enthalten.

Städteführer St. Petersburg MM-City Marcus X. Schmid Michael Müller Verlag,  5. Auflage 2017, farbig, 16,90 EUR (D), 17,40 EUR (A), 24,90 CHF, ISBN 978-3-95654-418-7

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  • Veröffentlicht: 7 Monaten vor auf 21. April 2017
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  • Zuletzt geändert: April 21, 2017 @ 11:44 pm
  • Rubrik: Aktuell, Service

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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