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Literatur zur Deutschen Woche – Eduard Kotschergin „Wassili von Petrograd und Gorizy“

Von   /  15. April 2010  /  Keine Kommentare

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Der Bühnenbildner Eduard Kotschergin ist seit über 40 Jahren ein international anerkannter Künstler seines Faches.  Er hat auf allen großen Bühnen Russlands, den USA und Europa gearbeitet. Er ist „Leitender Künstler“ im Grossen Dramatrugischen Theater (BDT) und unterrichtet an der Akademie der Künste. Dass er auch ein begnadeter Erzähler ist, ist hingegen weniger bekannt. Seine dem Volk abgeschaute, ungefilterte Sprache katapultiert uns direkt in die  Welt der Bettler, Gauner und Prostituierten im Leningrad in der „Schnauzertragenden Führer“ Stalin und Hitler.

Eduard Kotschergin liest am 20. April um 19 Uhr im Rahmen der Deutschen Woche in der Majakowski-Bibliothek an der Fontanka 44. Der St. Petersburger Herold ist in der glücklichen Lage Ihnen eine ganze Geschichte aus dem Buch vorstellen zu dürfen – lesen Sie mit! >>>>>


Wassili von Petrograd und Gorizyv

von Eduard Kotschergin, deutsch von Ganna-Maria Braungardt, die auch an der Lesung teilnimmt

Inselfolklore

Der Erinnerung an die Botanische Daschka, an Irka Karpowskaja, Proscha von der Kleinen Newka, die Barfüßige Tanja, Lidka Petrogradskaja, Schurka Falbe Stute, die Verdorbene Arischka und die anderen minderjährigen Strichmädchen vom Lenin­park ist diese Erzählung gewidmet.

Wassili von Petrograd war ein prominenter Mann, allerdings nur
in den Kreisen der kleinen und trinkenden Leute, doch es gab in
den vierziger und fünfziger Jahren auf den Petrograder Inseln kei­-
nen  zweiten so berühmten »Roller« – so nannte man die beinlosen
Stümpfe.  Selbst der oberste Spitzel unter den Stammgästen des
Schnapsladens, der Alkoholiker Porzellanohr, hatte Respekt vor
Wassili und legte sich nicht unnötig mit ihm an. Wie dieser Spitzel
zu seinem merkwürdigen Namen gekommen war, ist schwer zu
sagen. Vielleicht wegen seiner Ohren, die stets wirkten wie vereist
oder erfroren von der ständigen Anstrengung. Aber genug von
ihm, zurück zu Wassili. Die uneingeweihten Petrograder nannten
ihn nur den Seemann. Das war er auch gewesen. Aber der Krieg
hatte ihm die mächtigen Beine bis zum Hintern abgehackt und den
ehemaligen Matrosen der Baltischen Rotbannerflotte und einsti­gen
Schiffsvorsänger auf einen kleinen Rollwagen gezwungen, eine
flache Holzkiste auf Kugellagerrädern, und ihm zwei Holzknüp­pel
zum Vorwärtsstoßen in die Pranken gedrückt. Seitdem war die
Petrograder Seite sein Schiffsdeck. Rumpelnd rollte er durch die
Straßen und Gassen, von einer billigen Schenke zum nächsten
Bier- und Wodka-Laden. Keine Säuferversammlung, kein Trink­-
gelage kam ohne ihn aus, den Troubadour, Akkordeonspieler und
Vorsänger. Er schaffte es, an einem Tag alle wichtigen Trinkertreffs
auf der Petrograder Seite aufzusuchen. Und das waren nicht we­nige.

In der Guljarnaja-Straße, die ihren Namen seit dem 18. Jahr­-
hundert trug, zu Ehren einer hier befindlichen Schenke, in der sich
einst unsere Vorfahren amüsierten, stand schräg gegenüber vom
Kulturhaus der Fabrik »Leuchte« ein bei den Trinkern unserer
Zeit sehr beliebter Kiosk. Er war praktisch rund um die Uhr geöff­net
und hieß im Volksmund deshalb »Unauslöschliches Licht«. An
der Ecke Maly-Prospekt und Pionerskaja-Straße befand sich ein
nicht minder populärer Treffpunkt, wegen der Nachbarschaft zur
Schröder-Entbindungsklinik »Vaterfreuden« genannt. Dort
nah­men die glücklichen Väter den ersten Schluck in ihrem neuen

Sta­tus. An der Ecke Swerinskaja-Straße und Bolschoi-Prospekt
ver­sammelte sich die Bruderschaft der Eroberer von Königsberg und
Berlin. Die Barmalejew-Straße besaß sogar zwei Kioske, die
so­genannten »Barmalejew-Einkehren«. Rund um den Derjabkin-
Markt gab es eine ganze Kette von Trinkertreffs, von den Petro­-
grader Säufern »Schtschors-Schnauzer« genannt, nach dem in der
Nähe verlaufenden, nach einem Bürgerkriegshelden benannten
Prospekt. Außerdem gab es noch zahlreiche andere Einrichtun­gen.

Jede davon hatte neben der Laufkundschaft ihre privilegierten
Stammtrinker. Diese konnten ihre nötige Wodkaration oder ein
Bier schlimmstenfalls anschreiben lassen und den Ausschenken­den
mit Kosenamen bedenken. Der Seemann Wassili als örtliche
Berühmtheit, vom Krieg ärger versehrt als andere, bekam morgens
auch schon mal ein kleines Bier gegen den Kater umsonst.

Mit seinem rumpelnden Gefährt, ein altes, mehrfach geklebtes

Akkordeon auf dem Rücken, in seiner Matrosenjacke, die Matro­sen-

mütze verwegen schräg auf dem Kopf und mit einer Papirossa
der Marke »Nord« unter dem riesigen Schnauzer, ging er jeden
Morgen auf »Fahrt« durch die Säufertreffs der Petrograder Inseln.

Ein begabter Chorleiter und Organisator, gab er an allen Treff-
punkten, die er nach dem dritten Halt anlief, das Kommando:
»Alle Mann Achtung! Wer trinkt, der singt – stimmt an, Brüder!«
Und nach einer Weile sangen die elenden Jammergestalten, die nie
gesungen hatten, Wodkagläser und Bierhumpen in den knotigen
Händen, mit heiseren, versoffenen Stimmen die damals populären
»Panzerlieder«:

Stalin führte uns zu Glück und Frieden
-Unbeirrbar wie der Sonne Flug.
Langes Leben sei dir noch beschieden,
Stalin, Freund, Genosse, treu und klug!

Der unermüdliche Wassili dirigierte von seinem Gefährt aus wie
wild, korrigierte aus dem Takt Gekommene und beschimpfte Nachlässige.

Mehrere Schifferhuren von allen Inseln der Petrograder Seite
kümmerten sich um ihn. Diese Spielart des ältesten weiblichen
Gewerbes ist heute aus dem Stadtbild verschwunden, damals aber
war sie überall am Fluss deutlich zu sehen. Die zahlreichen
Binnenschiffer nahmen sie für eine Fahrt oder für eine ganze
Saison an Bord, ein Mädchen für fünf, sechs Mann. Offiziell wurden
sie als Putzfrauen oder Geschirrwäscherinnen angeheuert. Außer
ihrem Lohn bekamen sie eine Uniform, wie alle Seeleute, und eine
hübsche Draufgabe für ihre Liebesdienste. Die Männer auf den
Frachtkähnen nannten sie »Matrosenliebchen«. Ihre Kinder
hießen auf unseren Inseln »Dunka-Kinder«, der Uberlieferung
nach wegen der Dunka-Gasse, die es früher bei uns gab; dort unterhielt
die Atamanin Dunka in alten Zeiten ein Artel von »Flussmädchen«.

Die engsten Freundinnen von Wassili waren Lidka Petrogradskaja
und Schurka Falbe Stute. Sie bemutterten ihn abwechselnd,
indem sie das Wägelchen des betrunkenen Matrosen in seine
»Kajüte« bugsierten – einen Bretterverschlag unter der großen
Freitreppe eines alten Hauses am Shdanow-Ufer*, nicht weit
ent­fernt vom Bolschoi-Prospekt. Sie wuschen und kochten für ihn,
gingen mit ihm in die berühmte Banja auf dem Gessler-Prospekt,
wo auf den Treppen ausladende »tropische« Palmen standen, die
der Seemann sehr mochte, und nahmen ihn im Winter mit in ihr
warmes Quartier im Erdgeschoss eines im Krieg beschädigten
Hauses in der Tatarski-Gasse.

Wassilis »Liebchen« war Lidka. Sie durfte den Seemann auf
seiner Kneipentour begleiten, ihn bei seinen sängerischen Groß­taten
unterstützen, indem sie ihn vor übermäßigem Genuss seines
geliebten Bieres mit einem Schuss Eau de Cologne bewahrte, und
sein überschäumendes Temperament zügeln, das er stets
offen­barte, wenn es um die Verteidigung von Wahrheit und
Gerech­tigkeit zu Lande, zu Wasser und in der Luft ging. Bei Kneipen-
zankereien konnte ihm seine scharfe Zunge gefährlich werden,
zumal er sie ohne Rücksicht auf den Rang der Trinker einsetzte
und jedem ordentlich Pfeffer gab. Ganz besonders Porzellanohr,
dem er sein Spitzelgewerbe vorwarf.

Wenn er in seinem Wägelchen zum Kiosk kam, wo der Säufer­spitzel
Laufkunden und Alkoholikerneulinge aushorchte, klopfte
er mit seinen Holzknüppeln auf das Straßenpflaster und sagte zu
ihm: »Wir zwei singen auf sehr verschiedene Art, Alterchen, du
singst im Großen Haus, ich hier auf der Straße. Ich krieg für mein
Singen höchstens mal einen Schluck Wodka, aber wenn du weiter so
singst, kannst du dafür leicht nach Sibirien kommen.«

»Ach, lass ihn, Wassja, komm, singen wir lieber was Schönes.
>Geliebte Stadt, schlaf ruhig und in Frieden … < , begann Lidka,
bemüht, ihren »Unglücksraben« vor Unheil zu bewahren.

»Sei still, Lidka, sonst sag ich dir ein paar deftige russische
Wörter. Wovor soll ich mich fürchten? Ich besitze nichts, ich hab
nichts zu verlieren. Durch meine Taschen pfeift der Wind, und
selbst die Läuse haben ganz traurige Augen. Und wenn die
Natschalniks mich von meinem Roller auf eine Gefängnispritsche
verfrachten wollen, dann bringt ihnen das nichts als Scherereien,
die müssten einen extra Kübel für mich bauen. So ist das, Euer
Weißmeerkanalgeborene.«

Einer gemeinen alten Hure aus der Plutalow-Straße, die Lidka
gehässig fragte: »Ach, wie treibt ihr zwei Ärmsten es bloß miteinander?«,
antwortete er: »Heftiger als du, altes Loch! Hast du überhaupt
noch Lust, seit du dir nur noch die Wodkapulle reindrehst?«

»Und ihr barfüßigen Holzklötze, macht das Maul wieder zu!
steckt eure Nase ins Bier und nicht in andrer Leute Angelegenhei­ten«,
rüffelte er die lachenden Säufer, entfernte sich in seinem Wägelchen
und sang im tiefen Bass eines Kantors:

Diener – diene,
Spitzel – spitzle,
Schwankender – schwanke,
Säufer – saufe,
Bettler – bettle
Und sag schön danke.

Jedes Jahr am letzten Sonntag im Juli, am Tag der Kriegsmarine,
versammelte sich eine Truppe in Flanellhemden, Joppen,
schwar­zen Röcken und Matrosenmützen – Schifferhuren, zu
denen sich Nutten aus der Sjesshinskaja-Straße gesellten sowie Motten
vom Leninpark, angeführt von der Verdorbenen Arischka – am
Denkmal für den »Beschützer«, das zu Zeiten von »Zar Nikolascha,
seiner Frau Sascha und seiner Mutter Mascha« für die 1904
im Krieg gegen die Samurai gefallenen Seeleute aufgestellt worden
war, unweit der Kirow-Brücke im Leninpark.

Punkt zwei Uhr nachmittags sang nach einer Schweigeminute
zu Ehren der in allen Kriegen gefallenen Seeleute der Zunftchor.
Die Schar der Newa-Mädchen schmetterte mit rauen, fluchgeüb­ten
Stimmen das Lied vom stolzen Schlachtschiff »Waräger«, und
zwar so, dass dem feierlich versammelten Volk Schauer über den
Rücken liefen. Und Wassili, der Schiffsvorsänger, den der letzte
Krieg um die Hälfte verkürzt hatte, der einzige Bass zwischen den
Frauenstimmen, sang, spielte Akkordeon und dirigierte zugleich,
den Kopf mit der Matrosenmütze inmitten des Weiberhaufens
energisch hin und her schwingend.

Begeistert angefeuert von der Menge, sang der Chor sämtliche
Seemanns- und Schifferlieder, zum krönenden Abschluss das
Lieblingslied der Zunft:

Den Kutter voller fetter Fische
Lief Kostja in Odessa ein.
Die Schiffer klopften auf die Tische,
Kam Kostja in die Bar herein.

Statt »Kostja« sangen die Mädchen »Wassja«. Mit diesem
fröh­lichen Lied endete das Festprogramm. Die Aktion wirkte
organi­siert und weckte bei den Zuschauern keinerlei Misstrauen,
im Gegenteil, einige erhitzte Gemüter fielen in den Gesang der
Matrosenmädchen ein und rühmten mit ihnen zusammen das
Meer, die Flüsse und die Führer. Niemandem wäre in den Sinn
gekommen, dass die am Fuße des »Beschützers« so feierlich
Singenden in Marineuniform Schifferhuren waren und für einen
öffentlichen Auftritt keinerlei Genehmigung von den Partei-
behör­den in der Skorochodow-Straße besaßen.

Höhepunkt des Festes war eine zünftige Innungsfeier in einem
Waschhaus auf einem Hinterhof in der Ropschinskaja-Straße, zu
der außer den Luden auch die Flussfahrtobrigkeit in Gestalt der
Bootsleute eingeladen war. Zierde und Vorsänger war natürlich
Wassili. Es wurde gut gegessen und getrunken, gesungen, bis alle
heiser waren, getanzt bis an die Schamgrenze, gehüpft, getobt
und so weiter und so weiter, wie es sich gehört, bis weit nach
Mit­ternacht unter den Lauten aus dem Waschhaus deutlich lautes
Weiberklagen und unflätiges Männerfluchen auszumachen waren.
Kurz, man amüsierte sich »viehisch, bis zum Umfallen«, wie der
Hauswart Paramoscha es am nächsten Tag ausdrückte, trotz der
ihm von der Zunftältesten Schurka Falbe Stute als Schweigegeld
überreichten Flasche Moskowskaja-Wodka.

Bald nach dem Tod des schnauzbärtigen Führers begann die
massenhafte Vertreibung der Kriegskrüppel von unseren Inseln.
Sie wurden in eigens für sie eingerichtete Versehrtenheime in ehe­-
maligen Klostergebäuden weit weg von Piter umgesiedelt.

Gewiss nicht ohne das Zutun von Porzellanohr wurde Wassili
von Petrograd als einer der Ersten in ein spezielles Heim für
Totalamputierte im ehemaligen Nonnenkloster in Gorizy an der
Scheksna im Gebiet Wologda geschickt.

Zu seiner Abfahrt mit einem Newa-Flussdampfer versammelte
sich auf dem Platz vor dem Flusshafen außer seinem »Herzlieb­chen«
Lidka und den Beamten der Sozialbehörde eine Abordnung
der Schifferhuren in voller Marineuniform und mit Medaillen
»Für die Verteidigung Leningrads« und »Für den Sieg im Großen
Vaterländischen Krieg« auf den straffen Brüsten und überreichte
dem frisch geschniegelten und gebügelten Wassili ein Geschenk:
ein nagelneues Akkordeon, erstanden von den in Schurkas Artel
gesammelten Kopeken. Auf einem mit winzigen Schrauben am
perlmutternen Tastenteil befestigten kleinen Messingschild war
eine Inschrift eingraviert: »Dem Gardematrosen der Baltischen
Rotbannerflotte Wassili Iwanowitsch von den ihn liebenden
Petrograder Mädchen zur bleibenden Erinnerung. Mai 1954.«
Außer dem Akkordeon bekam der Marineheld drei große
Packun­gen seines geliebten Eau de Cologne überreicht, die mit der
Stra­ßenbahnlinie 25 von der fernen Petrograder Seite zum Prospekt
der Obuchow-Verteidigung gebracht worden waren, der einstigen
Schlüsselburg-Straße übrigens.

Kurz vor dem Ablegen erklang unter Leitung und Beteiligung
Wassilis und seines neuen Akkordeons das gesamte Standard-
repertoire des Chors der Schiffermädchen. Als Letztes sangen
sie mit besonderer Inbrunst und am Ende mit Tränen in den Augen:

Geliebte Stadt, schlaf ruhig und in Frieden,
Und träume süß, in zartes Frühlingsgrün gehüllt…

Ganz erstaunlich und überraschend war, dass unser Wassili, in
Gorizy angekommen, keineswegs verzagte, sondern sich im
Gegenteil voll entfaltete. In das ehemalige Nonnenkloster wurden
aus dem ganzen Nordwesten des Landes Totalamputierte
gebracht, also Menschen ohne Arme und Beine, im Volksmund
»Samoware« genannt. Wassili mit seiner Leidenschaft für den
Gesang machte aus diesen Rumpfmenschen einen Chor – den
»Samowar«-Chor – und fand darin den Sinn seines Lebens.

Die »Kloster«-Vorsteherin und die leitenden Ärzte und Pfleger
begrüßten Wassilis Initiative sehr und sahen über seinen Eau-
de-Cologne-Genuss hinweg. Die Schwestern und Pflegerinnen,
allen voran die Nervenärztin, vergötterten ihn und schätzten ihn
als ihren Beschützer vor den leidenschaftlichen Attacken der
unglücklichen männlichen Rümpfe auf ihren Leib.

Im Sommer trugen die kräftigen Wologdaer Frauen ihre
Schützlinge zweimal am Tag auf braungrünen Decken zum
»Spa­ziergang« vor die Klostermauern und setzten sie in die dicht
mit Gras und Büschen bewachsene Wiese auf dem Steilufer der
Scheksna. Und auf eben dieser Wiese kam es zu diversen Belästi­gungen.

Ein kräftiger, stupsnasiger rosiger »Samowar«-Rumpf in gelber
Unterhose, von den Klosterleuten zärtlich »Bläschen« genannt,
der Vorsänger in Wassilis neuem Chor, küsst die Hand des Mäd­chens,
von dem er getragen wird, und sagt: »Njuscha, du, Njuscha,
ich verzehr mich nach dir. Bitte hilf mir, besteig mich, du siehst
doch, wie er mir steht, der verfluchte Pimmel, er gibt keine Ruhe.
Ich bin doch kein Fremder, Njuscha, ich bin auch vom Land,
genau wie du … Dein Kerl kommt sowieso nicht wieder, was soll
er auch nach dem Armeedienst hier in Gorizy, Njuscha …«

»He, beiß mich nicht, Bläschen, das tut doch weh, ich lass dich
noch fallen. Du singst jetzt schön mit Wassja, das wird dich
be­ruhigen.«

Auf dem struppigen Deck des Steilufers wurden sie nach
Stim­men hingesetzt. Ganz oben der Vorsänger Bläschen, dann die
hohen Stimmen, darunter die Baritone, und näher am Fluss die
Bässe. Beim Morgenspaziergang wurde geprobt, und Wassja, im
Matrosenhemd, ein Arschleder untergeschnallt, hüpfte zwischen
den Stümpfen hin und her, belehrte und korrigierte jeden und ließ
niemandem Ruhe: »Backbord – mehr Dampf, am Heck – nicht so
schnell, Steuermann (Bläschen) – gut so!«

Abends, wenn unten Dreideckdampfer aus Moskau, Tscherepowez,
Piter und anderen Städten mit Passagieren an Bord an- oder
ablegten, gaben die »Samoware« unter Wassilis Leitung
ein Konzert. Nach dem lautstarken, heiseren Kommando: »Alle Mann
Achtung! Stimmt an, Brüder!« stieg über den Hügeln von
Wologda, über den Mauern des alten Klosters, das auf dem Steilufer
thronte, und über der Anlegestelle mit den Dampfern die klare Stimme
von Bläschen empor, und leidenschaftlich fiel ein mäch­tiger Männerchor ein
und sandte ein Seemannslied die Scheksna stromauf:

Das Meer zieht uns weit in die Ferne,
Es toben die Wellen am Strand.
Matrose, wir sehen die Sterne,
Und vor uns liegt ein fremdes Land.

Die satten, schick gekleideten Dreideckspassagiere erstarrten vor
Schreck und Überraschung ob der Kraft und Leidenschaft des
Gesangs.  Sie stellten sich auf Zehenspitzen und gingen auf die
obe­ren Decks ihres Dampfers, um zu sehen, wer dieses Klangwunder
vollbrachte. Doch im hohen Wologdaer Gras und im Ufergebüsch
waren die menschlichen Rümpfe, die dort sangen, nicht zu sehen.
Nur hin und wieder flog über den Büschen die Hand unseres
Landsmannes auf, der diesen weltweit einzigen Chor lebender
Rümpfe geschaffen hat. Flog auf und verschwand wieder im Laub­werk.

Schon bald verbreitete sich die Mär von dem großartigen
Klosterchor der »Samoware« aus Gorizy an der Scheksna im
ganzen Mariinski- Fluss- und Kanalgebiet, und Wassili von Petro­grad
wurde noch ein weiterer Titel verliehen:
Er hieß nun Wassili von Petrograd und Gorizy.

Jedes Jahr zum 1. Mai und zum 7. November trafen in Gorizy
aus Piter Päckchen mit dem allerbesten Eau de Cologne ein, bis
sie im Mai 1957 in die Tatarski-Gasse auf der Petrograder Seite
zurückkamen, mit dem Vermerk: »Empfänger unbekannt.«

————–

mit freundlicher Genehmigung des Autors Eduard Kotschergin, der Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt und des Persona Verlag, Mannheim, aus dem Buch „Die Engelspuppe“ Erzählungen

Lesung, 20.April,19:00

Majakowski-Stadtbibliothek
Nab. Reki Fontanki 46
191025 St. Petersburg
Tel.: + 7 812 5710004

RedakitionMarkus Müller

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