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Dittchenbühne mit Sudermanns „Reise nach Tilsit“ auf Ostsee-Tournee

Von   /  5. November 2018  /  Keine Kommentare

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eva.- In der Inszenierung von Sudermanns „Reise nach Tilsit“ durch die Elmshorner „Dittchenbühne“ konnte das Publikum viel Interessantes aus dem Brauchtum Ostpreussens und Litauens erfahren. Das Stück erwies sich jedoch als sehr bieder und bigott – der „Volksschriftsteller“ Sudermann zeigte sich von seiner konservativsten Seite.

Eine der wichtigsten und selbstauferlegten Aufgaben der „Dittchenbühne“ ist die Pflege des Brauchtums der früheren deutschen Ostgebiete und seiner AutorInnen. Mit der diesjährigen Aufführung der „Reise nach Tilsit“ kam sie dieser Pflicht in vieler Hinsicht sehr gewissenhaft nach.

Von den detailgetreu angefertigten Kostümen bis hin zum Fischerboot, das sogar den typischen Wimpel der Fischer auf dem kurischen Haff trug, war alle mit viel Liebe nachgestellt. Gleichzeitig musste die Bühnenausstattung wie immer knapp gehalten werden, damit sie innerhalb kürzester Zeit installiert und wieder abgebaut werden konnte.

Ein Fischer zwischen Ehefrau und Geliebter

Wiederum traten die Mitglieder des „Dittchenbühne“-Ensembles mit bemerkenswertem Engagement vor das russsische Publikum und erzählten die Geschichte „Reise nach Tilsit“ (Regie: Raimar Neufeldt) des ostpreussischen Autoren Hermann Sudermann (1857-1928): Ein Fischer (Ralf Skala), der mit seiner Frau (Katrin Cibin) am Kurischen Haff lebt, verfällt seiner Magd (Monique Wodtke) – und zwar soweit, dass er bereit ist, seine Frau während einer Schifffahrt nach Tilsit umzubringen. Während dieses Ausflugs wird ihm jedoch sein Unrecht bewusst, und er gesteht seiner Frau den Plan, die ihm jedoch grossherzig vergibt. Dennoch ertrinkt er auf der Rückfahrt während eines Unfalls als er am Steuer einschläft.

Die Geschichte ist einfach gestrickt, und genau so wurde sie auch gespielt. Höhepunkt war der Ausflug nach Tilsit. Hier erfuhr das Publikum vieles über die einst preussische Stadt, die heute Sowjetsk heisst und im russischen Kaliningrader Gebiet liegt. Gleichzeitig waren der Gewissenskampf im Herzen des Fischers und die böse Vorahnung seiner Frau zu spüren.

Und wenn sie nicht gestorben sind,…

Das Ende und die Moral der Geschichte waren hingegen wieder einfach und voraussehbar wie im Märchen: Der Fischer muss für seinen teuflischen Plan mit dem Leben büssen, seine Frau, die reine Seele, überlebt. Sie erwartet einen Sohn von ihrem verstorbenen Mann, heiratet einen wohlhabenden Gutsbesitzer und ihr älterer Sohn wird ganz ihrem Wunsch gemäss ein gottesfürchtiger Pfarrer. Und wenn sie nicht gestorben sind,…

Obschon sich Sudermann zu seiner Zeit in vieler Hinsicht als durchaus progressiver Autor erwies und sich unter anderen als Vorsitzender des „Goethe-Bundes“ gegen Zensur und Prüderie in der deutschen Kulturwelt einsetzte, erscheint „Die Reise nach Tilsit“ heute als ausgesprochen bieder und bigott. Es wäre ein Leichtes gewesen, der Geschichte einen etwas weniger altmodischen Charakter zu geben, indem man den schuldigen Fischer hätte überleben lassen – so wie der niederländische Regisseur Veit Varlan es 1939 in seiner Verfilmung derselben Erzählung gemacht hat.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.dittchenbuehne.de

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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