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Dittchenbühne brachte Petersburger Publikum zum Lachen und Nachdenken

Von   /  2. November 2017  /  Keine Kommentare

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eva.- Mit Brechts Klassiker „Herr Puntilla und sein Knecht Matti“ sorgte die Dittchenbühne aus Elmshorn für einen lustigen Abend im Jugendhaus „Rekord“. Das volkstümliche Stück hat mehr Tiefgang als es auf den ersten Blick scheint – ausserdem hat es einen interessanten Bezug zur Region.

Arm und Reich, Alt und Jung – diese Gegensätze bestimmen wie in den meisten Volkstheaterstücken die Geschicke in Brechts „Herr Puntilla und sein Knecht Matti“. Der reiche Gutsbesitzer Puntilla (Ralf Skala) hat eine hübsche Tochter (Maya Trojanowski), der zwar der junge Chauffeur Matti (Sascha Müller) gefällt, die aber den bejahrten „Attaché“ (Kai Göhring) heiraten soll. Dieses Dilemma ist so bewährt wie verbreitet in Schwänken aller Art.

Nur hat diese Geschichte mehrere Haken, mit denen Brecht das alte Schema aushebelt und wie es sich gehört Klassenkampf und Sozialkritik in sein Stück einbringt. Erstens ist der reiche Puntilla sehr unberechenbar: Besoffen ist er ein Menschenfreund – einen grössren findst Du nicht. Nüchtern hingegen ist er ein unmenschlicher Ausbeuter. Zweitens will seine Tochter Eva am Anfang den Fahrer Matti heiraten, aber bis zum Ende des Stücks überlegt sie es sich dann doch anders, und ein Happy-End bleibt aus.

Der tiefe Graben zwischen Arm und Reich

Das Stück war wie geschaffen für die Dittchenbühne, die mit Hingabe zur Sache ging und das Publikum begeisterte. Die Truppe aus Elmshorn meisterte auch jene Szenen, in denen klar wird, dass das Stück mehr als einen und sogar mehr als einen doppelten Boden besitzt. Nachdem nämlich der Knecht Matti und Eva mit einer vorgetäuschten Liebeszene im Badehaus den Attaché schockiert haben und sich Puntillas Tochter mit Feuer und Flamme vermählen will, erteilt ihr Matti eine Abfuhr.

Vor versammelter Gesellschaft demonstriert er ihr, dass sie sich als verzärteltes Fräulein aus feinem Haus kaum für das raue Leben in der Arbeiterklasse eignen würde. Eva gibt sich zwar alle Mühe, Matti vom Gegenteil zu überzeugen, als sie jedoch versteht, dass sie in Mattis Haus neben harter Arbeit auch die Unterordnung unter Mattis grobe männliche Autorität erwartet, vergeht ihr die Heiratslaune.

Kein Happy-End

Die zweite kalte Dusche muss der Gutsbesitzer Puntilla erleben, als er Matti im Suff sein ganzes Land schenken will, erklärt sein Knecht, dass er die Rolle als Sklave eines wankelmütigen Säufers nicht mehr erträgt – und geht. Punkt. Damit demonstriert Brecht nicht nur die Unüberwindbarkeit der sozialen Gegensätze, sondern auch das unmenschliche Gesicht des Kapitalismus. Mag Puntilla im Rausch auch ein noch so grosszügig und warmherzig sein, so ist und bleibt er doch in der nüchternen Wirklichkeit ein kaltherziger Sklavenhalter.

Immerhin weicht der finnische Kolorit das Klassenschema ein wenig auf. Brecht schrieb sein Stück 1941 als er sich im finnischen Exil bei der „Sägemehlprinzessin“ Hella Wuolijoki aufhielt. Diese eigenwillige Schriftstellerin, Journalistin, Schriftstellerin und Geschäftsfrau im holzverarbeitenden Gewerbe gewährte Brecht und anderen Menschen auf der Flucht Unterschlupf. Wie man heute weiss, hatte sie wesentlichen Anteil an der Entstehung und Verbreitung von Brechts Stück.

Obschon Wuolijoki eine grosse finnische Patriotin war, sympathisierte sie mit dem Sozialismus und wurde 1943 fast zum Tod verurteilt, weil sie eine russische Spionin versteckt hatte. Später wurde sie Abgeordnete im finnischen Parlament. Dieser Hintergrund gibt dem Stück neben seiner politischen Botschaft einen sehr menschlichen Zug, durch den es sich von anderen Werken Brechts abhebt.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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