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Die Schweiz, ein armes Land – Theo Freys Bilder bei Rosfoto

Von   /  31. Dezember 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die Fotografien des schweizer Fotojournalisten Theo Frey (1908-97) zeigen dem russischen Publikum die Schweiz einmal von einer anderen Seite: bitterarme Menschen in einem konservativen und rückständigen Land ohne soziale Gerechtigkeit.

Wäre nicht die Berglandschaft im Hintergrund, könnten es die Bilder von Dorothea Lange oder Walker Evans sein, die in den Dreissigerjahren das Elend der amerikanischen Farmer während der „Grossen Depression“ festhielten: Kinder in Lumpen, die nach Kartoffeln graben, abgearbeitete Bauernfamilien in schmutzigen Häusern, Korbmacher mit hungrigen Gesichtern in ihren Zelten… Die Bilder aus dem Entlebuch, dem Wallis, dem Muothatal, dem Tessin und anderen Regionen zeigen weiss Gott eine andere Schweiz als die fotografische „Schokoladensauce“, welche „Schweiz Präsent“ in Russland verbreitet.

Die Schweiz der Zwischenkriegszeit, des Aktivdienstes und der Fünfzigerjahre ist eine vergessene Schweiz. Die Menschen dieser Generation, die Bauern, Büetzer und „Chrampfer“ sind gestorben oder im Altersheim, ernährt von einem Sozialstaat, den sie sich hart erspart haben und den es bei ihrer Geburt noch nicht gab. Ein „freies Volk“ in Knechtschaft – ungebildet und mit Haut und Haaren der Macht der Fabrikanten, der Kirche und dem bürgerlich-kapitalistischen Establishment ausgeliefert. Ein Land, in dem die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer wurden, und in dem die hartherzige Führungsschicht den soziale Fortschritt nur aus Angst vor Revolutionen und Umstürzen in den Nachbarländern zuliess.

Bilder aus dem Alltag der schweizerischen Arbeiter- und Bauernklasse

Immerhin wurde ein Teil der Aufnahmen von Theo Frey offiziell für die Landesausstellung von 1939 gemacht. Frey versuchte dabei einen möglichst objektiven Querschnitt durch die schweizer Gesellschaft von damals zu zeigen mit einem Hauptakzent auf der bäuerlichen Bevölkerung. Die Bezeichnung „objektiv“ trifft hier sicher wie selten zu – es ist aber keine „kalte“ Objektivität. Frey dokumentierte mit Herz, reihte Bild auf Bild aus dem Alltag der schweizerischen Arbeiter- und Bauernklasse.

Frey war kein Ästhet wie sein Zeitgenosse Gotthard Schuh, der in „Inseln der Götter“ die traumhafte Schönheit Balis zeigte. Auch kein direktes politisches Engagement spricht aus seinen Fotos, etwa wie bei Hans Staub, der für Arnold Küblers Zürcher Illustrierte fotografierte und schrieb. Gestalterisch gesehen sind Freys Bilder stets „wohltemperiert“ – das quadratische 6×6-Format seiner Rolleiflex, das von vielen Fotografen hinterher in der Dunkelkammer beschnitten wurde, ist bei ihm fast immer beibehalten und verleiht den Bildern trotz ihres dramatischen Inhalts Ruhe und Ausgeglichenheit.

Die Welt von Friedrich Glausers Romanen

Aber Frey hatte ein Herz für die Armen und wollte diese Seite der Schweiz zeigen, die wohl manche gerne versteckt hätten. Es ist jene Welt, wie sie Friedrich Walser in seinen Kriminalromanen meisterhaft beschrieb – die Welt der Verdingbuben, der geldgierigen Geschäftleute und korrupten Gemeinderäte, in der die Menschen arm geboren werden, um nach einem kurzen und freudlosen Leben arm zu sterben. Frey, ein stiller, bescheidener „Bild-Arbeiter“, der oft zu Fuss unterwegs war und fotografierte, wer ihm auf der schmutzigen Landstrasse begegnete: Arbeitslose, Gaukler und Fahrende.

Freys unprätentiöse passte den Konservativen – der „trockenen“ und bürgerlichen Neuen Zürcher Zeitung, aber auch der Armee-Leitung, die Frey während des Zweiten Weltkriegs mit der Gründung eines „Fotografen-Détachements“ beauftragte und ihn 1941 zum offiziellen Fotografen am „Rütli-Rapport“ ernannte. Seinem sozialen Gewissen und dokumentarischen „Pflicht“ blieb er treu. Bis zum Ende seiner Fotografenkarriere arbeitete er für zahlreiche Hilfswerke, das Rote Kreuz, die Schweizer Berghilfe, Pro Infirmis, Pro Juventute usw. Dabei geriet er nach dem Krieg über die Landesgrenze und begegnete dort den verängstigten und hungrigen Augen der Kriegsopfer und KZ-Sträflinge.

Ausstellung ohne nachvollziehbares Konzept

Leider ist die Ausstellung im Petersburger Fotozentrum ohne jedes erkennbare Konzept gehängt worden. Bilder aus Kriegs- Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit sind in wilder Unordnung nebeneinander gesetzt. Auch Informationen zum Bildinhalts oder zum historischen Hintergrund fehlen oft, was gerade im Fall von Freys dokumentarischer „Mission“ wichtig gewesen wäre. Trotzdem verfehlt die Ausstellung ihre Wirkung nicht und schildert dem russischen Publikum auf erschütternde Weise das Leben der „Verdammten dieser Erde“ – jenen in der Schweiz.

Bild: Theo Frey/ Fotostiftung Schweiz

Bis am 15. Februar 2014. ROSFOTO (Staatliches Zentrum für Photographie), ul. Bolschaja Morskaja 35. Eintritt: 100 Rubel. Tel. 314- 12-14. www.rosfoto.org

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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