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Die Saporoscher Kosaken: Repin bringt die Leinwand zum Lachen

Von   /  27. März 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Obwohl die lachenden Kosaken nicht zu den berühmtesten Werken Ilia Repins gehört, ist es zweifellos eines seiner glanzvollsten Werke. Während dreizehn Jahren hat der Historienmaler die Kultur des freiheitsliebenden Reitervolks erforscht und schliesslich diese Sinfonie der Heiterkeit komponiert.

Sagt ein Bild mehr als tausend Worte, so vermag dieses Bild vermutlich lauter zu lachen als tausend ausgewachsene Männer: „Die Saporoscher Kosaken schreiben an Sultan Mohamed IV. einen Brief“ (217×361 cm), das sich neben Repins wohl berühmtesten Gemälde, die Wolgatreidler, im Russischen Museum befindet. Es zeigt das Reitervolk in einer unerwarteten Situation – statt auf ihren Pferden ins Kampfgetümmel zu jagen, sitzen die wilden Gesellen um einen Tisch. Einer von ihnen verfasst darauf mit Feder auf Pergament einen Brief, über den seine Kameraden in Gelächter ausbrechen. Wie kam der Maler darauf, sie ausgerechnet auf diese Weise darzustellen?

Gesellschaftskritiker verkehrte in hohen Kreisen

Der Ukrainer Ilia Repin (1844-1930) war als Zwanzigjähriger nach St. Petersburg gekommen, absolvierte dort die Kunstakademie und erlangte 1872 mit seinen Wolgaschleppern schlagartig grosse Popularität. Das Bild brachte ihm nicht nur ein Auslandstipendium ein, sondern bestimmte seinen weiteren Weg als Mitglied der sozialkritischen „Wanderer“-Bewegung („Peredwischniki“). Obschon die akademischen Kreisen diese Richtung als „Profanisierung“ der Kunst kritisierten, schenkte man den anprangernden Bildern aus dem Leben und der Geschichte Russlands grosse Beachtung.

Repin verkehrte trotz seines sozialen Engagements in hohen Kreisen der Gesellschaft und wurde unter anderem in das Haus des Moskauer Industriellen und Mäzen Mamontow eingeladen, wo man über Kunst, Politik und Philosophie diskutierte, sowie Lesungen und Konzerte gab. An einem solchen Treffen bekam Repin die Geschichte vom unverschämten Brief zu hören, den die Saporoscher Kosaken an den türkischen Sultan sandten, nachdem sie von ihm die Aufforderung zur Kapitulation erhalten hatten.

Unbändiger Freiheitswille der Kosaken

Die Kosaken, die zeitweise grosse Gebiete des Kaukasus, Südrusslands und der Ukraine beherrschten und gegenüber ihren polnisch-litauischen, russischen und türkischen Nachbarn lange ihre Unabhängigkeit behaupteten, waren im 19. Jahrhundert ein beliebtes Motiv für Legenden. So wählte Gogol das kriegerische Volk und seine Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert als Motiv für seine nationalistische Novelle Taras Burba. Repin, selbst Sohn eines Kosaken, war gefesselt von dieser Kultur – „Niemand auf der ganzen Welt hat so tief Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit empfunden wie sie!“ soll er über seine Vorfahren gesagt haben.

Allein die Vorarbeiten für sein Bild dauerten von 1878-1887. Auf zahlreichen Reisen in die Ukraine und insbesondere in den kleinen Ort Setschi bei Dnepropetrowsk studierte der Maler die Kosakenkultur und fertigte eine Grosszahl von Skizzen und Entwürfe an. Nach insgesamt neun Jahren Recherche brauchte Repin vier weitere, um die zwei mehrmals übermalten Fassungen der Kosakenszene aufzubauen.

Das Lachen als Waffe

Für den russischen Kunsthistoriker Boris Stoljarow ist das Lachen das zentrale Element des Bilds. Es symbolisiere hier die Kraft und die Rechtschaffenheit der Saporoscher gegenüber den fremden Machthabern. Gleichzeitig verkörpere das Lachen jene Waffe, mit der die Kosaken ihren Gegner psychologisch vernichteten.

Stoljarow weist ausserdem auf die Vielfalt der verschiedenen Lacher hin, mit der Repin die Grenze des visuellen Ausdrucks überschreitet und sein Bild zum lachen bringt. Tatsächlich amüsiert sich jeder der rauhen Burschen auf seine Weise über das unverschämte Schriftstück, während der Schreiber selbst ein ernstes und konzentriertes Gesicht macht. Die drei kahlgeschorenen Krieger am Tisch scheinen Witze über den Sultan zu reissen und können sich vor Lachen kaum halten.

In der Vierergruppe links vom Schreiber sind alle Abstufungen vom Schmunzeln bis zum lauten Gelächter abzulesen. Das schallende Lachen des Anführers, der sich den Bauch hält, übertönt alles andere und scheint über die Soldaten daneben an das gesamte Kosakenheer dahinter weitergegeben zu werden.

Auch optisch scheint breitet sich das Lachen wie aus einer Spirale hinaus vom Schreiber im Zentrum über die Haltungen und Gesten der Männer über das ganze Bild aus. Dank dieser lebensnahen Darstellung und ihrer emotionalen Steigerung weiss das Publikum von der Absage an die Türken und spürt deren Hohn und Verachtung, ohne den Brief lesen zu können.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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