Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

„Die letzte Adresse“ – Erinnern in einer Zeit des Vergessens

Von   /  27. März 2015  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

TOPTICKER.- Die Aktion „Letzte Adresse“ widerspricht dem momentanen Trend in Russland, die Zeit des Stalinismus zu glorifizieren und ihre Millionen von Opfern zu vergessen. Mit kleinen Metalltafeln mit knappen biografischen Angaben der Opfer, wollen die Organisation „Memorial“ und freiwillige Helfer die Bevölkerung daran erinnern, wo die Menschen lebten, bevor sie verschleppt, abgeurteilt, eingesperrt und ermordet wurden.

„Geboren, verhaftet, gestorben, rehabilitiert“ – ausser den Namen, dem Beruf und den Jahresdaten wiederholen sich die Angaben auf den Metallschildern mit ausgeschnittenen Quadrat schematisch. In den Jahren des Stalinterrors der von den Dreissigerjahren bis zum Tod des blutrünstigen Diktators 1953 dauerte, herrschte in der Sowjetunion ein Klima der Angst – die Angst vor den schwarzen Autos und den schwarzen Männern des NKWD, die Angst vor Denunziation, vor dem Klopfen an die Wohnungstür im Morgengrauen, wenn man die Menschen für immer abholte. Niemand sollte es sehen, wenn die Nachbarn verschwanden, und wer etwas sah, sollte es möglichst schnell vergessen.

Gegen dieses Vergessen und gegen eine Mystifizierung der Sowjet- und insbesondere der Stalin-Zeit engagiert sich eine kleine Gruppe von Freiwilligen in Moskau und seit kurzem auch in St. Petersburg. Am 22. März wurden in der zweiten russischen Hauptstadt am Gebäude des Anna Achmatowa-Museums zwei Schilder angebracht. Das eine erinnert an den 1888 geborenen Kunsthistoriker Nikolai Punin, der 1949 verhaftet wurde und 1953 in einem Arbeitslager in der Komi-Republik starb. Das zweite an den 1920 geborenen Berufsoldaten Heinrich Kaminsky, der 1941 verhaftet wurde und im sibirischen Arbeitslager ums Leben kam.

Russische „Stolpersteine“

Bisher hatte es solche kleine Erinnerungstafel, die der Aktion „Stolpersteine“ in Deutschland nachempfunden sind, nur in Moskau gegeben. Doch vor kurzem hatte sich auch in Petersburg eine Gruppe Freiwilliger gegründet, die aus dem Herausgeber der Lokalzeitung „Moi Rayon“ Grigori Kunis, dem Kunsthistoriker Nikolai Iwanow, dem „Memorial“-Mitarbeiter Ewgeni Kulakow sowie der Journalistin der „Nowaja Gaseta“ Nataljya Schkurjonok besteht.

Die Existenz einer solchen Freiwilligengruppe ist die Grundvoraussetzung dafür, dass in einer Ortschaft Namenstafeln angebracht werden. In einer ersten Tranche wurden zwölf Tafeln an fünf Häusern am Liteiny-Prospekt 53, an der Fontanka 129, Puschkinskaja 19, Rubinsteina 23 und an der Uliza Dekabristow 9 angebracht. Im April werden neue Erinnerungstafeln folgen, schon liegen weitere 70 Anträge vor.

Anträge aus Ex-Sowjetrepubliken

Ihre Bearbeitung braucht seine Zeit, weil sämtliche Daten zuerst im eigenen Archiv und per Antrag bei der russischen Justiz verifiziert werden müssen. Die Anfertigung und Montage einer Adresstafel kostet 4000 Rubel und wird vorwiegend aus Spenden finanziert. Nicht nur aus russischen Städten, auch aus den ehemaligen sowjetischen Gebieten, dem Baltikum, Weissrussland, der Ukraine und Armenien. Voraussetzung für die Umsetzung ist auch dort die Gründung einer Freiwilligengruppe. Sie kümmert sich nicht nur um die Koordination des Projekts vor Ort, sondern steht auch dafür, dass sich die Menschen am betreffenden Ort an die schreckliche Vergangenheit erinnern wollen.

Nach Angaben von „Memorial“ wurden zwischen 11 und 39 Millionen Menschen Opfer des Sowjetsystems, von ihnen wurden 4,5 Millionen aus politischen Gründen verurteilt. Mehr als eine Million von ihnen wurden erschossen, die übrigen verschickte man ins GULAG. Die Organisation „Memorial“ wurde 2014 auf die Liste der „Ausländischen Agenten“ gesetzt, mehrfach wurden ihre Niederlassungen durchsucht. (eva)

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

www.poslednyadres.ru

Weitere Neuigkeiten finden Sie auf unserem Nachrichtenticker >>>

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Menschenrechtsorganisation “Memorial” und weitere vier NGOs zu “ausländischen Agenten” erklärt

Gerichtsentscheid: “Memorial”-Durchsuchung war gesetzeswidrig

[the_ad_placement id=\“single\“]

 

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Die Stolpersteine, welche in Deutschland an die Opfer des Nazionalsozialismuss, namentlich jüdische Mitbürger erinnern sind ein ähnliches Projekt. Sie erinnern an Menschen die vom totalitären Staat grausam aus dem Leben gerissen wurden und dem Vergessen preisgegeben wurden. Eine unterstützenwerte Aktion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Geschichte: Johann Strauss und der „Musik-Bahnhof“ Pawlowsk

mehr…