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Die guten, alten, schlechten Zeiten – DDR-Dissidentin Vera Lengsfeld erzählte in Petersburg über ihre Vergangenheit

Von   /  30. Juni 2009  /  Keine Kommentare

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An einer Lesung erinnnerte sich die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld an die Jahre hinter dem Eisernen Vorhang und dessen Ende. Dabei kam es zu einer interessanten Diskussion mit Zuhörern aus der Ex-Sowjetunion über die Gemeinsamkeiten im „sozialistischen Lager“ – und die Unterschiede. Zum Beispiel stellte sich die Frage, wer damals freier gewesen sei, die Bürger der Sowjetunion oder jene der DDR.

Von Eugen von Arb

Obschon Vera Lengsfeld an der kurz bevorstehenden Bundestagswahl teilnimmt, schaffte sie es, an dieser von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem deutschen Generalkonsulat gemeinsam organisierten Veranstaltung als Privatperson aufzutreten. Natürlich konnte das Ganze nicht ohne Politik abgehen – als Dissidentin wurde ihr Schicksal von der Politik weitgehend bestimmt. Doch Parteipolitik und Karriere bleiben in ihrem Buch „Mein Weg zur Freiheit“ im Hintergrund. Persönliche Erinnerungen aus dem DDR-Alltag, die im Rückblick analysiert werden, füllen das spannende Buch.


Ein Land, in dem es schwer war, jung zu sein

Auch Lengsfeld war einmal jung – davon, wie schwer es war, in der DDR jung zu sein, handelt ein Kapitel. Obschon gut behütet, hatten DDR-Kinder schnell erwachsen zu werden, zumindest bewertete der Staat jungendliche Dummheiten schnell als staatsgefährdend und bestrafte sie mit grosser Härte.

So wurde Lengsfeld während ihrer Berliner Schulzeit Zeugin davon, wie das Gerücht, die Rolling Stones würden auf dem Springer-Hochhaus ein Konzert abhalten, zu einem Aufruhr führte. Dutzende Jugendlicher, die ein Blick über die Mauer auf die Musik-Stars erhaschen wollten, wurden verhaftet, von der Schule oder Uni verwiesen und eingesperrt – das, obschon das Konzert nie stattfand. „Selten wurde soviel für nichts riskiert“, schreibt Lengsfeld dazu.

Was einen heute schmunzeln lässt, gehörte damals zum Alltag

Vera Lengsfeld (Foto: Eugen von Arb/ SPB-Herold)Wie sehr das Volk den Leistungs-Wettlauf mit dem „kapitalistischen Ausland“ zu spüren bekam, schildert die Autorin in jenen Abschnitten über Versorgungsknappheit, „Intershops“ (Geschäfte mit „Westwaren“) und Preis-Schummeleien des Staats. Die DDR verlor das Rennen – schon im Winter 1977/78 schlitterte das Land in eine Energieversorgungskrise, von der es sich nie wieder erholen sollte. Im Prinzip sei es eine grossartige propagandistische Leistung, dass die DDR trotz des sichtbaren und starken Zerfalls bis 1989 durchgehalten habe, analysierte Lengsfeld.

Viele Details, einen heute schmunzeln lassen, gehörten damals einfach zum Alltag – und zwar überall „im Osten“. Dass die meisten Russinnen und Russen im Publikum wussten, wovon Lengsfeld sprach, war sofort zu spüren. Dementsprechend gross war ihre Sympathie für diese Deutsche, die ihre Vergangenheit und ihre Probleme versteht – eine rege Diskussion begann.

Die DDR: gut  versorgt, aber humorlos

Zentrales Thema war jene Freiheit, die es auch im Sozialismus trotz aller Repression gab – wenn auch nur hinter verschlossenen Türen. Während Lengsfeld erzählte, sie habe über die stalinistischen Verbrechen erst während einer Reise in die UdSSR gehört, schilderten Leute aus dem Publikum die DDR als ein „Paradies“ mit vollen Ladenregalen und freundlichen Verkäuferinnen.

Schliesslich „einigte“ man sich darauf: Die DDR war zwar viel besser versorgt, dafür in politisch-ideologischen Angelegenheiten absolut humorlos und verkrampft. In der Sowjetunion hingegen, wo die Versorgungslage of katastrophal war, blühte der politisch-doppelbödige Witz.

„Kleine Schritte“ in die Sackgasse

Web_p6241537Die ständige Angst vor Abweichlern und die Unterdrückung jeglicher Eigeninitiative zermürbten den DDR-Staat auch menschlich. Lengsfeld machte die Situation anhand des leckenden Dachs ihrer Berliner Wohnung deutlich.

Einerseits wurde ihr verboten, den Schaden selbst zu beheben – andererseits wartete die staatliche Wohnungsverwaltung so lange, bis bereits das Gebälk zu faulen begann. „Als ich jung war, glaubte ich, etwas verändern zu können und trat darum der Partei bei“, erklärte sie. „Doch sogar die Politik der kleinen Schritte erwies sich als Sackgasse“.

Bild: Geriet von der SED in die DDR-Opposition – die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld schilderte ihre Erlebnisse im sozialistischen Deutschland.

(Foto: Eugen von Arb/SPB-Herold)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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