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Die Geschichte der Russlanddeutschen hat noch viele blinde Flecken

Von   /  31. März 2012  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Eine Buchpräsentation und eine Diskussionsrunde im Museum für politische Geschichte St. Petersburg waren dem Thema „70 Jahre nach der Deportation der Russlanddeutschen – historische Folgen, Rehabilitation und die Realität der Gegenwart“ gewidmet. An der Veranstaltungen nahmen Historikerinnen und Historiker, sowie engagierte Persönlichkeiten und Nachkommen der repressierten russlanddeutschen Generation teil (siehe Fotogalerie).


Das Schicksal der Russlanddeutschen ist einerseits relativ gut historisch aufgearbeitet, andererseits existieren sogar bei namhaften Historikern noch viele falsche Vorstellungen, besonders über die Rolle der Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg. Mit dem Buch „Die Leningrader Deutschen. Das Schicksal der Kriegsgeneration. 1941-1955“ wollte die Autorin Irina Tscherkasjanowa einiges klarstellen. Sie hätte die Buchinterpretation wahrscheinlich in einem bescheidenerem Rahmen durchführen können, doch eine Sendung am Radio „Echo Moskwy“ habe sie dazu bewogen, einen runden Tisch zu organisieren, meinte sie bei der Eröffnung.

Während dieses Radiobeitrags sei ihr klar geworden, wie viele entgegengesetzte Meinungen über die Russlanddeutschen in den Kriegsjahren immer noch existierten. Zum Beispiel habe ein Historiker in der Diskussion die offizielle Meinung von 1941  vertreten, nach der die Wolga-Deutschen hätten deportiert werden müssen, weil sie deutsche Fallschirmspringer und Agenten unterstützt und einen Umsturz gegen die Sowjetregierung vorbereitet hätten.

Die Angst liess die Russlanddeutschen ihre Herkunft und ihre Sprache

Vielerorts sind diese „schwarzweissen“ Ansichten noch vorhanden, obschon die Russlanddeutschen zu dieser Zeit als Opfer zwischen die Fronten gerieten. Auf russischer Seite wurden sie repressiert, getötet oder in Lager verschickt, wer hinter die Front geriet, wurde als „Volksdeutscher“ zur Umsiedlung in die besetzten polnischen Gebiete genötigt, als Hilfskraft nach Deutschland geschickt oder in die Wehrmacht eingezogen. Wer das alles überlebte, geriet nach dem Krieg bei der Rückkehr nach Russland erneut in die Knochenmühle Stalins und wurde als „Faschist“ erneut bestraft und gedemütigt.

Die Angst der Menschen liess sie ihre Herkunft und ihre Sprache und damit ihre Identität verleugnen und vergessen. Dass noch heute viele Nachkommen von Russlanddeutschen nicht über ihre Vergangenheit wissen, bestätigte der Direktor des Museums für politische Geschichte Ewgeni Artjomow. Er habe erst vor einem Jahr erfahren, dass seine Ahnen Russlanddeutsche gewesen seien, erzählte er an der Eröffnung der Veranstaltung, nachdem ihm Arina Nemkowa, die Leiterin des Deutsch-Russischen Begegnungszentrum ein Exemplar des Buchs überreichte.

Menschen lebten bereits seit Jahren in Angst

Während des Forum wurden einzelne Aspekte des Themas zur Sprache gebracht, die Moderation übernahm Irina Tscherkasjanowa. Anatoli Rasumow, Leiter des Zentrum „Die Rückkehr der Namen“ und Redaktor des Buchs „Leningrader Martyrolog“, erläuterte die Bedinungen des „Terrors“ jener Zeit. Er gab zu bedenken, dass die Repressionen schon lange vor 1941, ab dem Jahr 1936 für alle Bewohner der Sowjetunion eingesetzt hätten.

Als die Deportationen einsetzten, hätten die Menschen schon Jahre in Angst vor der Verhaftung gelebt. Die „Nationale Linie“, Menschen aufgrund ihrer Nationalität zu verurteilen, hätten ab 1937 eingesetzt – für viele unerwartet, sei doch die Sowjetunion immer als multinationaler Staat angepriesen worden. Zum Beispiel seien in diesem Jahr im ganzen Land sämtliche nationalen Landwirtschaftsräte der Kolchosen aufgelöst worden. Zum Geburtstag Stalins seien im ganzen Land tausende Menschen erschossen worden.

Auch Antifaschisten wurden verhaftet

Man begann Verhaftungslisten nach Nationalitäten aufzustellen – im „Leningrader Martyrolog“ seien 36 Listen mit über 3000 deutschen „Spionen und Volksfeinden“ verzeichnet, die alle erschossen worden seien, erklärte Rasumow. Unter ihnen befände sich auch Viktor Bulla – ein Sohn aus der bekannten Fotografendynastie.

Oft werde ihm nicht geglaubt, dass unter den Verhafteten auch erklärte Antifaschisten gewesen seien. Dabei wisse man heute, dass ab 1938 Flüchtlinge aus Deutschland gleich an der Grenze verhaftet, erschossen oder ins Lager verschickt worden seien. In der UdSSR seien insgesamt rund eine Million Russlanddeutscher repressiert worden – die Deutschen gehörten damit zu den am meisten repressierten Völker Russlands.

Russlanddeutsche keine Bedrohung für UdSSR

Vadim Musajew, Historiker am historischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften beschäftigte sich mit der Frage, ob von den Russlanddeutschen eine Bedrohung ausgegangen sei. „Nicht mehr als von jeder anderen Volksgruppe der Sowjetunion“ – so lautete seine Antwort. Er gab zu bedenken, dass dieser Irrtum auch in anderen Ländern begangen worden sei, so in England oder Frankreich, wo man bei Kriegsausbruch Deutsche internierte oder in den USA, wo man 1941 Japaner verhaftete. Es habe wohl einzelne deutsche Spione in Leningrad gegeben, aber das sei noch kein Grund gewesen, eine ganze Nation anzuklagen. Ausserdem sei es in der von Panik und Angst geprägten Atmosphäre leicht gewesen, als Deutscher denunziert zu werden.

Dazwischen ging Tscherkasjanowa noch auf falsche Gerüchte ein, die heute in der Bevölkerung kursierten. Beispielsweise habe man sie schon gefragt, ob das stimme, dass die Deutschen während des Abtransports der Russlanddeutschen extra das Feuer eingestellt hätten. Solche Vorstellungen seien dadurch entstanden, dass man die Deportationen offiziell als „Spez-Evakuationen“ bezeichnet habe. Dadurch sei der Eindruck entstanden, die Russlanddeutschen seien gegenüber der übrigen Bevölkerung bevorzugt behandelt worden.

Strelna: russisch-deutsche Nachbarschaft

Mit dem Auftritt von Nina Simonowa, Leiterin der Inge-Bibliothek in Strelna wurde ein Schritt in die Gegenwart gemacht. Simonowa berichtete über die Stimmung während der Gründung der deutschen Siedlung Neudorf-Strelna ab 1996. Mit Hilfe von Zeitungsausschnitten versuchte sie die Haltung der Russen von heute gegenüber den Deutschen zu beschreiben. Natürlich habe es damals Bemerkungen gegeben, man nehme den Russen ihren Boden weg und zerstöre ein Naherholungsgebiet, um die Siedlung zu bauen, aber grösstenteils seien die Kommentare freundlich gewesen. Jemand habe die Russlanddeutschen sogar als „solche von uns“ willkommen geheissen. Bis heute hätten sich die freundschaftlichen Beziehungen erhalten, die Russen interessierten sich für die Geschichte der Russlanddeutschen und ihrer Siedlung, die einst in Strelna existierte.

Das Buch „Die Leningrader Deutschen. Das Schicksal der Kriegsgeneration. 1941-1955“ umfasst knapp 400 Seiten mit zahlreichen Fotos und Illustrationen, historischem Quellenmaterial und Namenslisten und ist 2011 im Nestor-Istoria-Verlag St.Petersburg erschienen. ISBN 978-5-98187-934-0

www.drb.ru

www.polithistory.ru

Weitere Artikel zu diesem Thema:

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Noch viele blinde Flecken – schreiben Sie.
    Ja, ich finde, das ist richtig. Deshalb bearbeite ich die Vernehmungsprotokolle der Russlandrückkehrer, die in den 1930er Jahren nach Deutschland gekommen sind, darunter viele Kolonisten aus Georgien und aus der Ukraine. Wenn jemand solche Rückkehrer kennt oder aus der Familie solcher Rückkehrer stammt, bin ich an Kontakt interessiert.
    Wilhelm Mensing
    D-53177 Bonn
    http://www.nkwd-und-gestapo.de

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