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Die Entfesselung der Widerspenstigen – „Die Haare“ von Veronika Rudyeva-Ryazantseva in der Erarta-Galerie Zürich

Von   /  22. Dezember 2012  /  Keine Kommentare

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tk.- Die St. Petersburger Galerie Erarta zeigt in ihrer Dépendance in Zürich eine Serie von Gemälden „Die Haare“ der jungen Künstlerin aus Krasnojarsk Veronika Rudyeva-Ryazantseva. Einige Werke davon wurden bereits 2010 an der Moscow Biennale for Young Art „Stop! Who goes there?“ ausgestellt.

tk.- In ihrer aktuellen Ausstellung in Erarta Zürich „Blowing the Ego“ treibt Veronika Rudyeva-Ryazantseva ein neckisches Spiel mit dem Betrachter und zugleich mit dem Darstellungskanon von Frauen bei ihrer Morgentoilette in der europäischen Kunst.

Die Serie zeigt junge Frauen in Jeans und T-Shirt; mit dem Föhn in der Hand als heisse Luft produzierendem ständigen Begleiter. Das offene, lange Haar ist entweder zur Seite oder nach vorne geworfen, so dass wir ihre Gesichter gar nicht erkennen können. Die Haare sind ungebändigt, fliegend, sich zerstreuend. In der europäischen Kunst ist dies ein vielfach variiertes Thema.  Die Beispiele reichen von der jungfräulichen Gottesmutter Maria, der Eva im Paradies, der Morgengöttin Aurora bis hin zur Liebesgöttin Venus und Nymphen.

Ein Moment grösster Intimität: die Morgentoilette

Gleichzeitig knüpft die Künstlerin an die Tradition der Darstellung der Frauen bei ihrer Morgentoilette von Tizian und Rubens bis zu den Impressionisten an, in der der Aspekt des voyeuristischen Blickes zentral ist. Das Hauptmerkmal bei Rudyeva-Ryazantseva ist das verhüllte Gesicht der Frauen. Das Haar agiert hier als Schutz vor dem eindringlichen Blick des Betrachters, als Vorhang.

Einzig auf einem „Haar“-Bild neigt die Frau den Kopf stark nach hinten, so dass wir im Ansatz ihren wonnigen Gesichtsausdruck wahrnehmen können.
Die Morgentoilette ist ein Moment grösster Intimität, die nur die Frau und den Spiegel einschliesst. Seit dem Spätmittelalter fungiert der Spiegel als Attribut der Selbsterkenntnis und der Eitelkeit in den Frauendarstellungen.

Sprengung des Selbst

Auch beim Haar-Ordnen blickten die Frauen stets in den Spiegel. Die Künstlerin verknüpft neu ein altes Bildmotiv: Der Dialog mit dem eigenen Spiegelbild mutiert bei frontalen Frauenbildern von Rudyeva-Ryazantseva zur stillen Aufforderung zum Dialog mit dem Betrachter, der hier als widerspiegelnder Part unwillkürlich agiert.

Die Ausstellung trägt den Titel „Blowing the Ego“ und referiert die Mehrdeutigkeit des englischen Verbs „blow“. Das Trocknen der Haare wird hier zum Ritual der Sprengung des Selbst, die zur Auslöschung und Austauschbarkeit führt, wenn die Gesichter der Frauen nicht sichtbar sind.

Lustvolles Spiel, wildes Fliegen

Das Haar auf den Frauenbildern der bürgerlichen Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts wird gekämmt, gebunden, geflochten, durch die Haube oder den Tuch verhüllt, es wird sittlich geordnet. Die jungen Frauen von Rudyeva-Ryazantseva bändigen ihr lang wallendes Haare durch das Fönen nicht, sondern spielen eher lustvoll damit und lassen es wild und fliegend das Bild beherrschen. Dieses Nicht-Zähmen der Haare kann als ein Zeichen der Provokation und Rebellion gelesen werden. Die wilden, zerzausten Haare gehören auch zur Rockkultur per se. Der dynamische, spontane und kräftige Malauftrag unterstreicht diese Rock’n’Roll-Ästhetik.

Skulpturen von Alexander Posin

Über die Phänomenologie des Blickes auf die Frau reflektiert der Kunstkritiker John Berger: „Männer blicken auf Frauen. Frauen beobachten sich selbst als beobachtete. Der sich selbst betrachtende in der Frau ist männlich: die Betrachtete ist weiblich.

So verwandelt sie sich in ein Objekt – und besonders in ein Objekt des Blickes: einen Anblick“. Rudyeva-Ryazantseva bietet dem Zuschauer ein verwirrendes Spiel, denn ihre jungen Frauen sind nur partiell als Betrachtungsobjekt inszeniert, und formt auf vielfältige Weise den Sinngehalt ihrer Bilder durch die Anspielungen an die Bildtraditionen, die sie lustvoll abwandelt.

Die neun kleinen Skulpturen aus Bronze von Alexander Posin ergänzen Ausstellung. In organischen Formen der „Hungrigen Frucht“, „Mutterschaft“ oder „Mutter und Tochter“ werden die Aspekte der Weiblichkeit repräsentiert.

Bild: Erarta Galerie/ PD

Bis am 5. Januar 2013. Ausstellung: Veronika Rudyeva-Ryazantseva „Blowing the Ego“. Erarta Galerie Zürich, Gerbergasse 6, Tel. +41 (0) 43-344-60-40. Geöffnet jeweils Dienstag − Freitag, 10.00 − 18.00;
Samstag, 11.00 − 17.00. www.erartagalleries.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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