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Die einmaligen Momente auf dem alltäglichen Arbeitsweg

Von   /  13. November 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Unser Leben ist immer ein Weg – und immer ein Weg zu sich selber. Wir gehen ihn manchmal in der Dunkelheit, manchmal im Regen, stets der Sonne entgegen. Ständig sind wir auf der Suche nach dem Weg zum persönlichen Glück. Diese Fotoserie zeigt auch einen Weg. Den täglichen Arbeitsweg begehen wir meist unbewusst, obschon wir uns an vieles erinnern, das um uns passiert, wenn wir zum Büro, in die Fabrik, in die Schule oder in den Betrieb fahren oder spazieren. Vieles, was uns begegnet, nehmen wir nur begrenzt wahr, denn wir haben es eilig oder fühlen uns einfach als aussenstehende Zeugen.


Auf der Strecke werden wir immer wieder mit fremden Menschen konfrontiert und müssen alle möglichen Hindernisse der urbanen Welt überwinden: Strassen, Unterführungen, Brücken, Baustellen, Parks… Ausser der materiellen Welt durchqueren wir „Wolken“ voller Gefühle und Gedanken, die sich mit unseren eigenen vermischen.

Ein Arbeitsweg in der Schweiz, und einer in Russland – beide dauern ungefähr anderthalb Stunden. Während ich in dieser Zeit in meiner Heimat das halbe Land durchfuhr, komme ich in Russland lediglich ans andere Ende der Millionenstadt St. Petersburg.

Die Zugfahrt in der Schweiz entspricht der Reise in der Petersburger Metro. Endloses Donnern und Rumoren zwischen grauen und lieblosen Stationen, die sich manchmal gleichen wie ein Ei dem anderen. In der Schweiz reiste ich vom Bauerndorf, wo sich morgens nach dem Regen machmal ein Regenbogen zeigte, in die Stadt. Stufenweise verfrachtete mich der Zug vom Dorf und den gründen Hügellandschaften in die streng strukturierte urbane Atmosphäre der Büros, Banken und Einkaufszentren.

Leider wird die scheinbar unberührte ländliche Schweiz immer stärker in das Netz der urbanen Welt gezogen, das Grün von Zürichs Vorstädten ist oft nur noch plumpe Dekoration, um das Betongerippe von Autobahnen und Tunnels knapp zu verdecken. Wo sind die Menschen vom Land geblieben, wo die echte Ruhe, die Stille, die hörbar ist?

In Russlands Grossstädten ist es oft umgekehrt. Obschon alle Anstrenungen unternommen werden, um die Millionenstädt zu effizient funktionierenden Systemen zu entwickeln, hat sich vielerorts die dörfliche Atmosphäre bewahrt. Das zeigt sich in erster Linie in den Menschenmassen, die die Strassen, Parks und Hinterhöfe den ganzen Tag bevölkern. Was für ein Gegensatz zu den leergefegten Bahnhöfe und Plätze in der Schweiz, wo sich nach der Arbeitszeit oft nur noch Parkuhren und Robidogs „tummeln“!

Auf einem zweiminütigen Gang durch einen Petersburger Park kann ich Senioren beim Schachspiel, Grossmütter mit ihren Enkeln, Mütter beim Schwatz mit „schaukelndem“ Kinderwagen und Teenager beim Spielen zuschauen. Pärchen und Schülergruppen bevölkern die Parkbänke, schwatzen, lachen und lärmen. Nicht immer sind die Gesichter glücklich – viele von ihnen sind wegen beengter Wohnverhältnisse gezwungen, sich im Freien aufzuhalten.

Lange, persönliche Telefongespräche werden beim Gang mit dem Hund erledigt, um keine unerwünschten Zuhörer zu haben, manche Männer- oder Frauen-Clique verbringt ihren Feierabend mit einer Büchse Bier in der Hand auf der Bank neben dem Kinderspielplatz. Die Luft ist voller Geflüster, Gespräch, Rufen, Schreien und Blicken. Es lebt. Mein russischer Arbeitsweg ist zweifellos um vieles lebendiger und farbiger als jener in meiner Schweizer Vergangenheit. Oft erlebe ich Situationen, die während des ganzen Tags beschäftigen.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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