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Deutsche Woche: Wie russisches Fluchen und Schimpfen ins Deutsche übersetzt wird

Von   /  19. April 2012  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Ein Thema, über das in der schöngeistigen Literaturszene gewöhnlich tunlichst geschwiegen wird, ist in Eduard Kotschergins Büchern besonders aktuell: das Fluchen und Schimpfen der Menschen und die Sprache der Banditen. Eine Veranstaltung der Deutschen Woche im Petersburger Pressemuseum brachte Autor, ÜbersetzerInnen und Publikum an einen Tisch – eine spannende Begegnung (siehe Fotogalerie).


In Russland existiert ein Paradox – ein Teil der reichen russischen Sprache ist verboten. Die so genannte „Mat“ oder „nizensurni jasik“ ist eine Schimpfsprache von einzigartiger Reichhaltigkeit, die bei den meisten Russen tabu ist, aber trotzdem fleissig benutzt wird. Wenns niemand hört oder man betrunken ist.

Ausserdem gibt es in Russland eine Gaunersprache, die schon seit Jahrhunderten unter Kriminellen und Gefängisinsassen gepflegt wird.  Für beide haben die meisten Jünger Puschkins nur einen strafenden Blick und eisernes Schweigen übrig – für den russischen Bühnenbildner, Szenarist und Schriftsteller Eduard Kotschergin sind sie Teil seiner Jugenderlebnisse, seiner Spracherlebnisse.

Jugend in der Kinderhölle

Als seine polnisch-stämmigen Eltern 1938 während des stalinistischen Terrors vom NKWD abgeholt und in den Gulag gesteckt werden, kommt der kleine Eduard in ein spezielles Heim für Kinder repressierter Eltern. Auch für ihn beginnt die Hölle, eine Kinderhölle, in der man schnell erwachsen wird und kriminell.  Nach Kriegsende flieht er aus dem Kinderheim in Omsk, um nach nach Haus, nach Leningrad zu kommen. Die Reise dauert sechs Jahre.

Es ist eine Lehrzeit, die er als Dieb, Gaunersgehilfe und Strassenkünstler verbringt, dazwischen wieder eingefangen und in Heime eingewiesen wird, bis er endlich  in Leningrad seine Mutter wiederfindet.  Diese Zeit und die Jahre im Nachkriegsleningrad beschreibt er in seinen Büchern „Die Engelspuppe“ und „Mit Kreuzen getauft“. Aber wie wurden sie ins Deutsch übertragen?

Keine Worte für russische Schimpftiraden gefunden

Wie etwa konnten die beispielslosen minutenlangen Schimpftiraden der Schuldirektorin im Omsker Kinderheim, mit denen sie die verwilderten Jugendlichen in Schach hielt, für deutschsprachige Ohren verständlich gemacht werden? Wie konnte der derbe Spott des Liedchens russischer Gauner nach der Rosamunde-Melodie übertragen werden?

Es gäbe keine festen Regeln, meinte dazu Kotschergins Übersetzer Thomas Reschke, der mit seiner Frau Renate und Ganna-Maria Braungardt am Forum teilnahm. Er selbst war nur langsam in die Feinheiten der russischen Umgangssprache hineingewachsen. Er erzählte seinen Werdegang vom Studium der Slavistik im Nachkriegsberlin und den ersten Gehversuchen mit technischen Übersetzungen bis hin zur Stellung als Lektor beim DDR-Verlag Kultur und Fortschritt und Übersetzer berühmter russischer Autoren wie Michail Bulgakow (Meister und Margarita) oder Boris Pasternak (Doktor Schiwago).

Der russische „Rukomoinik“ – wie sagt man es auf Deutsch?

Reschke erzählte von russischen Wörtern, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt – zum Beispiel der „Rukomoinik“ – ein kleiner Wassertank mit speziellem Wasserhahn, der auf der Datscha zum Händewaschen benutzt wird. Erst die jahrelange Zusammenarbeit mit den Autoren und ihren Büchern lehrten ihn, Synonyme oder Möglichkeiten zur Umschreibung russischer Ausdrücke zu finden. In der Schimpfsprache „Mat“ sei das Hauptproblem, dass deren Worte grösstenteils aus dem Sexualbereich stammten, während sie im Deutschen hauptsächlich aus dem Fäkalienbereich kämen.

Die „Fenja“, die russische Gaunersprache, entspreche am ehesten der deutschen Räubersprache, dem „Rotwelsch“. Doch sei das keine grosse Hilfe, weil es in Deutschland schon lange keine Räuberbanden und kriminellen Subkulturen gebe und die Sprache sich nicht weiterentwickelt habe. Eduard Kotschergin betonte, dass man die beiden Sprachen unbedingt von einander trennen müsse. Die „Fenja“ wurde unter den russischen Strassenhändlern und Kleinkriminellen gesprochen und diente als eine Art Code.

Die „Mat“ hingegen hat ihren Ursprung in der heidnischen Kultur vor der Christianisierung Russlands. Kotschergin wies darauf hin, dass auch Worte, die nicht „verboten“ sind, aus dieser Kultur stammten. Als Beispiel nannte er das Wort „Rodina“ – auf Deutsch „Heimat“. Es komme vom Namen des Fruchtbarkeitsgottes „Rod“, der mit Holzskulpturen in Phallusform dargestellt worden sei.

Dossier:

Den Rohstoff für seine Geschichten schöpft Eduard Kotschergin aus den Begegnungen und Erlebnissen, die ihm sein bewegtes und zum Teil bitteres Leben bescherte. 1937 geboren, verbrachte er Jahre in staatlichen Erziehungsheimen, nachdem sein Vater im Gulag verschwunden und die Mutter verhaftet worden war. Er floh aus dem NKWD-Heim in Sibirien und schlug sich nach Leningrad durch. Er war Mitglied einer Diebesbande und lebte auf der Straße. Nach der Ausbildung an der Leningrader Kunstakademie konnte er schließlich sein Zeichentalent zum Beruf machen: Kotschergin wurde Bühnenbildner und Szenograf. Er arbeitete an verschiedenen russischen Theatern, erhielt vielfach internationale Auszeichnungen und ist derzeit leitender Bühnenbildner am Großen Dramatischen Theater (Towstonogow-Theater) in St. Petersburg. Die 2003 erschienene Engelspuppe wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Das Buch liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. 2008 erhielt der Autor dafür den Triumph-Preis. 2010 erhielt er den den russischen “National Bestseller Book Prize 2010” für sein zweites Buch, “Mit Kreuzen getauft”. Dieses Buch enthält Texte, die der persona verlag auch in die “Engelspuppe” aufgenommen hat. Im April 2012 wurde er mit der Goldenen Maske, der höchsten russischen Auszeichnung für Bühnenschaffende ausgezeichnet.

www.personaverlag.de

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Wo Witz und Tränen ineinander fliessen – die Lebensgeschichten Eduard Kotschergins

Eduard Kotschergin mit National Bestseller Book Prize 2010 ausgezeichnet

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Lieber Eugen von Arb, das ist ein schoener und interessanter Artikel! Wir sind noch spazieren gegangen und ziemlich nass geworden … es war trotzdem eine Freude.
    Ich hoffe, wir halten bissel Kontakt?
    Herzlichen Gruss von uns beiden, Ihre LB

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