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Deutsche Woche 2011: Ritter Rost, Burgfräulein Bö und die “Glückssucher”

Von   /  22. April 2011  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Im Rahmen der Deutschen Woche trat gleich zweimal das Ensemble des Bremer Puppentheaters “Theatrium” in Petersburg auf. Knirschend, quietschend und scheppernd ritt der Ritter Rost, gespielt von Leo Mosler, in der Deutschen Schule vor. Aus seinem klapprigen Wunderfahrrad baute und bastelte der kecke und charmante Puppenspieler die ständig wechselnde Landschaft für das rostige Abenteuer (Fotogalerie).
Glänzend eingespielt und gleichzeitig improvisierend erzählte er diese Geschichte, so wie sie Kinder spielen, wenn sie halb ins Selbstgespräch vertieft und halb vor den Eltern dozierend aus ein paar Bauklötzen ihr Fantasiereich aufbauen. So ergab sich ein Theater ohne Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerreihen – ein Theater, an dem Erwachsene mindestens ebensoviel Tränen lachten wie Mädchen und Jungs.

Ritter Rost hat selbstverständlich ein Pferd, eine Burg und eine Rüstung, die er nie auszieht. Nur an ritterlichem Mut fehlt es ihm, dafür ist seine Mitbewohnerin, das Burgfräulein Bö, reichlich damit gesegnet. Als ein schwer brennbarer Drache aus dem Zirkus “Espresso” entflieht, stellt sie sich ihm mutig in den Weg und piekt ihm mit des Ritters Lanze kräftig in den Hintern. Willenlos lässt sich der Feuerspeier danach als Zentralheizung für die kalte Burg benützen – was lange rostet, wird endlich gut!

Sieben Puppen im Psycho-Test

Packendes und erfrischendes Spiel mit feinsinnigem und schlagfertigem Humor und reichlich Tiefgang ist auch im Erwachsenen-Stück “Das Glück ist ja schließlich keine Dauerwurst” zu sehen. Jeanette Luft und ihr Kollege Leo Mosler, die beide die Berliner „Ernst Busch“ Hochschule für Schauspielkunst im Fach Puppenspiel absolviert haben, beleben zu zweit sieben Puppen-Seelen im Psycho-Test. In atemberaubendem Wechsel “springen” sie von einer Persönlichkeit in die andere, wechseln meisterhaft Stimme, Tonfall, Charakter jedes Figuranten.

Ehrgeiz ist in der Wissenschaft oft stärker als Wissensdrang, das ist auch unter Psychologen nicht anders. Zwei sich sehr wichtig nehmende Seelenforscher wollen sich durch das Dickicht der Hirnströme zum Glück der Menschheit und dem eigenen durchkämpfen – koste es, was es wolle. Mehr oder weniger naiv lassen sich die geladenen Testpersonen ihre Psyche freilegen – ihre Gefühle werden anschliessend im Computer in Zahlen umgewandelt.

Das Glück, eine Wurst, die nicht jeder hat

Zynisch und kaltblütig schneiden sich die beiden Psychologen die nötigen Stücke aus den Puppenseelen, bis der Computer rebelliert und die “Versuchskarnickel“ einen Aufstand machen. Angereichert mit sinnigen Zitaten von Seneca bis Goethe und erstklassigem Witz stellt das Stück die Frage nach der wichtigsten Frage des Menschen – dem persönlichen Glück.

Dabei wird klar, dass sich dieses trotz Wahrheitsdrogen und Lügendetektor nicht im Reagenzglas der Wissenschaft isolieren lässt. Es bleibt ein ebenso seltenes wie flüchtiges Gefühl – eine Dauerwurst, die nicht jeder hat und die von den einen mit einem Bissen verschlungen, von den anderen scheibchenweise über das ganze Leben genossen wird.

www.deutsche-woche.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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