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Deutsch-Russischer Salon: „Lernen, mit Fremden zu leben, ist ein enormer Gewinn“

Von   /  18. März 2014  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Der „Deutsch-Russische Salon“ im deutschen Generalkonsulat St. Petersburg beschäftigte sich diesmal mit dem Thema Migration (siehe Fotogalerie). Die Diskussion zwischen den beiden Soziologen Jürgen Feldhoff, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld und Ehrendoktor der Staatlichen Universität St. Petersburg und Nikolaj Golovin, Professor an der soziologischen Fakultät der staatlichen Universität St. Petersburg zeigte vor allem eines: Die Migration hat nicht nicht nur in jedem Land ihr ganz eigenes Gesicht, sondern ist ein Prozess, der ständig „im Fluss“ und deshalb sehr schwer zu kontrollieren ist.

Jürgen Feldhoff versuchte in seiner Einführung eine Übersicht über die gegenwärtigen Aus- und Einwanderungsbewegungen in der Welt und in Deutschland zu geben. Dabei beeindruckten die stark schwankenden Zahlen von „displaced persons“, die nach dem Ende des Kalten Krieges zwischen 1992 bis 2004 bis auf neun Millionen zurückging und in Folge der Globalisierung und neuen Konflikten bis heute wieder auf rund 20 Millionen Menschen anwuchs.

Am Beispiel von Deutschland zeigte er den Widerspruch zwischen Ansprüchen an den Nationalstaat auf, einerseits die Wirtschaft mit genügend Gastarbeitern zu versorgen, gleichzeitig aber die Einhaltung der Migrationsbestimmungen, und die in der Verfassung festgehaltene soziale Sicherheit für alle zu garantieren. „Hat sich der deutsche Sozialstaat nicht übernommen? Können die Sozialgarantien in einer globalisierten Gesellschaft gewährleistet werden?“ – diese Fragen warf Feldhoff als Denkanstoss ins Plenum. Hinzu kommen jene Unterschiede, die zwischen den einzelnen EU-Ländern herrschen. Während in Deutschland zum Beispiel das „Recht des Blutes“, der Abstammung die Einwanderung regelt, gilt in Frankreich das „Recht des Bodens“, der Geburt.

Hat sich der deutsche Sozialstaat nicht übernommen?

In den vergangene Jahren hat die Bundesrepublik versucht, seine relativ starre Einwanderungspolitik flexibler zu machen. So wendet sie nun bei der Vergabe von Visa oder Aufenthaltsbewilligungen andere „Filter“ an, und bevorzugt beispielsweise gezielt hoch qualifizierte Spezialisten. Damit nähert man sich der Migrationspolitik typischer Einwanderungsländer wie Kanada oder USA an. Feldhoff gab zu bedenken, dass diese Massnahme aber im Abwanderungsland zum Phänomen des „drain brain“, führen könne, wie zum Beispiel in Bulgarien und Rumänien, wo ein starker Ärztemangel herrsche. Feldhoff kritisierte ausserdem, dass in Deutschland noch immer viel zu wenig Positionen von Migranten eingenommen würden – zum Beispiel an Universitäten. „Lernen, mit Fremden zu leben, ist ein enormer Gewinn“, sagte er dazu.

Nikolaj Golovin unterstrich in seinem Referat, wie aktuell das Thema „Migration“ bei einem Bestand von 4,5 Millionen Ausländern in Russland sei. Er zeigte auf, wie unterschiedlich die Beziehung der Russinnen und Russen gegenüber den „Gastarbeitery“ (aus dem Deutschen übernommen) ist. Während sich die ältere „noch sowjetische“ Generation bis 37 Jahre gegenüber den Migranten aus den früheren Sowjetrepubliken sehr tolerant verhalte, habe die jüngere Generation mangels internationalistischer Erziehung Mühe mit den Ausländern.

Menschen vom Kaukasus sind Fremde im eigenen Land

Russland, so meinte Golovin, befinde sich heute etwa auf dem Niveau von Deutschland in den Sechziger- und Siebzigerjahren, allerdings habe sich die Situation in Deutschland seither deutlich verbessert, während sich in Russland nichts verändere. Da es in Russland keine regionale Identität gibt, orientiert sich der grösste Teil der Gesellschaft an gemeinsamen kulturellen Werten. Das wiederum führt dazu, dass Ukrainer, Weissrussen, Moldawier als „verwandte“ Völker wahrgenommen werden, während Usbeken oder Tadschiken als „Fremde“ gelten. Das gilt auch für Leute aus der Kaukasus-Republik Dagestan – sie besitzen zwar einen russischen Pass, sind aber faktisch „Ausländer“.

Als eines der Probleme in der russischen Migrationspolitik bezeichnete er die grosse Parallelgesellschaft, die sich wegen mangelnder Integration entwickelt hat. Die Mehrheit der Russen störe sich nicht an den Ausländern, solange, sie nicht auffielen. Grosse, sichtbare Feste, wie beispielsweise Kurban Bairam in der islamischen Fastenzeit, welche die Strassen versperrten würden weniger goutiert. Er schlug vor, im Kultur- und Freizeitbereich mehr Brücken zu den Migranten zu schlagen und erwähnte die positive Wirkung des Fussballs, dank dem polnische Gastarbeiter im 19. Jahrhundert im deutschen Ruhrgebiet Fuss gefasst hätten.

Russlanddeutsche aus der öffentlichen Diskussion verschwunden

In der anschliessenden Fragenrunde, die Iwan Mikirtumow, Professor am Philosophischen Institut der Staatlichen Universität St. Petersburg moderierte, wurde unter anderem die Integration der Russlanddeutschen in der Bundesrepublik angesprochen. Jürgen Feldhoff, meinte, dass dieses Thema heute praktisch aus der öffentlichen Diskussion verschwunden sei. Als grösstes Problem habe sich dabei die Integration der jüngeren Generation herausgestellt, weil diese wegen mangelnder Deutschkenntnisse oft Mühe bei der Arbeitssuche hätten. Sprachkenntnisse seien immer noch ein Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Migration.

Die Reaktion der beiden Referenten auf die Frage, was bei einer Aufhebung aller Reisebeschränkungen passieren würde, war sehr unterschiedlich. Während Nikolaj Golovin diesen Fall ausschloss und darum auch eine Antwort als unnötig betrachtete, gab Jürgen Feldhoff eine klare Antwort. Wie die Erfahrung aus der Migrationsgeschichte gezeigt habe, würde selbst bei einer Aufhebung aller Schranken kein Chaos entstehen, weil niemand ohne trifftigen Grund seine Heimat verlassen würde.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Lutz sagt:

    (1) Die Staatsangehörigkeit wird erworben 1.
    durch Geburt (§ 4),
    2.
    durch Erklärung nach § 5,
    3.
    durch Annahme als Kind (§ 6),
    4.
    durch Ausstellung der Bescheinigung gemäß § 15 Abs. 1 oder 2 des Bundesvertriebenengesetzes (§ 7),
    4a.
    durch Überleitung als Deutscher ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes (§ 40a),
    5.
    für einen Ausländer durch Einbürgerung (§§ 8 bis 16, 40b und 40c).

    Es ist überwiegend ein Territorialrecht, denn als Deutscher gilt, wer auf dem Staatsgebiet des Deutschen Reiches in seinen Grenzen vom 31.12.1937 geboren ist oder dessen Vater oder Mutter Deutsche(r) ist, wenn kein anderes Staatsrecht gilt!

    Ist schon schlimm, wenn deutsche „Experten“ das nicht wissen!

    Lutz

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