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Deutsch-Russischer Salon: Ein Geschichtsbuch und mindestens zwei Meinungen

Von   /  5. Oktober 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die September-Ausgabe des Deutsch-Russischen Salons war dem ersten gemeinsamen deutsch-russischen Geschichtsbuch gewidmet, das kürzlich erschien und historische Brennpunkte des 20. Jahrhunderts behandelt. Mit Nikolaus Katzer vom Deutschen Historischen Institut in Moskau und Julia Kantor von der Petersburger Eremitage trafen zwei hochkarätige Historiker aufeinander, die einander freundschaftlich Paroli boten – nicht nur bezüglich Wissen, sondern auch in Sachen Rethorik und Humor. Pietro Merlo, neuer Leiter des Referats für Kultur, Presse und Kommunikation am deutschen Generalkonsulat gab sein Debüt als geschickter Moderator.

In ihren Eröffnungsreden nahmen beide Referenten Stellung zum deutsch-russischen Geschichtsbuch, umschrieben aber gleichzeitig auch ihre Vorstellung von Geschichte und ihr Selbstverständnis als Historiker. Katzer erzählte vom Gespräch mit einem Taxifahrer, der ihm sagte, dass er im Geschichtsbuch seiner Kinder ganz andere Dinge lese als er seinerzeit gelernt habe. Das heisse, so Kratzer, dass es nicht nur von Mensch zu Mensch verschiedene Meinung zur Geschichte gebe, sondern verschiedene Sichtweisen jeder Generation.

«Wir leben nach vorn und denken zurück», sagte er und erinnerte an die paradoxe Situation des Menschen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Historiker wollten stets objektiv sein, doch sei ihre Wissenschaft stark subjektiv geprägt wie alle Geisteswissenschaften. Aber trotz allem sei er als Historiker unverdrossen, schloss er.

„Unvorhersehbare Vergangenheit“

Julia Kantor stellte ein Zitat des bekannten russischen Satirikers Michail Schwanezkis an den Anfang: «Russland ist ein Land mit unvorhersagbarer Vergangenheit». In Russland habe man eine besondere Vorliebe dafür, die eigene Geschichte umzuschreiben, erklärte sie schmunzelnd. Bezugnehmend auf Kratzer meinte sie, es sei ganz normal, dass es verschiedene Meinungen zur Geschichte  gebe, weil es dann auch einen Grund für einen Dialog gebe.

Als Beispiel nannte sie die Frage eines Polizisten bei der Eingangskontrolle zum Generalkonsulat, der sie um ihre Meinung zum Molotow-Rippentropp-Pakt von 1939 gebeten habe. Es sei nicht so wichtig, was dieser Beamte darüber denke, viel wesentlicher sei, dass der Polizist von der Existenz dieses Paktes wisse. Verdächtig werde es erst dann, wenn alle einer Meinung zu Geschichte seien.

Warum fehlt die Leningrader Blockade?

Sie erlaubte sich auch gleich etwas Kritik am neuen Geschichtsbuch – bei der Themenwahl seien einige sehr wichtige Kapitel deutsch-russischer Geschichte ausgelassen worden, allen voran die Leningrader Blockade. Damit formulierte sie auch gleich die erste Frage an Kratzer – warum fehlten solche Themen? Kratzer gab sich einverstanden, dass Themen wie dieses unbedingt im Buch hätten sein müssen. Andererseits gab er zu bedenken, dass das Geschichtsbuch nicht als Enzyklopädie konzipiert worden sei, sondern als Sammelwerk für eine Diskussion.

Damit war man beim Verwendungszweck angelangt und zog einen Vergleich zum deutsch-französischen Geschichtsbuch, das eher als Lehrmittel konzipiert worden war und darum Mühe hatte, integriert zu werden. Das deutsch-russische Geschichtsbuch sei im Gegensatz dazu als Handreichung, als ein Zusatz für den freien Gebrauch im Unterricht gedacht, meinte Kratzer. Kantor gab sich trotz der kleinen gedruckten Auflage optimistisch, was die Verbreitung anbelangt – das Internet werde dafür sorgen.

Projekt breit abgestützt

Während der Diskussion kam auch die Frage nach einer möglichen politischen Einflussnahme bei der Auswahl der HistorikerInnen zur sprache, aber – aber sowohl Kratzer wie auch Kantor bezeichneten das Projekt als ziemlich legitim, weil es sehr breit abgestützt war und  die Parität der deutschen und russischen Seiten gewährleistet war.

Aus dem Publikum wurde auch danach gefragt, ob die Gründung einer Historikerkommission in der gespannten politischen Situation von heute noch mõglich wäre. Sicher wäre es heute schwieriger, sagte Kratzer, das Wichtigste sei jedoch die beidseitige Bereitschaft, mit einander zu sprechen, die immer noch bestehe. Kantor meinte dazu, sie hoffe, dass sich die Historiker durch die politischen «Nebel» nicht stören liessen – «Nebel kommen und gehen!»

Schweigen zur Geschichte – gefährliche Verlockung

Eine provokative Frage an die Historiker war jene danach, ob es ein Recht darauf gebe gewisse kontroverse Geschehnisse in der Geschichte einfach zu vergessen? Während Katzer vorsichtig meinte, dass es sicher ein Recht darauf gäbe, gewisse strittige Dinge auf sich beruhen zu lassen, die Verlockung aber gefährlich sei, nicht mehr zu diskutieren, beantwortete Kantor mit einem klaren Nein. Wenn man beginne, über die Geschichte zu schweigen, so vergesse man, wer man sei.

Wer im Zweiten Weltkrieg gekämpft habe – Nationen oder Ideologien? Im Fall der Deutschen  sei es sicher mehr die Nation gewesen, die ihre Ideologie mit Hitler demokratisch gewählt hätten, während die Russen keine Wahl gehabt hätten. Kratzer warnte davor, sich hinter einer Ideologie zu verstecken, denn dadurch würde nur die Verantwortung abgewälzt. Das sei bereits bei der Schuldfrage bei der Kriegsverbrechen geschehen, als man die Wehrmacht kollektiv freisprach und alle Schuld der SS zuwies. Man müsse bereit sein, sich mit seinen unangenehmen Seiten seiner Geschichte zu befassen.

Das Buch:
Das deutsch-russische Geschichtsbuch „Deutschland und Russland: Stationen gemeinsamer Geschichte – Orte der Erinnerung“ behandelt 20 historische Schlüsselereignisse des XX. Jahrhunderts, angefangen von 1917 über den Hitler-Stalin-Pakt, die Schlacht bei Stalingrad bis hin zum Fall der Berliner Mauer 1989. Das Buch wurde von der deutsch-russischen Historikerkommission herausgegeben, enthält eine doppelte Einleitung und ist in vier Module gegliedert. Der darin enthaltene Stoff ist kein wissenschaftliches Neuland und eignet sich besonders für Schulen und historische Grundkurse an der Universität. Aus 20 Themen wurden 14 in gemeinsamen Artikeln behandelt, die übrigen sechs gesondert. Doppelt geführt wurden die Texte zu den folgenden Ereignissen: Pariser Weltausstellung 1936, Molotow-Ribentropp-Pakt 1939, Schlacht von Stalingrad 1942/43, Berliner Blockade 1948, DDR-Volksaufstand 1953, Perestroika und Mauerfall 1989. Zwei weitere Bände des gemeinsamen Geschichtsbuchs folgen.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Deutsch-Russischer Salon: Präsentation des ersten Deutsch-Russischen Geschichtsbuchs

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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