Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Deutsch-Russischer Salon: „Die Manifesta beginnt erst, wenn sie zu Ende ist“

Von   /  5. November 2014  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb
Am 30. Oktober ging die Petersburger „Manifesta10“ nach fünf Monaten zu Ende. Ihr Kurator Kasper König diskutierte mit dem Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst an der Eremitage Dmitri Oserkow im Rahmen des Deutsch-Russischen Salons im deutschen Generalkonsulat über Sinn, Zweck, Ziel und Erfolg der europäischen Kunstbiennale (Fotogalerie).

Den Erfolg des Mammut-Kultur-Projekts zu bemessen – darin taten sich beide Gäste schwer, um so, dass sie fanden, die „Manifesta“ beginne eigentlich erst, wenn die „Manifesta“ fertig sei. Als Erfolg werteten sowohl König wie auch Oserkow, dass die Biennale trotz allem stattgefunden hat, denn die gespannte politische Situation zwischen Ost und West sowie Boykott-Aufrufe westlicher Künstler hatten die Durchführung bisweilen tatsächlich in Frage gestellt. In dieser Hinsicht lobte Kasper König die Eremitage und ihren Direktor Michail Piotrowski, der das Projekt jederzeit souverän und Konflikte vermeidend vorangetrieben habe. Dmitri Oserkow befand es als positiv, dass der Anlass keine Skandale hervorgerufen habe, obschon die zeitgenössische Kunst oft zu solchen neige. Gleichzeitig meinte er, dass die Kunst interessant und auch ein bisschen sensationell sein sollte. In dieser Hinsicht sei man vielleicht etwas zu zurückhaltend gewesen.

Aber mindestens eine Sensation hatte die Manifesta dennoch zu bieten – sie war grasgrün, hatte vier Räder und war in einen Baum im Innenhof des Winterpalasts gerammt. Der kleine Lada, mit dem der belgische Künstler Francis Alÿs seine lange Fahrt nach Osten symbolisierte, war diesen Sommer eindeutig zum Publikumsliebling avanciert. Die Moderatorin des Abends, die Journalistin Angelina Dawydowa erzählte bei dieser Gelegenheit von einem Taxifahrer, der einen Zusammenstoss mit dem spanischen Künstler Jordi Colomer hatte, der mit seinem Auto und einer Riesenleuchtschrift „No? Future!“ in der Stadt unterwegs war und sich darum für die Manifesta zu interessieren begann. „Dieser Mann hat die Manifesta angenommen!“ meinte Oserkow lachend.

Reihenweise „Zusammenstösse“

„Zusammenstösse“ gab es viele vor und während der Manifesta, doch erwiesen sich viele als lernreich und fruchtbar. Die Manifesta habe der Eremitage viele ungewohnte Aufgaben gestellt, meinte Oserkow. Eine davon war verbunden mit Joseph Beuys, der erstmals in der Eremitage gezeigt wurde. Allein dies war schon eine kleine Sensation, denn davor hatte Beuys, der als Stuka-Pilot Russland bombardiert hatte, in der Eremitage als Tabu gegolten. Seine Installation „Wirtschaftswerte“ musste regelmässig mit Margarine versehen werden, und darum musste die Eremitage zuerst abklären, ob die Margarine an den übrigen Kunstwerken im Saal keinen Schaden anrichtet. Oder die Klanginstallation von Susan Philipsz, deren „Begräbnismusik“ die zuständige Eremitage-Mitarbeiterin deprimierte, so dass sie nach einiger Zeit einfach den Stecker herauszog. Immer wieder sorgte die Begegnung der zeitgenössischen Kunst mit der konservativen Kulisse der Eremitage für pikante Momente.

Genau hinter diese Kulisse wollte Kasper König schauen. Zuerst einmal brachte er ihr aber seine Hochachtung entgegen und lobte sie als Museum, welches das Territorium der Kultur verteidige und nicht kommerzialisiert sei wie andere Museen in den USA. Bewundernd sprach er davon, mit welcher Achtung und Feierlichkeit russische Familie im Sonntagsgewand den Winterpalast beträten. So etwas gäbe es nur in Russland, meinte er. Als ebenso einzigartig bezeichnete er den „Ehrensaal“ den man im Generalstabsgebäude für die „Tanz“-Bilder von Matisse eingerichtet hat. Der Umzug der Matisse-Werke war eine der Massnahmen gewesen, um die alte und die neue Eremitage miteinander zu verbinden und auch das konservative Publikum zum Gang in die neuen Säle zu bewegen.

König: Die Manifesta – eine „Herzensangelegenheit“

Für König war die Biennale mehr eine Begegnung zweier Kulturen als ein Ausstellungskonzept. Seine Haltung bezeichnete er als „traditionell anarchistisch“ und „misstrauisch gegenüber jeglicher Organisation“. Und auch wenn es hin und wieder zu Kommunikationsproblemen kam, konnte man sie mit Hilfe des gegenseitigen Respekts überwinden – man passte offenbar trotz allem ideal zueinander. Die Manifesta in St. Petersburg sei für ihn eine Herzensangelegenheit gewesen, für die er seinen Zuschlag ganz spontan während eines Telefongesprächs gegeben habe, erzählte König. Für die Eremitage sei König der ideale Chefkurator gewesen, weil er man einen erfahrenen und vielseitigen Kurator mit Museumserfahrung gesucht habe. Zu ihrem 250. Geburtstag habe die Eremitage etwas bekommen, was sie noch nicht hatte: die Manifesta. Und auch König bekam etwas geschenkt – er wünschte sich eine Gardine mit Rüschen wie sie in der Eremitage hängen. Auf die Frage aus dem Publikum, wie die Manifesta ihr Publikum orientiere, meinte König, Kunst helfe zu verstehen, wie komplex die Welt sei. Die Welt werde immer komplexer, und die Kunst immer einfacher. Ausserdem zitierte er Albrecht Dürer: „Was die Schönheit ist, weiss ich nicht.“

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Kunstbiennale Manifesta10 – mit einem Rumms in Petersburg angekommen

Upsala-Sommerfest Im Rahmen des Projekts “Zeitgenössische Kunst auf dem Zirkusplatz”

“One, two three!” – mit Humor und Tiefgang gegen Vorurteile zwischen Ost und West

[the_ad_placement id=\“single\“]

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

MAKSA – expressive Kunstbrückenbauerin zwischen Hamburg und Petersburg

mehr…