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Der Tod im Venedig des Nordens – Peter Greenaway auf Casting-Tour in Petersburg

Von   /  20. Juni 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Die Verfilmung von Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ von Luchino Visconti gilt als Meilenstein. Allerdings liegt sie schon vierzig Jahre zurück. Zeit für einen neuen Remix, findet der britische Regisseur Peter Greenaway. Sein übernächster Film “Nahrung für die Liebe” soll ein solcher werden. Filmen will er ihn, wie er bei einem Besuch in Petersburg mitteilt, zur Hälfte im “Venedig des Nordens”.

Der britische Star-Regisseur Peter Greenaway (u.a. „Der Koch, der Dieb, seine Frau & ihr Liebhaber“) ist bereits seit dem 15. Juni in St. Petersburg. Vor allem ist er für ein Casting angereist, um einen Eisenstein für seinen nächsten Film “Eisenstein in Guanajuato” zu finden. Daneben eröffnete er eine Retrospektive seiner Filme im Kinotheater Dom Kino.

Sein Interesse an Sankt Petersburg ist aber nicht nur praktischer, sondern auch künstlerischer Art. Nach Filmen über  Shakespeare und Vermeer will sich Greenaway in seinem übernächsten Film jetzt auch der deutschen Koryphäe Thomas Mann widmen. Unter dem Titel “Nahrung für die Liebe” verbirgt sich eine Adaption von dessen Novelle „Der Tod in Venedig“. Seit Viscontis Verfilmung, sagt er, sind vierzig Jahre vergangen, und die Haltung zur Pädophilie hat sich stark verändert.

Sexuelle Lust und Tod in Greenaways Filmen

Die meisten von Greenaways Filmen kreisen um die Themen sexuelle Lust und Tod. Dabei fehlt es ihnen nicht an ungewöhnlichen Beziehungen, die meistens in der Katastrophe enden. Ein Cocktail aus Groteske und bestialischem Sadismus ist garantiert. Seine Adaption der Pädophilie-Novelle lässt also auf Überraschungen tippen.

Überraschend ist in jedem Fall schon mal, dass nur ein Teil des Films in Venedig gedreht werden soll- der Rest dagegen in St. Petersburg. Worin besteht die Allianz zwischen Thomas Mann und St. Petersburg? Statt einer Antwort fängt Greenaway an von Kanal-Städten zu schwärmen, von Venedig über Amsterdam, seine Heimatstadt, bis Petersburg.

Hoffnung auf russische Großzügigkeit

Oberflächlich ist das nicht unbedingt: Greenaway, der Malerei studiert hat, hält nichts von rationalen Verknüpfungen, seine Filme folgen einer Logik der Bilder. Auf die Nachfrage, ob es also nur das Wasser sei, dann aber doch ein Zwinkern: Nein, die Verbindung sei natürlich auch das Geld, er hoffe da auf die russische Großzügigkeit.

Greenaway, der sich einmal in einem Interview als „Hybrid-Künstler“ beschrieb, hat nicht nur Malerei studiert, sondern malt auch selbst. Bei einer Benefiz-Auktion im Petersburger Kempinski-Hotel wurden gestern unter anderem Bilder aus seinem Opus “Kinder des Urans” versteigert, in dem er sich mit den Uran-Generationen beschäftigt.

Porträts von Chruschtschow und Gorbachev im Gepäck

Nach Russland mitgebracht hat Greenaway dabei zum Beispiel Porträts von Nikita Chruschtschow und Michail Gorbachev, die für die Atomenergie Pate stehen. Ihre „Porträts“ ähneln Phantombildern in roter Warnfarbe; Ovale und Farbkontraste erinnern an den üblichen Greenaway-Stil. Der Erlös der Auktion, etwa 500.000 Rubel, ging an die Pantelemonovski-Stiftung für verunglückte Kinder.

Neben der Atomkraft sieht Greenaway noch eine weitere Dystopie herannahen. Während seines Petersburg-Aufenthaltes verkündete er erneut seine provokante Ansicht, das Kino sei tot. Besonders betrauerte er das russische Kino. Bleibt also zu hoffen, dass der Tod im Venedig des Nordens nicht der Tod des Kinos ist.

Foto: Luisa Schulz

www.rian.ru

 Weitere Artikel zu diesem Thema:
Filmkritik: Joseph Vilsmairs St. Petersburg Thriller – Russisch Roulette Teil 1 – Weit daneben ist auch vorbei

 

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  • Veröffentlicht: 6 Jahren vor auf 20. Juni 2012
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  • Zuletzt geändert: Juni 20, 2012 @ 12:25 pm
  • Rubrik: Aktuell, Kinofilm, Kultur

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