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Der Tanz um den Gazprom-Turm geht weiter – die Stadt gibt grünes Licht, die Opposition rüstet zum Kampf

Von   /  9. Oktober 2009  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Das von Gazprom geplante Bürohochhaus „Ochta-Zentr“ soll trotz seiner Höhe von 403 Metern im Petersburger Zentrum gebaut werden können. Ohne auf die mahnenden Stimmen von Unesco, Denkmalschützern und Finanzexperten zu hören, hat die Stadtregierung von Gouverneurin Valentina Matwijenko grünes Licht für den Bau gegeben, der 2012 eingeweiht werden soll.


Nachdem man das gigantische Bauvorhaben zunächst ohne grossen Einbezug der Bevölkerung lanciert und dabei auf grossen politischen Widerstand gestossen war, versuchten Gazprom und Stadtregierung dem Unternehmen einen demokratischeren Anstrich zu geben. Unter anderem wurde im betroffenen Stadtviertel eine Anhörung organisiert, die allerdings in einem viel zu kleinen Raum und unter relativ chaotischen Umständen über die Bühne ging. Auch eine Reihe von Experten wurde zu Rate gezogen, doch obschon der städtische Denkmalschutz vom Projekt abriet, genehmigten der städtische Baurat und die Gouverneurin Valentina Matvijenko das Projekt und eine entsprechende Ausnahme des Höhenreglements.

Büroturm als Touristenattraktion?

Ihre wichtigsten Argumente sind die Investionen des Energiekonzerns in die Stadt, die laut Matwijenko zwei Milliarden Dollar betragen sollen. Nachdem die Stadt sich krisenbedingt aus der Finanzierung Projekt zurück gezogen hatte, sind jene Stimmen verstimmt, die kritisiert hatten, die Stadt bezahle mehr als sie bei dem Unternehmen gewinne. Über das zweite Pro-Argument lässt sich streiten. Mit Werbespots verkündet die Ochta-Zentr-Baugesellschaft, die Stadt werde durch den Gazprom-Turm architektonisch bereichert, was viele Touristen anziehen werden. Genau entzweien sich die Meinungen, denn die Gegner prophezeien eine Verschandelung des historischen Zentrums durch das hohe Gebäude und eine Gefährdung von Petersburgs Status als Unesco-Kulturerbe.

Nach der Genehmigung durch die Stadt ist ein neuer Kampf entbrannt, bei dem mit harten Bandagen gekämpft wird. Umfragen in der Bevölkerung sind zum Hauptkampfmittel geworden. Sowohl die Gesellschaft „Lebendige Stadt“ (Schiwoi gorod) wie auch die Baugesellschaft haben Institute mit der Befragung beauftragt und sind wie erwartet zu völlig verschiedenen Ergebnissen gekommen.

Umfrage gegen Umfrage

Nach Informationen der firma „Toy Opinion“, deren Studie im Auftrag der Gegnern durchgeführt wurde, unterstützen 20 Prozent der Bevölkerung den Bau, während 66 Prozent dagegen sind. 45,7 Prozent Befürworter und 33 Prozent Gegner hat hingegen das Institut für Sozialinformation ermittelt, deren Umfrage von der Ochta-Zentr-Trägergesellschaft bestellt wurde. Den Gegnern, welche die Zahlen der Turm-Befürworter öffentlich in Zweifel zogen, entgegnete der Leiter des Instituts für Sozialinformation Roman Mogilewski, sie hätten eine Lektion in Demokratie nötig. Sie müssten sich daran gewöhnen, dass die Soziologen ihnen nicht immer jene Umfragewerte lieferten, die ihnen gefielen.

Für das kommende Wochenende ist eine Protestkundgebung beim Oktjabrski-Konzertsaal angesagt, der erstaunlicherweise von der Stadt genehmigt worden ist. Obschon sich Maxim Reznik, der Leiter der Petersburger Jabloko-Oppositionspartei darüber geklagt hat, man werde zensuriert, weil keine einzige Druckerei in der Stadt ihre Flugblätter drucken wollte, wird mit einem grossen Aufmarsch gerechnet.

Ein gefälschtes Zitat

Ein Skandal hatte vor einer Woche für genügend Publicity gesorgt: Das offizielle Organ der Stadtregierung „Peterburgski Dnevnik“ hatte in einem Artikel zum Gazprom-Hochhaus ein gefälschtes Zitat des prominenten Denkers und Fantasy-Autoren Boris Strugazki veröffentlicht. Darin prophezeit er, der Neubau würde ähnlich dem Eifelturm mit der Zeit von der Bevölkerung akzeptiert und zu einem beliebten Symbol der Stadt werden.

Erbost distanzierte sich Strugazki in der Zeitung „Moi Rayon“ von diesem „Zitat“. Er interessiere sich überhaupt nicht für dieses Projekt, schreibt er – er habe lediglich gesagt, dass dieser Turm wahrscheinlich gebaut werde, weil dahinter grosse finanzielle Interessen steckten.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Auch wenn ich mich damit einsam mache. Hätten die Zaren bei jedem Bauvorhaben einen solchen Gegenwind bzw. Austand aus der Bevoelkerung gehabt – wäre die meisten der Heute „zu schützenden“ Bauwerke wegen Ihrere Grösse oder Modernität nicht gebaut worden. Bei unvoreingenommener Betrachtung handelt es sich beim OCHTA CENTER um ein sehr ausgewogenes und vor allem hochmodernes Konzept in dem der Turm ja nur ein Element ist. In Qualität und Anspruch fast nicht besser zu machen. Allein daraus ergibt sich der logische Schluss, das ein Kompromiss mehr Schaden bringt als den eleganten Turm zu bauen und damit aber auch die Bauwut „offizielle“ zu beenden.

    Nach dem Ochtazenter wird es nämlich keine ähnlichen Bauten geben und auch die 70-80m hohen scheusslichen Wohnbunker werden nur noch in sicher Distanz Ihre hässlichen Häupter erheben dürfen, müssen sich an der Qualität des Ochtazenter. orientieren müssen.

    Eine Chance auf diese „Zäsur“, die ja einmalig bleiben soll, zu bauen, sollte St. Petersburg nicht versäumen. Alles was alternativ dazu geplant ist, sieht schlechter aus. Ich glaube die Petersburger werden schneller stolz auf Ihr Ochtazenter sein als Ihre Mitbürger vor 100 Jahren auf die wunderbare Brücke davor, oder die heute so gefeierten Jugenstilgebäude.

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