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Der Russentest: Welcher Präsident kam nach Puschkin?

Von   /  12. August 2015  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wie in anderen Ländern fordern auch in Russland nationalistische Kreise, die Hunderttausenden von Gastarbeitern sollten sich besser in die russische Gesellschaft integrieren. Als Zugeständnis wurde im vergangenen Jahr der „Russentest“ eingeführt, ein Examen, bei dem die Beherrschung der russischen Sprache sowie der Kenntnisse der russischen Geschichte und Gesetzgebung geprüft werden.

Ein Diplomat sagte mir einmal resigniert, dass die russische Bürokratie für jede Hürde, die sie abbaue, an einem anderen Ort eine neue errichte. In diesem Fall hatte er sicher Recht, denn als ich mich schon freute, dass diesmal für die Verlängerung meiner Aufenthaltsbewilligung eine einfache Angelegenheit sein würde, weil ich keine medizinische Untersuchung mehr verlangt wurde, hatte ich mich gründlich getäuscht. Zwar ist der medizinische Hürdenlauf mit Aidstest und Schirmbild wirklich nicht mehr nötig, aber dafür schrieb mir die Beamtin bei der Ausländerbehörde (OVIR) das „Zertifikat über die Kenntnisse der russischen Sprache, der russischen Geschichte und Gesetzgebung“ auf die Liste. Kostenpunkt: 5500 Rubel.

Ich hatte bereits von dem Examen gehört, das nach den Ausschreitungen gegen Ausländer von 2013 initiiert worden war und von den Medien mit gemischtem Echo aufgenommen wurde. Nun bin ich also selber dran, wie alle „Gastarbeiter“ – verspotte ich mich. Dieser Begriff gehört zu den wenigen fremdsprachigen Worten, die sich im russischen Wortschatz fest etabliert hat.

„Privatisierte“ Bürokratie

In Petersburg wird die Prüfung in der Sprache, Geschichte und Rechtssprechung Russlands wie ein Grossteil der übrigen elephantösen Buerokratie im so genannten „Zentralen Dokumentenzentrum“ über die Bühne. In der früheren Textilfabrik „Roter Textilarbeiter“ wurde eine „Dokumentenfabrik“, eine privatisierte Parallelverwaltung auf kommerzieller Basis untergebracht.

Vom Reisepass über den TÜV bis hin zu Immobilienverkäufen kann hier alles erledigt werden, womit die staatlichen Stellen nur mühsam oder gar nicht fertig werden. Es ist ein Potemkinsches Dorf der russischen Bürokratie – so wie hier sollte es ueberall funktionieren. So gibt es hier bereits die praktischen Automaten, die vor der Anmeldung Nummern für die Wartenden ausdrucken.

Pass mit notariell beglaubigter Übersetzung für Anmeldung

Doch auch hier läuft es manchmal nicht ganz ohne Leerlauf. So muss ich zum Beispiel bevor ich mich zum Test anmelde den aktuellen Pass, sowie eine notariell beglaubigte Übersetzung vorlegen. Nur um das herauszufinden müsste ich theoretisch anstehen und zuerst 40 andere Personen abwarten. Aber ich habe bereits genügend Russland-Erfahrung, um mich kurz vorzudrängeln und mich zu erkundigen. Die Anmeldung klappt also erst einen Tag später als ich die Übersetzung bekomme.

Schon in der Marschrutka (Aufschrift „UFMS“), die ab der Metrostation „Ploschad Alexandra Newskogo“ verkehrt, merkt man, dass es ins „Ausland“ geht, und an der Uliza Krasnogo Textilschika, meint man, in ein Ausländergetto geraten zu sein. Fremde unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe versuchen hier, gültige Dokumente zu kriegen, ohne die man in Russland kein Mensch ist. Das Prüfungszentrum liegt ganz am Ende des Komplexes, an der Querstrasse, der uliza Moisejenko – am eisernen Tor hängt ein Schild „Zentrales Testzentrum“.

Massenabfertigung – wie Kühe im Gatter

Im Hof warten dutzende Gastarbeiter auf ihre „Abfertigung“. In der Mitte steht ein Freiluft-Telefonkartenstand, an dem tadschikische Telefonkarten verkauft werden. Das ist zwar illegal, aber da im Prinzip der gesamte kommerzielle Dokumenten-Betrieb illegal ist, kommt es darauf nun wirklich nicht mehr an.

Vor dem Durchgang zum Zentrum sind Wachmänner postiert, die per Walkytalky Instruktionen erhalten. Als ich auf Einlass warte, sehe ich, wie zehn bis fünfzehn Personen in eine Art vergitterten Käfig getrieben werde. Wie Kühe trotten die Männer vorwärts und werden „portioniert“. Schon hier wird mir klar, dass es einen grossen Unterschied zwischen der  Einzel- und Massenabfertigung gibt.

„Doppelspiel“ für Privatkunden und Gruppen

Drinnen geht das Doppelspiel weiter – auf die „Privatkunden“ wartet ein modernes Abfertigungsmanagement mit Infodesk, Nummernzetteln und freundlicher Bedienung, aber sobald die Gruppen kommen, geht es zu wie auf dem Kasenenhof. „In Zweierreihen einstehen und Zettel abgeben“, kommandieren die Gruppenleiter. Da ist einer in die falsche Gruppe geraten und sucht seinen Platz – „He Du, wohin willst Du?! Einstehen, hab ich gesagt“, tönt es barsch. Dann haben die Gastarbeiter ihre Jacken an der Garderobe mit Hinweistafeln auf Usbekisch und Tadschikisch abzugeben und wieder einzustehen. Schliesslich werden sie nach oben in die Testräume getrieben.

Ich registriere mich für den Test und kann schon am nächsten Tag antraben. Der Sprachtest macht mir am wenigsten Angst, aber Geschichte und Rechtssprechung Russlands machen mir schon ein bisschen Bauchweh. Aber zum Glück finde ich Fragen und Antworten im Internet. Zweimal lese ich das ganze Repertoire durch, und die Geschichtsfragen erscheinen mir relativ einfach, wohl auch, weil ich mich für Geschichte interessiere. Sie reichen von „banal“ (Welches ist das Symbol der christlichen Religion?), über „einfach“ (Wer ist der Gründer von St. Petersburg) bis „knifflig“ (Wer gewann die Schlacht auf dem Kulikowo Pole?). Mehrmals wird man auch über die Krim befragt: Wann Katharina die Grosse das Manifest zum Anschluss der Krim unterschrieb, wer die Krim an die Ukraine überschrieb und Welche Republik sich 2014 an die Russische Föderation anschloss.

Multiple Choice

Am kompliziertesten kommen mir die russischen Gesetze vor. Die meisten drehen sich darum, aufgrund welcher Dokumente sich ein Ausländer in Russland aufhalten und arbeiten darf und innert welcher Frist er das Land zu verlassen hat, wenn er nicht deportiert werden will. Auch hier lassen sich die meisten Fragen mit etwas gesundem Menschenverstand beantworten – um so mehr, dass der Test wie sich herausstellt nach dem „Multiple-Choice“-System funktioniert. Allerdings kommen mir immer mehr Zweifel inwiefern Ausländer, die Russisch schlecht verstehen, geschweige denn sprechen, die Prüfung bestehen sollen.

Das Rätsel löst sich als ich am nächsten Tag den Prüfungsraum betrete – kein einziger aus der Gastarbeiter-Gruppe sitzt in den Bankreihen, obwohl es genügend freie Plätze hat. Sie werden ganz offensichtlich getrennt abgefertigt – entweder zeigt man man ihnen die dabei die richtige Lösungen an oder winkt sie einfach durch, anders kann ich es mir nicht erklären. Bei uns hingegen gilt es ernst. Nachdem das System etwa 20 Minuten aufgestartet ist, und uns der „Klassenlehrer“ instruiert hat, gehts los per Touchscreen, Kopfhörer und Micro.

„Gastarbeiter Elite“

Der Russisch-Test ist einfach – zum Beispiel muss ein Bild mit Passagieren in der Metro beschrieben werden. Oder man hört durch den Kopfhörer eine Ansage auf dem Telefonbeantworter und muss die Kontrollfrage richtig beantworten. Die Fragen zur Geschichte und zur Rechtssprechung stimmen mit den Vorlagen überein, so dass ich von den maximal 135 Minuten Testdauer nur etwa die Hälfte benötige. Trefferquote und Resultat werden im Anschluss sofort bekannt gegeben – bestanden! Gott sei Dank!

Aber obwohl sich im Zimmer die „Gastarbeiter-Elite“ mit Staatsangehörigen aus Weissrussland, Moldawien und der Ukraine befindet, von denen einige in Russland aufgewachsen sind, gibt es welche, die den Test nicht schaffen. So leicht die Aufgaben insgesamt sind, so streng sind die Regeln – wer ein Thema nicht besteht, muss das Ganze noch einmal durchlaufen – und bezahlen. Enttäuscht starren sie auf den Bildschirm und erkundigen sich beim Leiter nach einem neuen Termin. Nach wenigen Tagen kann ich mein Zertifikat abholen.

Links zu den Fragen und Antworten des Russentests:
http://centrevraz.ru/materialy-dlya-podgotovki-k-kompleksnomu-ekzamenu

http://www.surgpu.ru
http://www.surgpu.ru/media/uploads/2015/02/05/perechen-voprosov2.pdf

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Typisch Russland: Bürokratie – “teilprivatisiert”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Besten Dank für die Blumen! Vermutlich ist das Zertifikat tatsächlich für Geld zu haben, wie vieles andere auch in Russland. Andererseits ist es bei einigermassen guten Russisch-Kenntnissen kein Problem, den Test zu bestehn. Die Geschichts- und Rechtskenntnisse in konzentrierter Form schaden übrigens auch niemandem.

  2. realsatire sagt:

    Eto kruta!

    Klasse die Links! Und Gratulation zu dem guten Ergebnis!
    Ein Sitznachbar aus Uzbekistan hat mir auf einem Flug nach St. Petersburg verraten, das die Kosten für einen bestanden Test 3000 Rubel sind, wenn mann nicht hingehen möchte. Das wäre technisch gesehen billiger als selber machen. Errodiert hier die Korruption?

    Jetzt bin ich jedenfalls motiviert es doch zu versuchen.
    Vielen Dank fuer den Artikel!

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