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Der menschliche Zar: Die verfilmten Erinnerungen des schweizer Lehrers am Zarenhof Pierre Gilliard

Von   /  14. März 2019  /  Keine Kommentare

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eva.- Im 70-minütigen Dokumentarfilm „Die Rückkehr Pierre Gilliards“ zeichnen die russischen Regisseure Ludmila Schacht und Konstantin Kozlow die Geschichte des schweizer Hauslehrers am Zarenhof nach. Seine einzigartigen Sicht des Privatlebens der Imperatoren-Familie stehen dabei im Mittelpunkt – das politische Geschehen gerät dabei stark in den Hintergrund. Am 13. März hatte der Film Premiere im Petersburger „Dom Kino“.

Die Dokumentation ist chronologisch strukturiert und hat die 1922 erschienenen Erinnerungen „Das tragische Schicksal der Zarenfamilie“ als Grundlage. Visuell besteht sie im Wesentlichen aus hunderten von Bildern des passionierten Amateurfotografen Gilliard, die durch Interviews mit Gilliards Nachkommen in der Schweiz ergänzt werden, wobei interessante Details erwähnt werden.

So wird zum Beispiel erwähnt, dass die Schweiz um die Jahrhundertwende als armes Land galt und Pierre Gilliard (1879-1962) als typischer Auswanderer auf der Suche nach Brot in russische Dienste trat. Westschweizer Gouvernanten und Lehrer wurden damals bevorzugt eingestellt, da Französisch die Sprache der herrschenden Klasse war und weil sie im Gegensatz zu den Franzosen politisch neutral und in der Regel protestantisch waren, was die orthodoxe Kirche goutierte.

Als intelligente und integere Persönlichkeit geschätzt

Nach einem Jahr Dienst als Hauslehrer am Hof des russischen Herzogs von Leichtenberg wurde er am Zarenhofs angestellt. Der Film beschreibt, wie zunächst die Zarentöchter und und später den Thronfolger, den Zarewitsch Alexei, unterrichtete. Von Anfang an wurde er von der Zarenfamilie nicht nur als begabter Pädagoge, sondern auch als intelligente und integere Persönlichkeit geschätzt.

Um so mehr nahm er am persönlichen Leben der Kaiserfamilie teil und begleitete sie auf all ihren Reisen auf die Krim und durch das russische Reich. Als eine von wenigen Personen wusste er auch von der Bluterkrankheit (Hämophilie) des einzigen Thronfolgers und von den grossen Sorgen, die sie der Familie bereitete.

Treue zur  Zarenfamilie bis fast in den Tod

Mit grosser Freude und Befriedigung beschreibt er, wie es ihm dank grosser Geduld und Hartnäckigkeit gelingt, sich dem Jungen anzunähern und ihn zum Lernen zu animieren. Mit Erfolg konnte er die Eltern dazu bewegen, dem Jungen trotz des hohen Verletzungsrisikos eine grösstmögliche Selbstständigkeit und Bewegungsfreiheit zu erlauben. Auch dabei erlebt er die Hingabe und Wärme des Herrscherpaars ihren Kindern und das Vertrauen und die Grosszügigkeit ihm gegenüber.

Das nahe Verhältnis führte dazu, dass Gilliard die Familie auch 1917 nach deren Absetzung und Haft in der Residenz von Zarskoje Selo bei Petersburg begleitete. Schliesslich ging er auch mit ihnen auf die Reise ins sibirische Tobolsk, wohin sie die provisorische Regierung verbannte. Er unterrichtete die Zarenkinder weiter und sägte sogar gemeinsam mit Zar Nikolaus II Feuerholz. Nach der Oktoberrevolution und der Machtergreifung der Bolschewiki blieb er bei der Familie bis kurz vor ihrer Hinrichtung in Jekaterinburg 1918.

Begegnung mit Nachkommen Gilliards

Obwohl die neuen Machthaber sämtliche Zeugen des Mords und nahestehende Personen der Zarenfamilie liquidierten, blieb Gilliard noch bis 1920 in Russland. Zusammen mit Nikolai Sokolow, dem Ermittler der zarentreuen Regierung versuchte er den Hergang und Hintergründe der Ermordung der Zarenfamilie aufzuklären. Dabei entlarvte er auch Betrüger, die sich als Überlebende der Zarenfamilie ausgaben. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er seine Erinnerungen, wurde Französischlehrer an der Univeristät von Lausanne und später deren Rektor.

Insgesamt zeigt der Film keine neuen Fakten, doch die Begegnung mit den Nachkommen Gilliards, die mit grosser Achtung von ihm erzählen, ist berührend. Auch ein Schuss Bitterkeit enthält die Dokumentation – darüber, dass der Kanton Waadt Gilliards Person und und sein Werk weitgehend vergessen hat und bis öffentliches Andenken an ihn existiert. Diese Haltung ist insofern typisch schweizerisch, dass im Gegensatz zu anderen Ländern, die Russlandrückkehrer aus der Schweiz, die meist alles verloren hatten, keinerlei staatliche Unterstützung bekamen.

Menschlich, bisweilen zu menschlich

Der Film ist relativ eng auf Gilliard und den Zarewitsch fokussiert und lässt dessen Schwestern fast völlig aus. Durch das enge psychologische Verhältnis des Hauslehrers entsteht ein sehr menschliches Bild des Herrscherpaars, das die politischen Geschehnisse stark ausblendet. Nur an wenigen Stellen, wie zum Beispiel beim Eintritt Russlands in den 1. Weltkrieg oder beim Tod des „Wundermönchs“ Rasputin kommen diese zur Sprache. Eindrücklich ist die Beschreibung des zermarterten Gesichts von Nikolai II, nach dem er den Kriegseintritt verkündet hatte, den er selbst nicht wollte.

Dieses menschliche, ja bisweilen zu menschliche Antlitz des Imperators birgt die Gefahr, den Zaren von seiner Verantwortung als Machtfigur freizusprechen. So human und hingebungsvoll er als Vater war, so hart und kurzsichtig war er als Herrscher. Seine katastrophalen Versäumnisse und Fehler, beispielsweise während des russisch-japanischen Kriegs und der Revolution werden grosszügig übersehen.

Wie Gilliards am Ende erwähnt, beschuldigte sich der Zar nach der Machtübernahme der Bolschewisten, weil er so leichtfertig seine Macht an die provisorische Regierung übergeben hatte. Dabei vergisst Gilliard, dass nicht der Rücktritt falsch war, sondern der späte Zeitpunkt, in dem er erfolgte – als Russland schon längst am Ende der Sackgasse angelangt war, in die es ihr Herrscher hineinmanövriert hatte.

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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