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Das Taurische Orchester zwischen Klassik und Rock, zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Von   /  15. Oktober 2018  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Das Taurische Orchester ist nach seinem Standort, dem Taurischen Palast in Petersburg benannt und ist das musikalische Aushängeschild des Leningrader Gebiets. Es bestreitet ein ausgesprochen vielfältiges Jahresprogramm in Petersburg und im Leningrader Gebiet. Bevor sich das Orchester auf seine zweiwöchige Konzerttournee nach Deutschland und in die Schweiz aufmacht, hat der „Herold“ mit seinem Dirigenten Michail Golikow gesprochen.

SPB-Herold: Das Taurische Orchester ist ein sehr junges Orchester – erst im vergangenen Jahr wurde es offizielles Orchester des Leningrader Gebiets. Wie hart ist die Konkurrenz unter den Orchestern in der russischen Kulturhauptstadt?

Michail Golikow: Einerseits sind wir im Leningrader das einzige Sinfoniorchester und daher ohne Konkurrenz. Andererseits verbringen wir einen Grossteil unserer Zeit in Petersburg, wo unsere Probenarbeit und viele unserer Konzerte stattfinden. Hier gibt es sieben bis acht Orchester unserer Grösse, und für den „Kulturmarkt“ ist ein wenig Konkurrenz gar nicht schlecht. Das bringt uns auf neue Ideen und führt zu interessanten gemeinsamen Projekten mit MusikerInnen, wovon unser Publikum profitiert.

SPB-Herold: In der offiziellen Beschreibung des Orchesters wird lediglich die Propagierung der klassischen Musik, insbesondere der russischen Klassik beschrieben. Geht es ein wenig genauer?

Michail Golikow: Wir sind wahrscheinlich eines der wenigen Orchester der Welt mit einem so breiten Spektrum an Werken aller Stilrichtungen und Epochen. Wir spielen sämtliche Beethoven-Sinfonien, sämtliche sinfonischen Werke von Brahms, Tschaikowsky und Rachmaninow, dazu Werke des Barock, Bach, Händel und Vivaldi, und andere. Dazu nehmen wir an Operninszenierungen teil und haben bereits rund zwölf Opern aufgeführt. Wir spielen Ballettmusik für eine Reihe von Festivals. Gleichzeitig studieren wir auch zeitgenössische Musik ein und führen Werke junger KomponistInnen im In- und Ausland auf. Zudem spielen wir Soundtracks für Filme, begleiten Kinoaufführungen und machen Aufnahmen im Studio. Hinzu kommt noch die Rock- und Popmusik – dieses Jahr haben wir ein ganzes Festival unter dem Titel „Smoke on the water“ im Leningrader Gebiet veranstaltet. Daher können wir unter dem Punkt „Stilrichtungen“ ohne Übertreibung die Bezeichnung „alle“ setzen.

SPB-Herold: Und was ist Ihre persönliche Präferenz?

Michail Golikow: Das ist wirklich eine schwierige Frage, denn momentan versuche ich zum Beispiel gerade, völlig neue Kombinationen von Musik und Theater zu entwickeln. Jedoch nicht in Form von Opern, sondern als Inszenierung des musikalisch-dramatischen Theaters, bei der sowohl Orchestermusiker wie auch Schauspieler, Sänger und Puppen mit ihrer ganz eigenen Sprache mitwirken. Hinzu kommen die neuesten technischen Möglichkeiten, wie Video, Projektionsmapping, die dem Publikum ein neues, unmittelbares Erlebnisgefühl vermitteln. Andererseits möchte ich immer mehr Zeit für das klassische Repertoire haben – ich persönlich bevorzuge die Romantik, die russische Romantik, die europäische, die Spätromantik, zum Beispiel Mahler und Bruckner, die mir sehr nahe stehen. Mein liebster ausländischer Komponist ist Brahms. Daher wird es eine besondere Ehre für mich sein, im Rahmen der kommenden Tournee sein Konzert für Geige und Cello in Thun in der Schweiz aufzuführen, wo es auch geschrieben wurde. Ich liebe solche Konzerte, bei denen man dem Publikum die Geschichte über die Musik näher bringen kann. Aus diesem Grund entstand auch die Idee, das Thema Suworow aufzugreifen und musikalisch zu propagieren.

SPB-Herold: Das Orchester tritt an den verschiedensten Anlässen auf – sei es an der Deutschen Woche, sei es während einer Museumseinweihung oder gar am Klassik-Rock Festival „Smoke on the water“. Muss sich das junge Orchester auf diese Weise seine Sporen abverdienen oder gehört dies heute zum Alltag eines jeden Orchesters?

Michail Golikow: Ich denke beides. Unser Programm wird durch zwei Faktoren beeinflusst: Zum einen haben wir leider keinen eigenen Saal, da der Taurische Palast als Sitz der interparlamentarischen Versammlung der GUS sehr oft belegt ist. Zum anderen kommen wir dadurch dazu, mit vielen anderen Veranstaltern und verwandten Bereichen, wie der bildenden Kunst, der Architektur oder dem Theater zu kommunizieren. Dadurch ergibt sich wahrscheinlich die Grosszahl an Auftritten an Festivals, Museumseröffnungen und Konferenzen.

SPB-Herold: Am Klassik-Rock-Festival ging das Orchester bisweilen an die Grenzen – technisch wie musikalisch. Tut es nicht weh, wenn eine 30-köpfige Formation von einer einzigen Elektro-Gitarre übertönt wird?

Michail Golikow: Das ist tatsächlich eine harte Tatsache, denn eine Elektrogitarre kann mit ihrer Vielseitigkeit und Lautstärke ein Orchester in vielen Situationen problemlos ersetzen. Aber uns ging es bei dieser Gelegenheit in erster Linie darum, den Kontrast zwischen diesen zwei Polen zu zeigen und damit wiederum die Vielseitigkeit und Schönheit des Orchesters zu demonstrieren. Ich weiss nicht, inwiefern uns dies gelungen ist, aber ich möchte erreichen, dass Menschen, die bisher nur Rock- und Pop-Musik hören, auch der Klassik gegenüber offener werden und umgekehrt. Wenn die Leute ein neues Gesicht in der jeweils anderen Stilrichtung entdecken, könnte dadurch ein Publikum mit völlig neuer Zusammensetzung entstehen.

SPB-Herold: Wie gross darf seiner Meinung nach der Spagat zwischen U und E-Musik sein?

Michail Golikow: Diese Frage muss für alle Länder individuell beantwortet werden. Europa hat zum Beispiel eine viel stärkere klassische Tradition als Asien und dementsprechend ist auch der Abstand zwischen Pop/Rock-Musik und Klassik viel grösser. In Amerika hingegen, wo die beiden Stilrichtungen im 20. Jahrhundert fast gleichzeitig ihr Publikum eroberten, haben sie beide etwa dieselbe Beziehung zum Showbusiness. Dementsprechend hat dort für viele Menschen eine klassische Oper denselben Status wie ein Rockkonzert.

SPB-Herold: Das Taurische Orchester hat eine sehr internationale Zusammensetzung. Das ist sicher einerseits eine Bereicherung, sorgt aber andererseits auch für ständige personelle Wechsel – ist das kein Problem für die Konstanz eines Orchesters?

Michail Golikow: Diese Frage beschäftigt uns ständig, um so mehr als es ringsum viele grosse kulturelle Institutionen gibt, die talentierten MusikerInnen zehnmal mehr Gehalt bezahlen können als wir. Das betrifft jedoch in erster Linie die russischen Orchestermitglieder – bei den Ausländern muss ich viel weniger Angst haben, dass sie plötzlich in ein anderes Ensemble überwechseln. Es gibt erstaunliche Beispiele – so kam vor einigen Monaten ein sehr talentierter Klarinettist, aus Barcelona ins Orchester, der in Petersburg einen internationalen Wettbewerb gewonnen hatte. Leider verabschiedete er sich nach einer Saison zur Fortsetzung seiner Karriere in Spanien, wo er natürlich auch ein Vielfaches mehr verdiente. Doch im August rief er mich an und bat mich darum, wieder im Taurischen Orchester spielen zu dürfen, und ich nahm ihn natürlich gerne wieder bei uns auf.  Ausländische Musiker sind immer eine Bereicherung für uns, nur schon deshalb, weil sie eine andere Schule und Mentalität mitbringen.

SPB-Herold: Sie arbeiten schon seit zwanzig Jahren als Dirigent – wie hat sich die Arbeit mit ausländischen Partnern und dem Publikum verändert?

Michail Golikow: Zum einen ist vieles einfacher geworden – vor allem die Kommunikation ist heute viel einfacher und schneller. Andererseits hat sich auch die Mentalität der Veranstalter geändert, alles ist unverbindlicher. Gleichzeitig haben sich Alter und Ansprüche des Publikums verändert. Als ich Ende der Neunzigerjahre auf meine ersten Tourneen durch Europa ging, geschah dies unter dem Motto „Feel Russia“. Man war neugierig darauf, was die russische Kultur, die solange hinter dem Eisernen Vorhang war, zu bieten hatte, und dementsprechend war es leichter Unterstützung zu bekommen. Heute muss ein russisches Orchester gegenüber anderen Ensembles aus Osteuropa sein Können beweisen, und es ist viel schwieriger, mit Agenten und Veranstaltern vernünftige Bedingungen auszuhandeln. Dafür eröffnen sich ganz neue Auftrittsorte – zum Beispiel China, wo die klassische Musik vielerorts noch vor kurzem fast unbekannt war.

Das Taurische Orchester

eva.- Das Taurische Orchester wurde 2009 im Taurischen Palast gegründet und besteht aus rund 50 Musikerinnen und Musikern aus acht Ländern. Das Taurische Palais wurde von Iwan Starow 1783–1789 im Auftrag Katharinas der Großen als Geschenk für ihren Liebhaber Grigori Potjomkin errichtet, der den Beinamen „Tawritscheski“ („Der Taurier“) trug. Nach der Februarrevolution 1917 war es Sitz des Petrograder Sowjets und der Staatsduma unter der Provisorischen Regierung. 1918 hielt wandelte sich hier die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) in die Kommunistische Partei Russlands um. Bis 1990 war das Palais höhere Parteischule der KPdSU Leningrads, und seit 1990 ist hier die interparlamentarische Versammlung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) untergebracht. Das Taurische Orchester tritt vom 17. bis 26. Oktober in den deutschen Städten Halle, Hamburg, Rostock, Kronberg, Köln und Maintal auf, sowie in der Schweiz in Thun, Alpnach Zürich und Glarus. Es wird dabei den Gouverneur des Leningrader Gebiets Alexander Drosdenko auf seinem Deutschland-Besuch begleiten. Gleichzeitig unterstützt es das Projekt eines internationalen Suworow-Pfads. Die Hauptziele dieses Projekts sind zum einen, auf die bemerkenswerten Schauplätze in der Laufbahn von Generalissimus Suworow aufmerksam zu machen. Zum anderen soll der Austausch an Wissen, Erfahrung und Projekten unter Fachleuten aus Kultur und Tourismus in der Schweiz, Russland, Finnland, Österreich, Italien und Deutschland gefördert werden. Auf dem Konzertprogramm stehen Werke von Tschaikowski, Glasunow, Ljadow, sowie Kompositionen von Mitgliedern der Zarenfamilie.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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