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Das Petersburger Skulpturenmuseum zeigt „Die unbekannte Blockade“

Von   /  29. Januar 2014  /  Keine Kommentare

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Von Kerstin Strey

70 Jahre nach dem Ende der Leningrader Blockade wurde im staatlichen Skulpturenmuseum  eine außergewöhnliche Fotoausstellung eröffnet, die das Schicksal der Leningrader Bürger in den Jahren 1941-44 aus verschiedensten Perspektiven dokumentiert. Die zum größten Teil erstmals veröffentlichten Bilder stammen aus dem zum 70-Jahre-Jubiläum erschienenen Fotoband „Die unbekannte Blockade. Der Weg zum Sieg. Leningrad 1941-44“ (siehe Fotogalerie).

Es ist der zweite Band aus der Reihe “Sankt-Petersburg – Petrograd – Leningrad – Sankt-Petersburg. Das 20. Jahrhundert in Bildern“ des russischen Limbus-Verlags. Darunter sind Aufnahmen von professionellen Fotografen und Amateuren, entnommen aus privaten Sammlungen und staatlichen Archiven, unter anderem auch aus den Archiven des Geheimdienstes NKWD.

„Bleiben Sie stehen, bitte, schauen Sie in die Gesichter dieser Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen verlor während der Leningrader Blockade ihr Leben – sie verhungerten, erfroren oder wurden Opfer von Bomben.“ Ein Schild mit dieser Aufschrift führt die Besucher in die Ausstellung ein. Die folgenden Fotografien erzählen anhand von Einzelschicksalen ein Gesamtbild der Blockadezeit.

Schreckliche Periode aus verschiedenen Perspektiven

Alle haben die schreckliche Periode aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt: als Schulmädchen, Mutter oder Soldat. Neben den Bildern schildern Tagebucheinträge die persönlichen Erinnerungen der Menschen. „Jetzt verstehe ich erst wirklich, was Hunger ist. Davor konnte ich mir nicht genau vorstellen, wie sich Hunger anfühlt.“, schreibt die Schülerin Valya im September 1941 in ihr Tagebuch.

Die dreijährige Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht war gleichbedeutend mit einer riesigen Hungernot. Gleich zu Anfang der Blockade vernichtete die deutsche Luftwaffe eine große Menge an Getreide, Mehl und Zucker durch die gezielte Bombardierung wichtiger Vorratslager. Die Lebensmittelrationen wurden in den Jahren der Blockade fünfmal gekürzt. Lediglich über den zugefrorenen Ladogasee, über den 1942 auch hunderttausende Leningrader evakuiert wurden, konnte ein spärlicher Nachschub fliessen. Die Unterernährung war die Haupttodesursache in den Jahren der Besetzung – täglich starben hunderte von Menschen, oft fielen sie einfach um vor Schwäche. Haustiere verschwanden, Kanibalismus grassierte.

Der Hunger verdrängt Gefühle

„Ich selbst bin biologisch nicht in der Lage zu fühlen, ich bin leer“, schildert die junge Mutter M. Mashkova in ihren Aufzeichnungen. Die Bilder machen klar, dass er Tod während der Blockade allgegenwärtig und alltäglich war. Beerdigungen fanden so gut wie nicht mehr statt. Die Leute transportierten die  Leichen ihrer Angehörigen, in Säcken oder in Decken eingerollt, selbst zu den Massengräbern und Leichenhallen. Die Blockade forderte Leningrad nach heutigen Schätzungen etwa 900.000 Menschenleben.

In der Sowjetunion versuchte man die grausamen Zustände in der Stadt zu zensieren, es durfte keine „Schwäche“ gezeigt werden. Das Fotografieren war Privtpersonen während der Blockade verboten. Nur offiziell akkreditierte Berichterstatter durften fotografierten – und auch sie hatten strenge Richtlinien, was gesehen werden durfte und was nicht. Die Amateurfotografen, dank denen man heute über wertvolle inoffizielle Bilddokumente verfügt, nahmen ein grosses Risiko auf sich, das tödlich sein konnte .

Wegen drei Fotos erschossen

Einer der Zeitzeugen wurde für drei Bilder, die er aus dem Fenster gemacht hatte, verhaftet und kurz darauf erschossen. Nur dank der Recherchen des Buchautors Wladimir Nikitin erfuhren seine Angehörigen nach 70 Jahren von seinem Schicksal. Auf ihre Anfrage beim Geheimdienst hatten sie keine Auskunft erhalten. Sogar schriftliche Aufzeichnungen über die schlimmen Zustände in der Stadt reichten aus, um ihre Autorinnen und Autorinnen wegen Defätismus ins Straflager bringen, was zu dieser Zeit den sicheren Tod bedeutete.

Moch lange nach Ende der Blockade fand Zensur statt – noch heute wird ein heroisches Bild der Blockade vermittelt, allzu realitätsnahe Dokumentationen sind unerwünscht. Die kritische Geschichtsschreibung, die nach dem Ende der Sowjetunion einsetzte  und das wahre Ausmaß der Katastrophe zeigte, steckt noch immer in ihren Anfängen.

Die Ausstellung ist bis am 12. Februar geöffnet. Das Buch „Die unbekannte Blockade. Der Weg zum Sieg“ ist in der Ausstellung für 2000 Rubel erhältlich. Ausstellungssaal des städtischen Skulpturenmuseums, Newski Prospekt 179/2. Eintritt 50-100 Rubel. Тel. 314-12-14. www.gmgs.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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