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Das Petersburger Hybrid-Auto „Yo-Mobil“ – ein „Flopp-Mobil“?

Von   /  1. März 2014  /  2 Kommentare

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TOPTICKER.- Die Fabrik in Marino bei St. Petersburg, in dem das „Yo-Mobil“ (Ё-Mobil), das erste russische Hybrid-Auto hätte hergestellt werden sollen, gleicht einem Potemkinschen Dorf. Nach drei Jahren steht auf dem Gelände nicht mehr als eine leere Werkhalle. Das Prestigeprojekt des Oligarchen und Politikers Michail Prochorow scheint nicht mehr als ein PR-Gag zu sein.

Schon 2011 als mit viel Publicity der Grundstein für das Autowerk gelegt wurde, gab es Skeptiker, die dem 150 Millionen Euro schweren Investitionsprojekt keine Chancen einräumten. Doch dem charismatischen Unternehmer und Multimilliardär Prochorow gelang es mit seiner überzeugenden Art viele Zweifler zu überzeugen –  “Niemand glaubte, dass es uns gelingt, ein Konzept zu erstellen, aber wir haben es getan. Niemand glaubte, dass es eine Nachfrage für das Yo-Mobil gibt, aber es gibt eine. Niemand hat geglaubt, dass wir beginnen, zu bauen – doch wir haben begonnen“, sagte er damals.

Das russische Billigauto

Bis Ende 2012 sollte der Betrieb laufen, tausende von Vorbestellungen für die pepigen Hybridautos wurden aufgenommen. Die Fabrik mit 700 Angestellten sollte 20.000 Crossover-Coupés jährlich zu einem Preis von weniger als einer halben Million Rubel (rund 10.000 Euro) produzieren. Später hätte die Modellpallette erweitert werden sollen. Doch der Betriebsstart wurde immer wieder vertagt – schliesslich sollte es 2015 losgehen, doch am vergangenen 20. Februar wurde der Start dann auf unbestimmte Zeit verschoben.

Das machte skeptisch und neugierig. Eine Reporterin der Boulvard-Zeitung „Moskowski-Komsomolez“ stattete dem Industriepark schliesslich einen Besuch ab, um mit eigenen Augen zu sehen, wie dort die Dinge stehen. Sie gab sich als potenzielle Käuferin aus und spazierte, begleitet von einem einsamen Wachmann, durch das Werk, bzw. durch die Fassade einer Fabrik.

„Finanzielle Schwierigkeiten“

Denn darin war ausser zwei verstaubten Prototypen, ein paar Ersatzteilen und einer Spezialpresse für Autoteile auf weiter Flur nichts zu sehen – gähnende Leere und keine Menschenseele weit und breit. Auch von Michail Prochorow, der damals mit seiner Gruppe „Onex“ und einer Beteiligung von 51 Prozent das Projekt iniziierte ist keine Spur. Zum letzten Mal trat Prochorow am letztjährigen Petersburger Wirtschaftsforum mit dem „Yo-Mobil“ auf – seither liess er sich nicht mehr blicken. Mittlerweile liess das städtische Kommitee für Industriepolitik verlauten, es gebe finanzielle Schwierigkeiten bei dem Projek. Der zweite Teilhaber (49 Prozent der Aktien) Javorit-Motors war nicht zu erreichen, und der Direktor von „Yo-Avto“, Andrei Ginsburg wollte die Situation nicht kommentieren.

Fachleute aus der Autobranche sind keineswegs erstaunt über die „Totgeburt“ des einst so hochgepriesenen Projekts. Viktor Stanowski, Direktor von Technologia-Market, welche den Motor für das Hybrid-Auto liefern sollte, ist überzeugt, dass das Projekt im vornherein zum Scheitern verurteil war. Es gäbe in Russland überhaupt keinen Maschinenbau und deshalb auch keine Firma, welche die Ersatzteile für das Mobil hätte liefern können, meinte er. Auch für all die anderen Spezialteile für das hochmoderne Auto, den Elektromotor und die superleichte Karosserie hätten Know-How und Zulieferer gefehlt.  Ausserdem hält er Prochorow für den falschen Mann für ein solches Projekt.

Alle Innovationen gestrichen

Der Wirtschaftsexperte Vitali Nowikow äusserte schliesslich den Verdacht, Prochorow habe nie wirklich vorgehabt, das „Yo-Mobil“ zu bauen und das Ganze sei ein gigantischer PR-Gag. 2011 als Prochorow Leiter der Partei „Die rechte Sache“ war und er sich bereits auf die Präsidentschaftswahlen für 2012 vorbereitete, waren Worte wie „Nanotechnologie“ und „Innovation“ in aller Munde. Ausserdem war die Situation auf dem Automarkt nach der Krise von 2008 mehr als mau. Was konnte man sich das besseres vorstellen als einen Politiker und Unternehmer, der mit einer Fabrik für umweltfreundliche Autos optimistisch nach vorne geht?!

Der Ideologe und erste Konstrukteur des „Yo-Mobils“ Alexander Sinkjewitsch erzählte in seinem Interview mit „MK“, warum er 2011 kurz vor der Lancierung des Projekt seinen Job an den Nagel hängte. Eine innovative Idee für das Hybrid-Auto nach der anderen seien im Verlauf der Planungsphase gestrichen worden. Schliesslich sei es einfach wichtig gewesen, dass das Auto irgendwie gefahren sei, um es an der Präsentation zu zeigen. Fast alle Innovationen, die vorgesehen waren, seien schliesslich bei anderen Autoherstellern realisiert worden. Er bezeichnete das Ganze als groben Betrug an hunderttausenden von Russen, die einmal mehr daran geglaubt hätten, man könne in ihrem Land etwas Innovatives herstellen.

Bild: Wikimedia Commons

www.spb.mk.ru

www.spbvoditel.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. eva sagt:

    Das ist leider ein schwacher Trost.

  2. realsatire sagt:

    Schade um die verpasste Chance – aber ganz im Ernst in einem Kalten Land haben es Batterieautos wesentlich schwerer als z.B. in Californien. Vermutlich besser so.

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