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Petersburg im 19. Jahrhundert aus der Sicht des Zeitungsmanns Rudolf Minzloff

Von   /  16. November 2009  /  Kommentare deaktiviert für Petersburg im 19. Jahrhundert aus der Sicht des Zeitungsmanns Rudolf Minzloff

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Von Eugen von Arb

In seiner „St. Petersburger Chronik“ beschrieb der Königsberger Bibliothekar und Journalist Rudolf Minzloff das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Hauptstadt. Die Nationalbibliothek hat die unterhaltsamen Texte als russische Übersetzung in einem Buch herausgegeben, das von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Natalia Grintschenko im Deutsch-Russischen Begegnungszentrum vorgestellt wurde.

Mal belehrend, mal heiter-ironisch


Zeitungsfeuilletons geben eine andere Welt wieder als die Wissenschaft, darum lassen sie eine vergangene Zeitepoche meist viel bunter und emotionaler erscheinen als sie uns von Historikern vermittelt wird.

Auch das Petersburg des 19. Jahrhundert erhält sofort ein ganz anderes Gesicht, sobald man es durch die Augen eines Journalisten sieht. Der Königsberger Rudolf Minzlow schrieb in den Vierziger- und Fünfzigerjahren Texte für die Rubrik „St. Petersburger Chronik“ in der deutschsprachigen „St. Petersburgischen Zeitung“. Bälle, Ballonflüge, Alltagsszenen und Empfänge der Zarenfamilie werden von ihm bis ins Detail beschrieben.

Mit einer leichten und unterhaltsamen Sprache beschreibt er seine Zeit – in Beobachtungen, Kommentaren, Buchrezensionen und Konzertkritiken. Frei von jeglicher chronistischer Strenge springt er von einem Thema zum anderen, mal belehrend, mal heiter-ironisch.

Ein Lob auf die Bibliothek

So beginnt er eine Folge im September 1848 mit der Beschreibung eines verregneten Datschensommers, der zu Ende geht, schwenkt zu seinen Bücherwünschen für lange Winternächte und endet schliesslich mit dem Hinweis auf die neue Bibliothek der Evangelischen Kirchgemeinde an der Bolschoja Konjuschenaja Uliza, die rund 4000 Bände in französischer, deutscher, schwedischer und finnischer Sprache anbietet.

Dank der Chronik erfährt man nicht nur, dass die Russen schon damals vernarrte Datschenbesitzer waren, sondern auch wie das Datschenleben in der Praxis aussah – zum Beispiel der Umzug per Schiff in die Sommerhäuser und wieder zurück: „Alle Flussarme der Newa und alle Kanälen sind voller Barken, beladen sind mit Möbeln, die von den Datschen nach Hause zurück kehren.“

Taschenbücher: voller „Katzenmusik“

Des weiteren erhält man Informationen über den Buchmarkt – die neuen „Taschenbücher“ aus Deutschland kommen auf, deren Format und Aufmachung Minzloff zwar lobt, deren Inhalt jedoch keine Gnade bei ihm findet. „Es wird einem sofort klar, dass die in solchen Büchern gedruckten Gedichte an Katzenmusik in Mondnächten erinnert und die Prosa an Süssigkeiten, von denen der ganze Mund taub wird.“ Minzloff beklagt vielmehr den Mangel an französischen Büchern: „Wo sind die ausgezeichneten, endlosen Romane und ihre Fortsetzungen, die aus dem Boden geschossen sind wie Pilze und die ebenso schnell vergessen wurden wie wir sie gelesen haben?“

In solchen Texten wird der bibliophile Mitarbeiter der Nationalbibliothek erkennbar, der rund vierzig Jahre in deren Diensten stand. Er geisselt die Geschäftemacherei der Buchhändler mit billigem Schund und lobt dagegen die „Non-Profit“-Einrichtung der Bibliothek, für die Benutzer lediglich ein kleine Gebühr für den „Altar der Kultur“ opferten.

Minzloff berichtet über das Geschehen an der Kaiserlichen Bibliothek

Wie Natalia Grintschenko ausführte waren zu jener Zeit eine ganze Reihe von Ausländern an der Russischen Nationalbibliothek angestellt. Rudolf Minzloff wurde wegen seiner vielseitigen Sprachkenntnisse geschätzt und arbeitete während seiner Zeit an der Bibliothek in fast allen Abteilungen. Während seiner Laufbahn gelang es ihm, im Ausland eine ganze Reihe bibliophiler Raritäten für die Bibliothek zu beschaffen.

Neben seiner „St. Petersburger Chronik“ verfasste er auch Berichte über das Geschehen in der Kaiserlichen Bibliothek, die als Hort des Wissens einen wichtigen Treffpunkt für das gebildete Petersburger Bürgertum bildete. So sind dem Buch auch eine Schilderung Minzloffs über den Verkauf von Buch-Dubletten und über eine Ausstellung kostbarer Buchumschläge beigefügt, welche die Bedeutung von Büchern in jener Zeit verdeutlichen.

Exkurs in die Petersburger Zeitungslandschaft des 19. Jahrhhunderts

In ihrem Referat unternahm Grintschenko auch einen Exkurs in die Petersburger Zeitungslandschaft jener Zeit und beschrieb die verschiedenen Abschnitte in der Geschichte der „St. Petersburgischen Zeitung“. Als zweitälteste Zeitung Russlands (1727 gegr.) unterstand sie lange der Russischen Akademie der Wissenschaften und publizierte wissenschaftliche Texte und offizielle Verlautbarungen.

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten Umfang und Auflage deutlich gesteigert werden, und die Zeitung erhielt ein Profil, das mit heutigen Zeitungsmedien vergleichbar ist. Ausserdem stieg die Aktualität dank eines modernen Nachrichtendienstes stark an. 1878 wurde sie an den baltendeutschen Journalisten Paul von Kügelgen verpachtet und erlebte bis zu ihrem plötzlich es Ende zum Kriegsausbruch von 1914 ihre Blütezeit.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

Die Petersburger Chronik ist auf Russisch für 200 Rubel bei der Nationalbibliothek erhältlich.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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