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Das Gespenst des preussischen Militarismus auf der Dittchenbühne

Von   /  24. Oktober 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Auf seiner diesjährigen Tournee durch die Ostsee-Länder zeigte die Dittchenbühne aus Elmshorn Zuckmayers Hauptmann von Köpenick. Die Satire auf Bürokratengeist und Militarismus im alten Preussen wurde mit Pfiff und Herzblut gespielt – gerade in Russland erweist sich das Stück noch immer als sehr aktuell.

„Ohne Arbeit keine Anmeldung, ohne Anmeldung keine Arbeit“ – der bürokratische Teufelskreis, in dem sich der vorbestrafte Schuster Voigt bewegt, bis er den Bürohengsten schliesslich einen Streich spielt, erinnert sehr an die Verhältnisse, die noch heute in vielen russischen Verwaltungen herrschen. Auch der Uniformenkult, die den falschen Hauptmann schliesslich die Kasse aus dem Rathaus von Köpenick klauen lassen, passen sehr zum Glauben an das Militär und den überspitzten Patriotismus, der sich in den letzten Jahren in Russland wieder breit gemacht hat.

Diese Aktualität macht den „Der Hauptmann von Köpenick“ (Regie: Raimar Neufeldt) zum wohl besten Stück, welches das Laientheater „Dittchenbühne“ in den letzten Jahren gezeigt hat. Werke wie Hauptmanns „Die Weber“ oder „Der Biberpelz“, welche die Dittchenbühne ebenfalls gespielt hatte, mögen zu ihren Zeiten Kassenschlager gewesen sein, doch erwiesen sie sich für das heutige Publikum eher als schwierig, weil weder ihre Themen, noch ihre Sprachen und ihr Humor wirklich verstanden werden.

Vorurteile gegenüber vorbestraften „Versagern“

Carl Zuckmayers „Kleider-Machen-Leute-Stück“ hat hingegen bis heute volle Gültigkeit. Auch seine Sprache – frische Berliner Alltagssprache – erreicht die Seele der Zuschauer. Den armen Teufel Voigt, ein Mann von einfachem Schlag, der jedoch immer etwas mehr sieht und versteht als seine Umgebung, gibt es auch heute. Ob die menschlichen Vorurteile gegenüber vorbestraften „Versagern“ kleiner geworden sind und die Toleranz der Gesellschaft ihnen gegenüber grösser, ist eine offene Frage.

Die Truppe spielte mit Herzblut – die Darsteller, allen voran Ralf Skala als Willhelm Voigt, passten ausnehmend gut zu ihren Figuren. Uniformschneider Wormser (Kai Göhring) und sein vorwitziger Zuschneider Wabschke (Alexander Kahns) geben ein herrliches Paar ab. Die Szenen mit ihren Kunden – Hauptmann von Schlettow (Ulrich Dressel) und Bürgermeister Obermüller (Olaf Zywietz) spiegeln prächtig Untertanentum und Karrieregeist im willhelminischen Preussen.

Gefühlvolle Interpretation

Aber auch kleinere Szenen, beispielsweise die Auftritte der Bänkelsängerinnen Antonia Tiedt und Dorothee Neufeldt sind schön gespielt. Dass neben dem Witz der Köpenickiade das himmelrtraurige Elend des von Gericht und Gesellschaft verurteilten Voigts nicht vergessen geht, dafür sorgt die gefühlvolle Interpretation des Ensembles.

Die Tournee der Dittchenbühne führte dieses Jahr über Elblang (Polen), Kaliningrad (Russland), Klaipeda (Litauen), Riga (Lettland), Tallinn (Estland), St. Petersburg, Petrosavodsk, Apatity, Murmansk (Russland), Rovaniemi und Jyväskylä (Finnland).

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. eva sagt:

    Lieber Herr Skala,

    ich habe mich sehr über Ihr Kompliment gefreut – herzlichen Dank! Ich bewundere den Zusammenhalt und den Enthusiasmus des Dittchenbühne-Ensembles, das sich während all der Jahre trotz bescheidener Mittel gehalten hat.

    Das Theater hat die schöne, aber sicher nicht immer einfache Mission, an das deutschsprachige Kulturleben in Osteuropa zu erinnern. Die Theatertournee ist wie ein feiner Faden, der alle Ostseeländer unter einander verbindet und sie an etwas Wertvolles erinnert, das in der Vergangenheit liegt. Dass diese Länder bereit sind, das Theater aufzunehmen, bedeutet, dass sie auch diesen Teil ihrer Vergangenheit heute anerkennen – ein schönes und versönliches Zeichen!

    Ich wünsche Ihnen und allen Mitgliedern der Truppe weiterhin viel frische Kraft, gute Ideen, sowie eine grosse Portion Humor und Glück!!!

    Mit den besten Grüssen aus St. Petersburg

    Eugen von Arb

  2. Sehr geehrter Herr Eugen von Arb,

    seit vielen Jahren begleiten Sie unser Team der Dittchenbühne in St. Peterburg und veröffenlichten zahlreiche Kritiken und Fotos unserer Aufführungen im „SPB Herold“. Dass Sie ein hervorragender Fotograf, mit dem Gepür für „lebendige Fotos“ sind, haben wir schon lange erkannt. Ihre Aufnahmen unserer diesjährigen Vorstellung des „Hauptmann von Köpenick“ in St. Petersburg übertreffen aber alles bisher gesehene! Einfach perfekte Fotos, die wir nun Dank Internet bewundern können.

    Vielen Dank für Ihre objektive und faire Kritik, sowie die großartigen Fotos! Es ist uns in jedem Jahr ein besonderes Vergnügen in St. Petersburg aufzuteten. Wir sind stolz und glücklich, dass unser Ensemble viele Freunde in Ihrer Stadt und in Russland hat.

    Mich selbst freut es sehr, dass ich Sie in diesem Jahr persönlich kennenlernen durfte.

    Viele Grüße aus dem fernen Elmshorn, im Norden Deutschlands, an unsere Freunde und Fans in St. Petersburg und Russland!

    Herzliche Grüße

    Ralf (Kalle) Skala
    (Mitglied des Schauspielerensembles der Dittchenbühne)

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