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Kommentar: Das Bekenntnis zum Heiligenschein – Russlands Mächtige rennen in die Kirche

Von   /  10. Januar 2012  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Während des Wahlkampfs der vergangenen Monate, der noch bis zu den Präsidentenwahlen im März andauern wird, gab es beim Auftritt der Machtvertreter wenig Neues. All die zahllosen Eröffnungen von Strassen, Fabriken, Kliniken, Kindergärten im ganzen Land, an denen Putin oder Medwedew auftauchten und ihre Volksnähe bekundete, gehören seit Sowjetzeiten zum Standard-Repertoire.

Gegen diese Art von Propaganda-Inszenierungen haben die meisten Russinnen und Russen bereits eine Art Resistenz entwickelt – sie lassen es an sich vorbeiflimmern wie eine Werbeschaltungen. Nur etwas liess sie diesmal aus dem Dämmerzustand aufwachen – die gesamte Obrigkeit schien völlig ungeachtet ihrer teilweise kilometerlangen KP- und Geheimdienstvergangenheit in die Kirche zu rennen. Wie bringen es die ehemaligen Berufsatheisten fertig, sich mit Weihwasser bespritzen zu lassen, wie wild Kreuze zu schlagen, Kerzchen anzuzünden und sich gar vor einer Ikone oder dem Metropoliten zu verbeugen?

Es gibt nur eine Antwort: Der Glaube wurde eindeutig als Propagandamittel entdeckt. Das Wählerpotential, das dahinter steckt, ist zu verlockend. Gläubig sein, ist schick und nützlich. Die politische Macht hat ein ungeschriebenes Zweckbündnis mit der russisch-orthodoxen Kirche geschlossen. Die „Kopf in den Sand“-Mentalität und der Glaube, alles Gute könne nur von oben kommen, passt beiden Seiten. Ausserdem steht allen Herrschenden ein demütiger Blick vor dem Kreuz.

Dmitri Medwedew und Gattin Swetlana nahmen am Weihnachtsgottesdienst in der Christus-Erlöser-Kirche in Moskau teil. Wladimir Putin sorgte für Furore als er am russisch-orthodoxen Weihnachtsabend in der Petersburger Kathedrale der Verklärung des Herrn teilnahm. In dieser Kirche sei er als Säugling heimlich von seiner Mutter getauft worden, weil sein Vater als Parteifunktionär nichts davon habe wissen dürfen, gestand er bescheiden gegenüber der Presse.

Zufällig war an diesem Abend auch der Petersburger Gouverneur Georgi Poltawtschenko anwesend. Seine Religiosität soll zweihundertprozentig sein – wann immer möglich setzt er sich an kirchlichen Festen als Christ in Szene – zum Beispiel während des 200-Jahre-Jubiläums der Kasaner Kathedrale. Vor kurzem trat er gar öffentlich für die Freilassung von Abt Efraim ein, der auf der griechischen Insel Athos wegen Verdachts auf Unterschlagung und Geldwäsche verhaftet worden war. Man sagt, wegen ihm habe die halbe Petersburger Stadtregierung während der Fastenzeit im Dezember auf Fleisch verzichtet.

Bild: www.goverment.spb.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Poltawtschenko ist schon etwas länger im Kirchenbusiness, er sitzt schon seit den 90er im Stiftungsrat des Klosters Valaam im Ladogasee.

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