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Daniel Rehmann: „Machterhalt dominiert volkswirtschaftliche Effizienz“

Von   /  2. April 2018  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die russische Wirtschaft ist wieder auf den Stand von 2012/13 und wächst nur zögerlich. Neben problematischen Bereichen gibt es durchaus solche, die boomen. Darüber und über die Chancen für einen zusätzlichen „Schub“ durch die bevorstehende Fussball-WM erzählt der Wirtschaftsexperte Daniel Rehmann dem „Herold“.

SPB-Herold: Wie hat die russische Wirtschaft den Jahresbeginn gemeistert?

Daniel Rehmann: Das Jahr 2018 hat gar nicht so schlecht begonnen. Bereits 2017 ist die russische Wirtschaft gewachsen, und sogar die Industrieproduktion ist leicht angestiegen. Auch der Konsum hat sich dank steigender Reallöhne und eine gelockerte Geldpolitik der Zentralbank nach langer Pause wieder belebt, was den Handel positiv beeinflusst. Die steigenden Rohstoffpreise sorgen wieder für zunehmende Staatseinnahmen. Die befürchteten amerikanischen Sanktionen kamen nur in Form einer personellen Sanktionsliste gegen Mitglieder des Regierungsapparats und nicht in Form wirtschaftlicher Einschränkungen. So wird die russische Wirtschaft 2018 voraussichtlich um anderthalb bis zweieinhalb Prozent wachsen, und es ergibt sich ein insgesamt freundliches Bild der russischen Wirtschaft – wobei nicht ganz klar ist, wie nachhaltig diese Entwicklung ist.

SPB-Herold: Trifft dieses freundliche Bild für alle Wirtschaftsbereiche zu?

Daniel Rehmann: Nach wie vor ist dieses Bild sehr uneinheitlich, da es neben den boomenden Bereichen wie Chemie, Landwirtschaft und ITC nach wie vor Sektoren mit schwacher Entwicklung gibt. Insgesamt sind wir wieder dort, wo wir 2012/13 gewesen sind als man sich auch fragte, wie es denn nun weiter geht mit der Wirtschaft. Noch jetzt geht man vom Ansatz aus, dass ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum durch Investitionen und eine Steigerung der Arbeitsproduktivität zu erreichen ist. Um das zu erreichen, müsste der Staat strukturelle Wirtschaftsreformen vornehmen – dieses Thema wird nach den jetzigen Präsidentenwahlen wieder aktuell.

SPB-Herold: Woraus bestehen diese Reformen?

Daniel Rehmann: Es geht um die Privatisierung staatlicher Betriebe und die Brechung staatlicher Monopole, die mittlerweile 60-70 Prozent der russischen Wirtschaft umfassen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass solche Reformen geschehen werden, weil die Wirtschaft auf Stabilität ausgerichtet ist.

SPB-Herold: Aber längerfristig bewirkt eine solche Politik eine wirtschaftliche Stagnation?

Daniel Rehmann: Ja, das bedeutet Stagnation. Der Regierung ist jedoch eine solche Stabilität wichtiger als Wachstum. Stabilität bedeutet aus der Sicht des Staats, dass die Renten ausbezahlt werden können, dass es keine hohen Arbeitslosenzahlen gibt und das kein grosses Budget-Defizit entsteht. Gekürzt wird dort, wo eigentlich investiert werden sollte – im Ausbildungs- und Gesundheitsbereich. Das Ganze bewirkt im Endeffekt kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. In einem Satz zusammengefasst: Machterhalt dominiert volkswirtschaftliche Effizienz.

SPB-Herold: Inwiefern investieren ausländische Firmen im staatlichen Bereich?

Daniel Rehmann: Die staatlichen und staatsnahen Betriebe und Konzerne bilden eine abgeschlossene eigene Welt in der russischen Wirtschaft, die für ausländische Investoren kaum oder gar nicht zugänglich sind. Es gibt aber auch in Russland einen offenen Markt – zum Beispiel in der Telekommunikation oder beim Taxi-Bereich, die sehr dynamisch sind und in denen der Konsument von tieferen Preisen dank Wettbewerb profitieren kann. So gibt es verschiedene Gesichter der russischen Wirtschaft.

SPB-Herold: Ein boomender staatlicher Wirtschaftszweig scheint die Rüstungsindustrie zu sein.

Daniel Rehmann: Der russische Staat hat in diesem Bereich sehr viel investiert, um Russland wieder „gross“ zu machen. Die grossen Waffenexporte haben aber nicht unbedingt einen Einfluss auf das Pro-Kopf-Einkommen der Russen, weil neue Waffen in erster Linie für die russische Armee entwickelt werden. Sie werden oft zu überhöhten Preisen und mit schlechter Effizienz hergestellt. Die Exporte kompensieren selten die Entwicklungskosten, ausserdem ist es ein sehr intransparenter Wirtschaftsbereich.

SPB-Herold: Wie sind die Perspektiven für ausländische, bzw. schweizerische Investoren in Russland?

Daniel Rehmann: Es gibt nach wie vor interessante Sektoren, in denen man beispielsweise Ausrüstungsgüter exportieren kann. Wer die Möglichkeit hat, kann immer noch in den russischen Markt eintreten und eine Nische besetzen und mit einer Lokalisierung kann man immer noch Markleader werden. Aber dies muss im freien Bereich geschehen und nicht im staatlich dominierten. Gleichzeitig ist es schwierig wegen der aktuellen politischen Lage eine längerfristige Russland-Strategie zu entwickeln. Dies gilt vor allem für neu eintretende Firmen, während eingesessene Firmen sich daran gewöhnt haben.

SPB-Herold: Ein neues Thema sind Export aus Russland.

Daniel Rehmann: Es gibt neuerdings russische Unternehmen, die vermehrt in den internationalen Markt exportieren, zum Beispiel in der Möbelzulieferindustrie oder im Automotive-Sektor. Es gibt auch IT-Dienstleistungen, die sehr erfolgreich internationalisiert werden. Russland hat sich einerseits etwas aus dem Weltmarkt isoliert durch die Sanktionspolitik, doch bleiben internationalen Handelsbeziehungen immer noch bestehen.

SPB-Herold: Wird die Fussball-WM einen Aufschwung bewirken?

Daniel Rehmann: Es gilt abzuwarten, welche wirtschaftlichen Impulse durch die Fussball-WM ausgelöst werden. Es werden bis zu anderthalb Millionen Zuschauer erwartet, was in erster Linie der Hotelindustrie zugute kommt. Und auch psychologisch soll die WM das Bild Russlands nach aussen verbessern. Ob die Erwartungen jedoch erfüllt werden, bleibt abzuwarten – den Föderationscup im vergangenen Jahr besuchten nicht so viele Menschen wie prognostiziert.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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 www.russiacontact.ch

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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