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Daniel Rehmann: „Kryptowährungen könnten ein sehr positiver Impuls für die russische Wirtschaft sein“

Von   /  19. September 2017  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Russlands Wirtschaft bewegt sich im Kriechgang, kann aber trotz allem ein schwaches Wachstum ausweisen – sogar die Automobilindustrie ist wieder zaghaft im Aufwind. Wesentliches wird sich jedoch laut dem Wirtschafts- und Russland-Experten Daniel Rehmann vor den Präsidentschaftswahlen von 2018 kaum ändern. Ein neuer Faktor könnte die Zulassung von Kryptowährungen in Russland bedeuten, über die sich die Regierung Gedanken macht.

SPB-Herold: Daniel Rehmann, wie geht es dem Sorgenkind, der russischen Wirtschaft?

Daniel Rehmann: In Russland hat sich eine etwas bessere Wirtschaftslage eingestellt. Die Wirtschaft wird dieses Jahr um etwa ein bis zwei Prozent wachsen. Der Ölpreis wird stabil sein im Bereich zwischen 45 und 55 Dollar pro Barrell, und die makroökonomischen Zahlen sind eigentlich relativ positiv. Die Inflation hat sich auf rund 4% abgeschwächt. Negativ ist die Tatsache, dass die wirtschaftliche Erholung noch nicht bei der Bevölkerung angekommen ist, was bedeutet, dass der Konsum immer noch zurückgeht oder stagniert. Es wird noch etwas dauern, bis wieder mehr konsumiert und investiert wird.

Es gibt gewisse Sektoren der russischen Wirtschaft welche sich immer noch positive entwickeln. Das sind im 2017die Branchen Chemie, Petrochemie, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Textil-, Holz- und Papierindustrie, sowie der ICT-Bereich. Aber auch mit der Automobilindustrieindustrie geht es wieder aufwärts, was immer auch Indikator für eine bessere allgemeine Wirtschaftslage ist. Zum ersten Mal seit vier Jahren ist 2017 die Automobilindustrie wieder gewachsen.

SPB-Herold: Ist das Wachstum bei der Automobilindustrie stabil?

Daniel Rehmann: Ja, man kann sagen, dass die Leute generell wieder mehr Autos kaufen. Nach vier Jahren ist das eigentlich ein sehr positives Zeichen. Es ist allerdings ein Wachstum auf einem tiefen Niveau. Der Import geht noch immer zurück, da die meisten Leute mittlerweile in Russland fabrizierte Wagen vorziehen. Es gibt auch wieder Investitionen in diesem Bereich, wie zum Beispiel die Firma Mercedes, die bei Moskau ein eigenes Werk für den russischen Markt baut. Andere Automarken wiederum haben Russland verlassen, beispielsweise General Motors in St. Petersburg.

SPB-Herold: Wird es Veränderungen geben vor den Präsidentenwahlen von 2018

Daniel Rehmann: Im grossen gesehen existieren immer noch zwei Konzepte zur Wirtschaftsentwicklung in Russland. Jenes des ehemaligen russischen Finanzministers Kudrin, der für eine dezentralisierte und privatisierte Wirtschaft mit Investitionen wirbt, und die andere Richtung der Verstaatlichung von Unternehmen und dementsprechender staatlichen Regulierung und Wachstumsprogramme.

Die Regierung hat sich noch nicht für eine der beiden Versionen entschieden und wird dies vor den kommenden Präsidentschaftswahlen vermutlich auch nicht tun. Wenn, dann wird man sich am ehesten für einen Mittelweg entscheiden. Die gesellschaftliche Stabilität hat Vorrang vor den Wirtschaftsreformen.

SPB-Herold: Wie sieht es mit Bürokratie und Korruption aus?

Daniel Rehmann: Im internationalen Ranking of „Doing business“ hat Russland in den letzten Jahren Punkte wettgemacht. Man kann tatsächlich feststellen, dass sich im Bereich der Bürokratie für die KMUs einiges verbessert hat. Beim Thema Korruption und Eigentumsrecht hat sich nicht so viel geändert. Das sind immer noch die Hauptübel – und Hauptgründe wegen denen in Russland nach wie vor zu wenig investiert wird. Ein höheres Wachstum ist in Russland nur bei einer Verbesserung dieser Rahmenbedingungen möglich. Deutliche Veränderungen sind auf kurze Sicht eher unrealistisch. Darauf deutet auch die hohe Quote der staatlichen und staatsnahen Unternehmen von 65 bis 70 Prozent der gesamten russischen Wirtschaftsleistung hin.

SPB-Herold: Was gibts Neues im Bereich KMU?

Daniel Rehmann: Die KMUS haben sehr gelitten während der Krise und sind zu 30 bis 40 Prozent wieder in die Schattenwirtschaft zurückgekehrt. Es gibt allerdings auch positive Zeichen in diesem Bereich, zum Beispiel werden KMUs und MUS im Rahmen der Importsubstitution mit Hilfe staatlicher Programme für den Export auf dem Weltmarkt vorbereitet. Das ist besonders interessant für Unternehmen in St. Petersburg wegen deren Nähe zur EU. Die Rubelabwertung hat russische Unternehmen für den Export deutlich wettbewerbsfähiger gemacht. Eine interessante Neuerung sind auch Abklärungen der russische Regierung, Kryptowährungen wie Bitcoins oder Etherum als Zahlungsmittel zuzulassen oder ICO‘s zu ermöglichen. Das könnte ein sehr positiver Impuls für die russische Wirtschaft sein, da russische Unternehmen über diese Währung neue Investoren finden könnten.

SPB-Herold: Was tut die Schweiz im „Sanktionskrieg“ zwischen Ost und West?

Daniel Rehmann: Was die Schweiz anbelangt, so sucht man wieder vermehrt Kontakt mit Russland, zum Beispiel besuchte eine Schweizer Delegation das diesjährige Petersburger Wirtschaftsforum. Ausserdem besuchte Bundesrat Schneider-Amman kürzlich Moskau, um wieder Kontakt aufzunehmen. Unter anderem gibt es Überlegungen, die Verhandlungen über ein mögliches Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der Euro-Asiatischen Wirtschaftsunion wieder aufzunehmen. Vor der Krim-Krise waren die Verhandlungen dazu zwischen den EFTA-Staaten und der Zollunion (Russland, Kasachstan, Weissrussland) schon sehr weit fortgeschritten. Damit könnte die Schweiz wie bei China mit einem Freihandelsabkommen eine Vorreiterrolle spielen und zu einer Entspannung im Verhältnis mit Russland beitragen könnte. Ein Freihandelsabkommen würde unter anderem auch mehr Rechtssicherheit für Schweizer KMUs mit sich bringen, zum Beispiel beim Patentschutz. Es gibt auch von deutscher Seite Bestrebungen für eine Freihandelszone zwischen Gibraltar und Wladiwostok, aber dazu scheint mir die momentane politische Situation zu stark belastet.

SPB-Herold: Ist ein Freihandelsabkommen von der schweizer Seite realistischer?

Daniel Rehmann: Ein Abkommen mit der Schweiz ist realistischer, weil sie nicht an den Sanktionen teilnimmt und keinen Gegensanktionen von Russland unterliegt. Da man nicht als Umgehungsland benutzt werden wollte, war man die letzten Jahren sehr restriktiv und hat die Sanktionen faktisch unterstützt. Jetzt wo sich eine gewisse Entspannung eingestellt hat, könnte die Schweiz eine Vorreiterrolle einnehmen. Aber natürlich muss sie sich immer auch am Kurs der USA und der EU orientieren.

SPB-Herold: Gibt es dazu schon konkrete Schritte?

Daniel Rehmann: Es gibt vorerst nur eine Diskussion und die Überlegung, dass die Schweiz bei einer Ablehnung der anderen EFTA-Staaten einen Alleingang unternehmen könnte. Aber dazu müssen die politischen Rahmenbedingungen noch etwas positiver sein als sie es im Moment sind. Längerfristig könnte es gut möglich sein, dass die Schweiz mit einem Freihandelsabkommen mit der Euro-Asiatischen Wirtschaftsunion zu einer Entspannung mit Russland beitragen würde.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    In Moskau gehen z.zt. Pro Monat 1-2 ICOs ueber die Bühne. Die offizielle Beschäftigung der Zentralbank, Sberbank usw. zum Thema wird aber erwartungsgemäs diese freie Dynamik wieder einebenen und zu Tode regulieren. In der Alt-Coin Szene rechnet mann dass die staatlichen Regulierungen spätestens in 12-18 Monaten dem Spass ein trockenes Ende bereitet.

    Russland interessiert sich nicht an dem Aspekt der Unabhängigkeit der Währung und freien Geldverkehr aus Sicht der Bürger, sondern der Beendigung der amerikanischen Dominanz im Kreditkarten und Banküberweisungs / BIC Bereich.

    Ob die Verwendung von Block-Chain Währungen und Etherium Token auch nach der Umarmung durch den Staat zurückgeschraubt werden kann ist zu bezweifeln. Ist die Katze erstmal aus dem Sack bzw. das alternative Geld in breiterer Verwendung, bekommen die Behörden das nur mit harten Restriktionen wieder unter Kontrolle. So hart, dass ich prognostiziere, dass die Gründerszene wieder ins Ausland abwandert.

    Das zur Zeit wildwuchernde Startuppflänzchen geht dann einfach wieder ein.

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