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Daniel Rehmann: „In Russland schwingt immer noch ein Abwehrreflex mit“

Von   /  14. Januar 2020  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Russlands Wirtschaft wächst im Kriechgang. Oberste Priorität bleibt die Stabilität angesichts immer neuer amerikanischer Sanktionen – daran hat sich auch 2020 nichts geändert. Für Investitionen gibt es in einzelnen Bereichen immer noch gute Möglichkeiten, doch bis anhin kann Russland punkto Offenheit und Abbau bürokratischer Hürden noch viel von seinem Vorbild China lernen, meint der Ökonom und Russland-Kenner Daniel Rehman im Gespräch mit dem „Herold“.

SPB-Herold: Wie ist der Stand im ersten Quartal des neuen Jahres?

Die russische Wirtschaft ist weiter auf Erholungskurs, im vergangenen Jahr wurde ein Wachstum von 1,3 Prozent verzeichnet. Die Aussichten sind mehr oder weniger stabil. Die Wirtschaft wird im 2020 so um die 2,0 Prozent wachsen. Es gibt einige Sektoren, die gut unterwegs sind, darunter die Landwirtschaft, die chemische Industrie, die IT-Industrie, E-Commerce oder die Bauwirtschaft. Aber grundsätzlich können wir schon von einer längerfristigen Stagnation sprechen. Russland ist zwar makroökonomisch stabil mit wenig Staatsschulden, hohen Devisenreserven, relativ niedriger Inflation sowie einem konservativen Staatsbudget bei steigendem Erdölpreis. Wir haben keine Krise mehr, aber es geht auch nicht richtig vorwärts.

SPB-Herold: Und warum?

Die amerikanischen Sanktionen hängen wie ein Damoklesschwert über der russischen Wirtschaft, und niemand weis, wie es mit diesen Massnahmen weitergeht, die direkt oder indirekt die Situation in Russland beeinflussen. Die russische Seite versucht dem zu begegnen, indem sie die Unternehmen dazu zwingt zu lokalisieren, auch wenn dies ökonomisch nicht immer sinnvoll ist. Zudem wird die russische Wirtschaft zu ca. 70% von grossen Staatsunternehmen resp. staatsnahen Unternehmen dominiert und der KMU-Sektor ist immer noch relativ unterentwickelt. Innovationen z.B. im Bereich der Digitalisierung werden v.a. von grossen Unternehmen wie Sberbank oder Yandex vorangetrieben.

SPB-Herold: Gibt es konkrete Beispiele von schweizerischen Firmen, die wegen der amerikanischen Sanktionen Probleme bekommen?

Ja, zum Beispiel in der Erdöl- und Gas-Industrie – die Northstream-Pipeline II ist so eine Geschichte, wobei dort der Druck eher politischer Art ist. Siehe der Ausstieg der Schweizer Firma, welche die Rohre verlegt hat. Dies alles führt dazu, dass Russland grundsätzlich als Risikomarkt angesehen wird.

Jene, die hier sind, lokalisieren weiter, zum Beispiel die Automobilindustrie, bei der die Fertigungstiefe in den nächsten fünf bis sieben Jahren 70 bis 80 Prozent erreicht. Das bedeutet, dass nun auch Motoren hier hergestellt werden. In diesem Bereich ist es der russischen Regierung gelungen, durch Steueranreize, die Unternehmen dazu zu bringen, auch kompliziertere Technologien nach Russland zu bringen.

SPB-Herold: Warum funktioniert es denn bei der Autoindustrie?

Für die Automobilindustrie existiert ein Marktvolumen, bei dem es sich lohnt, zu investieren. Die Automobilkonzerne sind erfahren und verfügen über ein weltweites Netz von Zulieferern, die sie nachziehen. Bein einem Wirtschaftseinbruch in Russland können sie die Fahrzeuge auch in andere Märkte exportieren. Bei anderen Branchen ist die Situation anders und dementsprechend schwieriger.

SPB-Herold: Was gibt es denn für Beispiele, bei denen es ebenfalls funktionieren müsste?

Bei der Maschinenindustrie sind die einzelnen Bereiche viel spezifischer, und darum verläuft der Prozess viel langsamer. Dort sind die ausländischen Unternehmen viel vorsichtiger, weil nicht immer klar ist, ob sich die Produktion an Ort wirklich lohnt und nicht teurer kommt als der Export nach Russland.

SPB-Herold: Ist dies tatsächlich möglich?

Ja, denn in der Regel muss die Produktion eingerichtet werden, auch wenn der Markt nicht sehr umfangreich ist. Damit wird das Produkt natürlich dementsprechend teurer. Bei der Automobilindustrie wächst der Markt wieder, und sobald ein gewisses Absatzvolumen vorhanden ist, kann man von den Skaleneffekten profitieren. Zudem gibt es oft die Verpflichtung für Steuererleichterungen bei Investitionen, dass die Unternehmen 10-12 Prozent der Produktion exportieren sollen. Dies ist für Konzerne wie zum Beispiel Volkswagen oder Ford, die weltweit vertreten sind, gut möglich. Bei der Maschinenindustrie ist das nicht so einfach, weil die Qualitätsansprüche höher und der Markt kleiner ist. Allerdings hat auch Russland dazugelernt. Es gibt seit neustens die Möglichkeit eines Sonderinvestitionsvertrags 2.0 (SPIK 2.0) ohne Mindestinvestitionsbetrag bei der Errichtung oder Modernisierung der Produktion von Industriegütern in Russland.

SPB-Herold: Vieles läuft ja in China ähnlich, funktioniert aber offensichtlich besser – wo liegen die Unterschiede zu Russland?

China besitzt einen viel grösseren Binnenmarkt mit einer höheren Kaufkraft der Bevölkerung. Ausserdem forciert China den Technologietransfer viel stärker. China ist auch offener gegenüber internationalen Unternehmen. Bis vor kurzem mussten ausländische Unternehmen ein Joint-Venture mit chinesischen Firmen eingehen, wodurch immer auch ein Technologie-Transfer stattgefunden hat. Dies stand in Russland niemals so stark im Vordergrund – auch nicht der Wunsch, westliche Produkte zu kopieren.

SPB-Herold: Das bedeutet, dass ein Markteintritt in China immer noch einfacher ist als in Russland?

Ja, denn die bürokratischen Hürden sind niedriger, so dass sich ausländische Firmen willkommen fühlen. In Russland schwingt immer noch ein Abwehrreflex mit. Eine weitere Rolle spielt auch, dass der chinesische Staat viel Geld ausgegeben hat, um die Infrastruktur zu modernisieren und die Urbanisierung zu fördern.

SPB-Herold: Das heisst, Russland hat andere Ziele?

Das russische System ist makroökonomisch stabil, aber es ist darauf ausgerichtet, dass man die Konfrontation mit den USA abfedern kann. Das bedeutet so wenig wie möglich Schulden und einen relativ schwachen Rubel, damit weitere US-Sanktionen verkraftet werden können. Ein billiger Rubel ist natürlich auch ein Vorteil bei den Rohstoff-Exporten, weil diese in Dollars bezahlt werden und für das eigene Budget in Rubel umgetauscht werden können, so dass der Staat seine sozialen Verpflichtungen erfüllen kann. In diesem Sinn ist das System stabil, wenn auch nicht wirklich innovativ.

SPB-Herold: Wie steht es um den Handel Russlands mit der Schweiz?

Der Handel hat wiederum zugenommen – darunter auch die Exporte der Uhren-, Pharma- und Maschinenindustrie. Allerdings ist das Handeslvolumen noch geringer als vor der Krise im 2014/2015. Zudem dämpft die Erhöhung der Mehrwertssteuer auf 20% und des Pensionsalters das Einkommen der Menschen und somit auch die Konsumausgaben.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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