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Daniel Rehmann: „Die Krise in Russland lässt sich nutzen“

Von   /  14. November 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die gespannte politische Situation zwischen Ost und West und die gegenseitigen Wirtschaftssanktionen machen ausländische Investoren in Russland nervös. Obwohl er kein baldiges Ende der Krise sieht, rät der schweizer Wirtschaftsfachmann und Russlandkenner Daniel Rehmann den Unternehmen davon ab, den russischen Markt überstürzt zu verlassen – besonders jenen, die den Einstieg bereits hinter sich haben.



SPB-HEROLD: Der Rubel ist im Sinkflug, die Sanktionen und Gegensanktion zwischen den westlichen Ländern und Russland stehen bisher unverrückbar und sorgen für grosse Verluste auf beiden Seiten – wie schätzen Sie die Situation ein?

DANIEL REHMANN: Ich denke, es wird zu einer längerfristigen Krise von mehreren Jahren Dauer kommen. 2015 wird ein verlorenes Jahr werden, in dem die Krise durchschlägt. Die Aussichten sind nicht sehr gut – es gibt jedoch mehrere Szenarien: Falls die Sanktionen im Verlauf von 2015 aufgehoben werden, sollte sich die Lage 2016/17 wieder normalisieren. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die Sanktionen bestehen bleiben, dann wird sich auch die Stagnation mit Rubelabwertung und steigender Inflation fortsetzen. Es gibt auch das Szenario, dass sich Russland mehr in Richtung Asien orientiert, und auch dann wird es länger dauern bis sich die Wirtschaft wieder stabilisiert. Aber es wird sicher keine kurze Krise wie 2008/09 werden, sondern es ist eine längerfristige Unsicherheit vorhanden und es wird seine Zeit brauchen für eine Stabilisierung.

SPB-HEROLD: Was empfehlen Sie Leuten, die Geld in Osteuropa investiert haben?

DANIEL REHMANN: Ich denke, man sollte in erster Linie daran denken, sein Business zu sichern. Es gibt Firmen, die einen längerfristigen strategischen Ansatz in Russland verfolgen. Diese haben momentan sogar die Möglichkeit, ihre Präsenz auf dem russischen Markt auszubauen. Durch die Rubelabwertung ergibt sich zum Beispiel die Gelegenheit, billig russische Unternehmen zu kaufen. Ich denke aber, dass sich die meisten Unternehmen auf die Sicherheit konzentrieren, denn im schlimmsten Fall muss auch damit gerechnet werden, dass der russische Staat Unternehmen oder Teile davon enteignen kann.

SPB-HEROLD: Was bedeutet „Sicherheit“ konkret?

DANIEL REHMANN: Zum Beispiel, dass man nur gegen Vorauszahlungen liefert, dass man versucht, das Währungsrisiko auszugleichen und die Marktposition zu halten, ohne mehr zu investieren.

SPB-HEROLD: Ist es nicht Zeit, sich aus Russland zu verabschieden?

DANIEL REHMANN: Ich denke nein – noch nicht. Es gibt bestimmt Unternehmen, die deinvestieren, die sich sagen: „Ok, es macht im Moment keinen Sinn.“ Aber ich denke, wenn man den Eintritt in den Markt bereits geschafft hat, sollte man ihn nicht einfach wieder verlassen, sondern versuchen die Position zu halten, um bereit zu sein, wenn alles wieder eingerenkt ist – um beim Aufschwung auf der nächsten Welle mitzureiten.

SPB-HEROLD: Das heisst, die Krise lässt sich auch nutzen?
DANIEL REHMANN: Ja, sie lässt sich nutzen – zum Beispiel indem man Nischen besetzt, die von Wettbewerbsteilnehmern verlassen wurden und versucht mittels Preispolitik, den Anteil zu halten. Wobei es sicher nicht einfach ist, so etwas längerfristig in einer Krise durchzuhalten. 

SPB-HEROLD: Das heisst, Sie sind nicht arbeitslos?

DANIEL REHMANN: Nein, es gibt natürlich auch Krisenprojekte. Das heisst, es kommen Firmen zu mir, deren Rechnungen nicht bezahlt wurden. Oder es gibt Waren in einem Lager, die nicht verkauft werden können. Nächstes Jahr wird es vermutlich auch zu Abklärungen zum Kauf russischer Unternehmen kommen, die abgeklärt werden müssen. In einer Krisensituation sind Berater immer gefragt, die helfen, gewisse Probleme zu lösen.



SPB-HEROLD: Vom Ausland her ist das Interesse an Russland wohl momentan klein?

DANIEL REHMANN: Im Moment ist vor allem ein Interesse an Information vorhanden: Wie ist die Situation? Was kann man tun? Wie geht es weiter? Es ist natürlich eine grosse Unsicherheit vorhanden. Es gibt sehr viele Anfragen, aber Markteintrittsprojekte gibt es zur Zeit sehr wenig, weil die Verunsicherung sehr gross ist. 


SPB-HEROLD: Wie steht die Schweiz da gegenüber den EU-Staaten – ist sie auch bei den Sanktionen ein Sonderfall?

DANIEL REHMANN: Ich denke schon, dass die Schweiz etwas separat wahrgenommen wird. Das hat eine lange Tradition. Viele Russen wissen, dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg neutral gewesen ist, dass sie kein EU-Mitglied ist und sehr lange nicht am Schengen-Abkommen gehört hat. Deshalb hat die Schweiz aus der Sicht von Russland eine gewisse Sonderposition.  Zudem vertritt die Schweiz zur Zeit Russland diplomatisch in Georgien und hatte beim russischen Beitritt zur WTO eine erfolgreiche Vermittlerrolle gespielt. Man weiss auch, dass die Schweiz nicht sämtliche Sanktionen der EU mitgetragen hat. Das wirkt sich positiv aus. Ich habe gerade gelesen, dass zum Beispiel im Moment viel mehr Schweizer Käse nach Russland exportiert wird. Dies, obwohl die offizielle schweizer Politik natürlich vermeiden will, dass die Sanktionen zum Vorteil der eigenen Wirtschaft benutzt werden.



SPB-HEROLD: Was unternimmt die Schweiz, um Unternehmen in Russland zu unterstützen?

DANIEL REHMANN: Die Schweizer Botschaft, der Swiss Business Hub in Moskau und wir versuchen den Unternehmern mit Informationen über die aktuelle Situation auszuhelfen, ihnen zu erklären, inwiefern Schweizer Firmen von Sanktionen betroffen sind und welche Möglichkeiten es auf dem derzeitigen Markt gibt. Wir gehen weiterhin zu den russischen Unternehmen, um bestehende Kanäle offenzuhalten. Es wurde gerade kürzlich eine Automotive-Reise nach Tatarstan und Kaluga organisiert, und dort war man sehr froh darüber, dass die ausländischen Delegationen wieder gekommen sind. Wie gesagt ist es wichtig, die Kontakte zu erhalten, weil sie längerfristig wieder bei Business-Projekte genutzt werden können.

SPB-HEROLD: Welche Schweizer Unternehmen sind in erster Linie von den Sanktionen betroffen?

DANIEL REHMANN: In der Schweiz ist in erster Linie die Maschinenindustrie betroffen, deren Produktion oft zu den so genannten „Dual Use“-Gütern gehört, die militärisch und zivil genutzt werden können und darum eine Exportbewilligung vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO benötigen. Andere Bereiche der Schweizer Wirtschaft sind eigentlich kaum betroffen, denn für die Schweiz gelten z. B. die Lebensmittel-Sanktionen nicht.

SPB-HEROLD: Das bedeutet also: Abwarten und Tee trinken?

DANIEL REHMANN: Das wird meiner Meinung nach ein langes Abwarten geben. Ich denke, dass Russland an einem Punkt angelangt ist, wo das Wachstumsmodell, das auf Rohstoffpreisen basiert, ausgereizt ist. Im Prinzip müsste Russland seine Wirtschaft reformieren – das bedeutet mehr Produktivität, mehr Innovation, das Aufbrechen der Monopole grosser Betriebe, die Förderung der kleinen und mittleren Unternehmen, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen und auch Wachstum zu kreieren. Ganz unabhängig von der politischen Krise stellt sich die Frage, ob Russland solche Reformen ernsthaft in Angriff nimmt oder nicht.

Dossier:

Der Schweizer Daniel Rehmann ist Geschäftsführer der Firma Russia Contact, die kleinere und mittlere Unternehmen beim Markteintritt in Russland und im GUS-Raum berät und unterstützt. Er ist seit 2003 konstant in Russland tätig und arbeitet mit dem Swiss Business Hub in Moskau und der Switzerland Global Enterprise (ehemals OSEC) zusammen.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. realsatire sagt:

    Danke für das interessante Interview. Die Schweizer Perspektive ist immer wieder erhellend und daher sehr notwendig. Je mehr Standpunkte desto besser wird das Thema beleuchtet.

    Wenn man die Erfahrung macht das ein Geschäft im Schnitt 3 Jahre braucht um richtig anzulaufen, sind ein oder 2 Jahre Krise kein Problem. Wer die Anlaufzeit überlebt hat den schockt danach nichts mehr so richtig.

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