Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Daniel Rehmann: „Das Rohstoffmodell hat ausgedient“

Von   /  25. Oktober 2018  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Der Russland- und Wirtschaftsexperte Daniel Rehmann erklärt die Auswirkungen der westlichen Sanktionspolitik gegenüber Russland und die möglichen Folgen der geplanten Rentenreform. Ausserdem geht er auf die Frage ein, warum die Fussballmeisterschaft 2018 nur kurzfristig für einen Aufschwung gesorgt hat.

SPB-Herold: Wie ist der jetzige Stand der russischen Wirtschaft?

Daniel Rehmann: Die russische Wirtschaft verzeichnet wieder ein mässiges Wachstum dank der höheren Erdölpreise und des wachsenden Konsums. Allerdings ist man immer noch weit weg von den Wachstumszahlen in den Zweitausenderjahren und in der Zeit zwischen 2010 und 2013.

SPB-Herold: Warum kommt man nicht vom Fleck?

Daniel Rehmann: Das Problem ist immer noch dasselbe: Das Rohstoffmodell hat ausgedient. Auch wenn der Erdölpreis wieder auf 120 Dollar pro Barrel steigen würde, würde die Wirtschaft dadurch nicht mehr wachsen. Wie bereits 2013 braucht es Investitionen und eine Modernisierung zur Ankurbelung der Wirtschaft! Aber die soziale Stabilität ist immer noch wichtiger als Wirtschaftswachstum.

SPB-Herold: Ja, aber diese soziale Stabilität gerät ja jetzt auch ins Wanken, oder?

Daniel Rehmann: Ja, richtig, mit der Rentenreform, wobei diese für den russischen Staat wichtig ist, um die makroökonomische Stabilität beizubehalten. Aber natürlich ist dies für die Bevölkerung etwas Negatives, weil die Rente in Russland eine andere Funktion hat. Sie ist für ältere Leute eine Art zweites Einkommen und nicht eine Rente, von der man leben kann wie in Westeuropa. Daneben haben wir auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die in den kommenden Jahren ebenfalls für ein gedämpftes Wirtschaftswachstum und zusätzlich Inflation sorgen wird.

SPB-Herold: Wieviel beträgt das Wachstum dieses Jahr, und wie hoch wird es im kommenden sein?

Daniel Rehmann: Momentan beträgt es rund 1,8 Prozent, wobei es Sektoren gibt, die stärker wachsen oder stagnieren.Es werden um die zwei Prozent erwartet – plus, minus, je nachdem wie es mit den Sanktionen weiterläuft und wie sich der Erdölpreis weiterentwickelt. Aber wahrscheinlich ist dies das Maximum, das man erwarten kann.

SPB-Herold: Und warum liegt nicht mehr drin?

Daniel Rehmann: Es ist ein Wirtschaftssystem, das ca. zu 70% vom Staat und von Staatskonzernen dominiert wird, und in einem solchen Modell sind grosse Wachstumsschübe nicht zu erwarten. Andererseits kann man auch sagen, dass es keinen wirtschaftlichen Absturz geben wird, weil Russland makroökonomisch stabil ist und sich die Regierung um eine grösstmögliche Unabhängigkeit vom Ausland bemüht.

SPB-Herold: Wie steht es um den Rubel?

Daniel Rehmann: Die russische Zentralbank verfolgt weiterhin die Politik des schwachen Rubels. Das bedeutet, dass weiterhin die Importsubstitutionspolitik betrieben wird, damit so wenig wie möglich importiert werden muss. Die Erlöse der Rohstoffexporte fallen in US-Dollars an und werden in Rubel umgetauscht. Mit der Politik des schwachen Rubels wird zudem der Staatshaushalt positiv entlastet und auch die russischen Exportunternehmen gehören zu den Gewinnern.

SPB-Herold: Welchen Einfluss auf die Wirtschaft hat die aussenpolitisch angespannte Lage zwischen Russland und den USA?

Daniel Rehmann: Die USA drehen weiterhin an der Sanktionsschraube. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die russischen Banken zunehmend Mühe haben, sich auf dem internationalen Finanzmarkt zu refinanzieren und der internationale Handel erschwert wird. Voraussagen sind hier schwierig zu machen, weil unklar ist, wieviel Sanktionsrunden von den USA zu erwarten sind und welche Gegenmassnahmen Russland ergreift.

SPB-Herold: Man sagt, dass russische Firmen und Investoren wegen der US-Sanktionen ihr Kapital nach Russland zurückbringen stimmt das?

Daniel Rehmann: Es gibt bestimmte Oligarchen, wie beispielsweise Oleg Deripaska, die ins Schussfeld der US-Sanktionen geraten sind und nun einen Teil ihres Geldes aus dem Dollar-Raum zurückziehen. Ich denke aber nicht, dass es einen allgemeinen Trend gibt, Kapital nach Russland zurückzubringen.

SPB-Herold: Hat sich das Klima zwischen Westeuropa und Russland geändert?

Daniel Rehmann: Die wichtigsten Konflikte (Krim/Ostukraine Anm.d.Red) sind immer noch offen. Es ist eine Art Konfrontationspolitk, die Auswirkungen auf die Investitionen hat. Die Aussenhandelsbilanz zwischen der EU und der Schweiz mit Russland wächst immer noch, wenn auch nicht mehr so stark wie früher. Die EU ist immer noch der wichtigste Aussenhandelspartner Russlands. Trotz der Sanktionen konnte China die europäischen Wirtschaftspartner nicht im befürchteten Ausmass ersetzen. Das ist naheliegend, liegt doch der bevölkerungsreichste Teil Russlands geographisch viel näher an Westeuropa als an China.

SPB-Herold: Hat die Fussball-WM die wirtschaftlichen Erwartungen erfüllt?

Daniel Rehmann: Russland hat sich als Gastgeberland sehr gut verkauft, und die WM 2018 war ein tolles Fest. In den Medien wurde eine sehr positive Bilanz gezogen. Das Land konnte ein positives Image entwickeln, und die Gäste hatten die Möglichkeit, ein „anderes Russland“ zu erleben. Der wirtschaftliche Schub ist hingegen relativ gering. Temporär profitiert haben Infrastruktur-Anbieter, das Gastgewerbe und der Tourismus. Es kann auch einen langfristigen Effekt haben, wenn gewisse Touristen wieder Russland besuchen. Dies wiederum ist auch eine Frage der Visa-Politik

Bild: Eugen von Arb/ Herold (Archiv)

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Daniel Rehmann: „Machterhalt dominiert volkswirtschaftliche Effizienz“

Workshop Internationalisierung in Russland: „Von Abschottung kann keine Rede sein“

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Synthese der Farben und Klänge im Deutsch-Russischen Dialog

mehr…