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Dagmar Leupold: Auf der Suche nach dem richtigen Vater

Von   /  2. Oktober 2016  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die deutsche Schriftstellerin Dagmar Leupold hat im Rahmen des Projekts „Literarische Leuchttürme“ einen ganzen Monat in St. Petersburg verbracht. Neben einer Lesung und Workshops mit StudentInnen und GermanistInnen führte sie während dieser Zeit einen Blog über ihr Leben in der Stadt.

Während einer Lesung in der Buchhandlung „Porjadok Slov“ stellte sie das Buch „Nach den Kriegen – Roman eines Lebens“ von 2004 vor. Die Begegnung mit der Autorin wurde von der Übersetzerin Marina Koreneva und der Literaturdozentin Juliana Kaminskaja begleitet.

Einen Schwerpunkt der Begegnung bildete der Vortrag eines Kapitels aus dem Buch, die von russischen ÜbersetzerInnen im Rahmen eines Workshops Marina Koreneva ins Russische übertragen worden war. Dadurch erhielt auch das russische Publikum einen Einblick in die Sprache und Charakter von Leupolds Literatur. Das Buch schildert Leupolds Suche nach dem richtigen Vater, jenem Menschen, der sich hinter der Fassade verbarg, die er sich nach Krieg und NS-Zeit zugelegt hatte. Je mehr sie sucht, desto mehr mehr wird die Suche zu einer Entlarvung.

Genialer Mathematikel und banaler Karrieremacher

Der Mann, den sie als liberal gesinnter Willy Brandt-Anhänger kannte, entpuppt sich mehr und mehr als verblendeter und von der NS-Ideologie faszinierter Deutschnationalist, der mit grossem Ehrgeiz versuchte, im Dritten Reich Karriere zu machen. Mehr und mehr spürt und versteht sie, was hinter der Schlaflosigkeit des kriegsinvaliden Vaters steckte und woher die Frustration bei seinen Wutausbrüchen und Tiraden rührte, mit denen er seine Familie quälte.

Die Erforschung von Rudolf Leupolds Leben anhand seines Tagebuchs und aufwändigen Archivrecherchen bringt die verschiedenen Seiten seines Charakters zutage. Ein in vieler Hinsicht genialer Mathematiker, der davon träumt, zu schreiben und berühmt zu werden. Gleichzeitig ein junger Deutscher, der sich durch die Besetzung seiner oberschlesischen Heimatstadt Bielitz 1918 durch Polen gekränkt fühlt und der darum empfänglich ist für die völkischen Ideen Hitlers.

Und schliesslich ein ziemlich banaler Karrieremacher, der davon träumt im von Deutschland besetzten Polen und als Soldat nach oben zu kommen und Menschen zu führen, aber weder das eine noch das andere erreicht. In den Zeiten des Wirtschaftswunders, einer Mischung aus „Bausparen und schlechter Laune“ begräbt er letztlich seine Träume vom Leben, vernebelt sie durch Zigarettenrauch, Lügen und Legenden.

Durch die Fragen der eigenen Kinder motiviert

Das Buch ist geprägt von einer analytischen Nüchternheit, die durch lange Zitate aus Akten und Tagebüchern verstärkt wird. Gleichzeitig ist der unnachgiebige Drang der Autorin nach Wahrheit und Verständnis für das Verhalten ihres Vaters zu spüren, „dessen Ehrgeiz grösser war als sein Mut“. Es ist ein „schweres“ Buch, sowohl für den Leser als auch für die ÜbersetzerInnen, die unter der Leitung von Marina Koreneva harte Arbeit geleistet haben.

Als wichtigsten Beweggrund für dieses Werk gab Leupold die Fragen ihrer eigenen Kinder nach ihrer Vergangenheit an. Ausserdem war sie von ihrem Schriftstellerkollegen Uwe Timm, der in seinem Buch „Am Beispiel meines Bruders“ Vergangenheitsbewältigung leistete, dazu ermutigt worden. Wie Marina Koreneva anmerkte, würde sie sich mehr kritische Geschichtsaufarbeitung dieser Art auf russischer Seite wünschen.

Um das opportunistische Verhalten von Dagmar Leupolds Vater in der NS-Zeit zu erklären, brachte sie das Buch des Historikers Christopher Browning „Ganz normale Männer“ ins Gespräch. Es analysiert die Hintergründe der Gräuel an polnischen Juden durch Wehrmachtssoldaten, die sich grösstenteils freiwillig an den Erschiessungen beteiligten.

 

Dossier: Dagmar Leupold ist 1955 im süddeutschen Niederlahnstein geboren. Nach dem Abitur am Mainzer Frauenlobgymnasium studiert sie Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaften und Klassische Philologie in Marburg und Tübingen, wo sie 1979/80 ihr Staatsexamen in Germanistik und Philosophie ablegt. Ihre Promotion in Vergleichender Literaturwissenschaft an der City University erfolgt 1993, ihren ersten Lehrauftrag für Komparatistik erhält sie ein Jahr darauf an der Ludwig-Maximilians-Universität München, weitere Lehraufträge in Bamberg, Mainz und Leipzig folgen. Für ihr Werk hat Dagmar Leupold mehrere Auszeichnungen erhalten. 2016 wurde ihr Abenteuerroman „Die Witwen“ für die Longlist des Deutschen Preises der Frankfurter Buchmesse 2016 nominiert.  Dagmar Leupold lebt als freie Schriftstellerin in München. In ihrem Petersburger Blog beschäftigt sie sich unter anderem mit den Autorennen auf dem Newski-Prospekt, die Fingernagel-Pflege der Russinnen und Amerikanerinnen, sowie mit der Liebe der Petersburger zu den Katzen.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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