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Seit der Gründung dabei: die Schweiz in Petersburg – klein aber ogo!

Von   /  6. September 2008  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Für ein kleines Land dessen Einwohnerzahl jene von Petersburg nur knapp übertrifft, ist die Schweiz erstaunlich stark in der Stadt vertreten – und das schon seit deren Gründung. Der Genfer Franz Lefort (1656-1699), Vertrauter des Zaren, Mitbegründer der russischen Flotte und deren erster Admiral, riet Peter dem Grossen, im Norden eine Flottenbasis zu errichten.

Unter den Baumeistern, die das historische Zentrum der neuen Hauptstadt errichteten, befanden sich viele Baumeister und Handwerker aus dem Kanton Tessin – der bekannteste von ihnen war Domenico Trezzini (1670-1734), der als Baumeister des Zaren den Bau die wichtigsten Gebäude errichtete: die Peter-und-Pauls-Festung, das Wahrzeichen der Stadt, die Universität, das Alexander-Newski-Kloster, sowie der Palast von Peter dem Grossen im Sommergarten. Trezzini erarbeitete ausserdem den ersten Generalplan Petersburgs, welcher das Aussehen des übrigen Stadtzentrum stark prägte.

Wissenschaftler und Lehrer

Mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften, mit der Peter der Grosse seine Stadt auch zu einem Zentrum von Forschung Wissen machen wollte, fanden zahlreiche Wissenschaftler den Weg in den Norden – unter ihnen der Mathematiker Leonard Euler (1707-1783) und Johann Bernoulli (1667-1748). Auch als Lehrer und Hausbedienstete waren Schweizerinnen und Schweizer in Russland beliebt.

Bis heute hat sich das Wort „Schweizar“ als Türsteher im Russischen erhalten. Zu den bekanntesten Schweizer Hauslehrern gehören der Genfer F. C. La Harpe, der den Zaren Alexander I. erzog und prägte, sowie der Lausanner Pierre Gilliard, der den Tronfolger Alexei, Sohn von Nikolai II. unterrichtete. Während der Oktoberrevolution wurde er zusammen mit der Zarenfamilie verhaftet und war einer der letzten, der sie vor ihrer Erschiessung in Jekaterinburg lebend gesehen hat.

Schweizer Uhrenmacherkunst in Petersburg

Natürlich trugen die Schweizer auch ihr Uhrenmacherhandwerk bis nach Russland – der bekannteste Meister unter ihnen war der Schaffhauser Heinrich Moser (1805 – 1874), der in Russland ein wahres Uhrenimperium gründete, bevor er wieder in die Schweiz zurückkehrte. Ebenso berühmt sind die Juweliere Francois Birbaum aus Fribour, der die Fabergé-Kunst entwickelte, und der Hoflieferant von Seftigen aus Bern. Aus dem Kanton Neuenburg kamen die Kronjuweliere Louis-David Duval, Jean-Pierre Ador, Jérémie Pauzié und François Seguin.

Russland im 19. Jahrhundert – eine lohnende Auswandererdestination für Handwerker

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte in Russland dank wichtiger Reformen, darunter die Abschaffung der Leibeigenschaft, ein verspäteter Industrialisierungsboom ein. Wie Amerika wurde damit auch Russland für verarmte Schweizer Handwerker und Kaufleute zu einer vielversprechenden Auswandererdestination. Für viele Bauern, Käser und Zuckerbäcker ging die Rechnung auf – sie waren im zaristischen Russland gesuchte Fachkräfte.

Auf russischen Gütern konnten selbst einfache Bauern oft leitende Stellungen mit gutem Verdienst erhalten und als wohlhabende Leute in die Heimat zurückkehren. Das wohl bekannteste Zeugnis dieser Epoche ist der Tilsiter Käse. Er ist nach der ostpreussisch-litauischen Stadt Tilsit (heute russisch „Sowjetsk) benannt, die damals zum russischen Kaiserreich gehörte. Die Thurgauer Otto Wartmann und Hans Wegmüller brachten das Original Tilsiter-Rezept, das sie um 1890 in der „Milchbude“ in Tilsit kennengelernt hatten, in die Schweiz. Ab dem Jahr 1893 produzierten die beiden Käser den eingewanderten Käse, der heute unter dem Namen „Tilsiter Switzerland“ geschützt ist.

Oktoberrevolution bedeutet das wirtschaftliche Aus für die meisten

Dank der Neutralität der Schweiz hatte der Beginn des Ersten Weltkriegs nicht derart gravierende Folgen wie für andere Ausländergruppen in Russland, so zum Beispiel die Deutschen, die von den Russen sofort als Feinde betrachtet wurden. Doch von den Folgen der Oktoberrevolution 1917 wurden auch sie nicht verschont – die Beschlagnahmung von Privatbesitz, Bauerngüter, Geschäften und Fabriken durch die Bolschewiki bedeutete das Aus für die meisten Russlandschweizer.

Wer nicht unmittelbar nach der Revolution emigrierte, musste spätestens unter Stalin in den Dreissigerjahren Russland verlassen, oder seine Schweizer Wurzeln verleugnen. Verarmt, gedmütigt und entfremdet kamen die meisten Russlandschweizer in die Heimat zurück. Im Gegensatz zu anderen Nationen, bot der Schweizer Staat seinen heimgekehrten Auswanderern wenig Solidarität, von ihren Landsleuten wurden sie oft mit Misstrauen und Spott empfangen.

Schweizer sorgen für Pünktlichkeit in Petersburgs Strassen

Nach 70 Jahren politischer Eiszeit bot das 300-Jahre-Jubiläum von 2003 die erste Gelegenheit, die Geschichte der Petersburger Schweizer wieder ans Licht zu bringen. Obschon die Schweiz nicht offiziell zu den Jubiläumsfeiern eingeladen wurde, gelang es einer Handvoll Kantone mit Beteiligung der Landesregierung, Petersburg eine würdige Gratulationsvisite abzustatten, die von Ausstellungen, Konzerten, Buchpublikationen und Forschungsprojekten zur reichen Schweizer Vergangenheit begleitet wurde.

Das Geschenk der Eidgenossenschaft für die Petersburger bildeten 100 Strassenuhren der bewährten Marke Mobatime aus Sumiswald, die nach einer Umfrage unter der Bevölkerung in allen Stadtteilen montiert wurden. Spezialisten der russischen Mobatime-Tochterfirma renovierten ausserdem die Mendelew-Uhr beim Triumphbogen des Generalstabsgebäudes.

Enger Kontakt unter den Eidgenossen dank „Rendez-vous“ und „Swiss-Club“

1999 eröffnete die Schweiz in Petersburg ein Honorarkonsulat, das von der Inhaberin des Hotels „Helvetia Suites“, Madeleine Lüthy, geleitet wurde. Um der wachsenden Bedeutung der Stadt Rechnung zu tragen, erhöhte die Schweiz den Status der Vertretung zu einem Generalkonsulat, dessen Inhaber Urs Strausak ist.

Unter den Schweizerinnen und Schweizern in Petersburg herrscht ein reger Kontakt. 2006 wurde ein Swiss-Club gegründet, der für seine Mitglieder Exkursionen und Ausflüge organisiert. Ausserdem treffen sich die Eidgenossen regelmässig am ersten Freitag des Monats um 19 Uhr zum „Rendez-vous“ in der Pizzeria „La Strada“ an der Bolshaja Konjushenaja 27.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Keine Kommentare

  1. Lieber Eugen!
    Grandioes! Dieser Artikel hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Du bist einafch Meister! Danke Dir
    Alles Gute und Liebe im Neuen Jahr!
    P.S. Eventuell sollst du auch darauf hinweisen, dass diesmal Wein und Kaese a priore nicht vorgeplant worden war!

    Irena

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