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Comic-Künstler Benoît Guillaume am „Boomfest“: „Ich suche das Schnelle und Unfertige“

Von   /  3. Oktober 2017  /  Keine Kommentare

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Von Emily Orlet

Der Comic-Künstler Benoît Guillaume aus Marseille war Gast am diesjährigen Comic-Festival „Boomfest“ in Sankt Petersburg und gab an verschiedenen Events Einblicke in sein Schaffen. Am 23. September, dem „Europa-Tag“, stellte er in Kooperation mit dem Institut Français im Generalstabsgebäude seine Comics und seine künstlerische Herangehensweise vor (Fotogalerie).

SPB-Herold: Sie haben zwei Illustrationen für das „Prime Russian Magazine“ gezeichnet. Heute sind sie am Comicfestival „Boomfest“ in Sankt Petersburg. Ganz allgemein, welchen Bezug haben Sie zu Russland?

Benoît Guillaume: Ich wurde schon drei Mal von einer Schule in Moskau eingeladen und dank Boomfest habe ich nun auch die Gelegenheit Sankt Petersburg kennenzulernen. Ich denke, dass ich meine Einladung an dieses Comicfestival einem Lehrer der British School in Moskau zu verdanken habe. Er führt einen Blog über verschiedene Künstler und dank seiner Neugier wurde das Prime Russian Magazine auf mich aufmerksam. So führte eins ins andere.

SPB-Herold: Wie wird die russische Comicszene in Frankreich wahrgenommen?

Benoît Guillaume: Um ehrlich zu sein, kennt man in Frankreich kaum russische Comics. Aber man kennt auch genauso wenig die zeitgenössische russische Musik, ganz allgemein ist die russische Gegenwartskultur in Frankreich wenig bekannt. Ich werde also viele neue Sachen am Festival „Boomfest“ entdecken!

SPB-Herold: Was ist für Sie die grösste Herausforderung beim Zeichnen eines Comics?

Benoît Guillaume: Mich immer wieder in Frage stellen, Neuheiten machen… Oft zeichne ich Skizzen der Natur, aber Arbeiten aus der Fantasie habe ich nur gelegentlich gemacht, das möchte ich gerne ausbauen. Auch richtige Geschichten erzählen, auch wenn ich mich nicht als Szenaristen sehe, dieses Gebiet ist für mich nicht so einfach. Ich schaffe es aber einigermassen in meinem Tempo und mit meinen Mitteln… (lächelt) Es reizt mich, Dinge selbst zu machen.

SPB-Herold: Was inspiriert Sie?

Benoît Guillaume: Manchmal arbeite ich nach Büchern, es kann also die Literatur sein, aber auch Gemälde in Museen, die mich dazu inspirieren wieder neu zu arbeiten. Oder das ganz alltägliche Leben, es sind viele verschiedene Dinge. Zum Zeichnen suche ich mir Plätze aus, an denen sich das Leben abspielt – in urbaner Umgebung, in der Menge, versuche ich das zu zeichnen, was nur schwierig festzuhalten ist: das bewegte Leben, Leute im Gehen zum Beispiel. Oft sind sie ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht sind, aber ich suche das Schnelle und Unfertige. Genauso fasziniert mich die chaotische Architektur vieler asiatischer Städte – ich nenne sie „Ensembles“. „Sie sind das komplette Gegenteil zur Innenstadt von Sankt Petersburg!“ (lacht).

SPB-Herold: Sie haben Filme, Reportagen, Illustrationen und Comics gemacht. Mit welchem Genre arbeiten Sie am liebsten?

Benoît Guillaume: Das Leben ist kurz, da muss man viele verschiedene Dinge ausprobieren! Man kann sich auch schnell langweilen, wenn man nur bei einem Medium bleibt. Da trocknet man aus… Oft bin ich frustriert, wenn ich während der Arbeit an einem Comic von anderen Aufträgen unterbrochen werde oder auf eine Reise gehen muss. Im ersten Moment frustriert es, aber es sind auch nötige Pausen und Unterbrechungen.

SPB-Herold: Sie sind viel und weit gereist, haben Reportagen über verschiedene Länder gemacht. Wohin möchten Sie gerne noch reisen?

Benoît Guillaume: Nun, mir fehlt noch ein grosser Teil von Afrika und Lateinamerika. Ich bin viel in Asien gewesen, aber es gibt ja die ganze Welt zu bereisen. Man wird nie fertig werden…

SPB-Herold: In der zeitgenössischen Comicszene, welches Potential, welche Dynamiken stellen Sie dort fest?

Benoît Guillaume: Die Situation ist je nach Land sehr verschieden. In Frankreich ist gerade eine gute Zeit. Die Qualität ist sehr gut und es gibt viel Kreativität. Aber wir haben das Problem der Überproduktion, es sind zu viele Bücher im Umlauf – das heisst nicht, dass es zu viele begabte Künstler gibt, sondern dass die Bücher in den Läden nur ein paar Monate bleiben und dann sofort wieder verschwinden. Es ist paradox, ich weiss, in Russland ist das gar nicht der Fall, hier ist die Situation ganz anders… Es ist ein Glück, dass ich Comics machen kann, es ist eine Arbeit, die mir weiterhin sehr gefällt.

Dossier: Benoît Guillaume wurde 1976 geboren und lebt in Marseille. Er arbeitet als Grafiker, Zeichner und Autor von Animationsfilmen. Seine Spezialität sind gezeichnete Reportagen, die auf seinen Reisen in der ganzen Welt entstehen. Er hat bereits Arbeiten für diverse Medien angefertigt, darunter Arte Radio, New York Times, Telerama, XXI, En Vue Paris, Mouvement, L’œil Electrique, R de Réel, Creator, Z, Cqfd, Prime Russian Magazine u.a. Ausserdem hat er an Festivals in Frankreich, Kanada und Russland teilgenommen.

www.benoitguillaume.org

www.boomfest.ru

Bilder: Emily Orlet/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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