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Christoph Simon: Ein bisschen traurig und trotzdem glücklich

Von   /  17. September 2015  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

An seiner Lesung in der Petersburger Majakowski-Bibliothek demonstrierte der schweizer Schriftsteller Christoph Simon vor allem eines sehr eindrücklich: Die Selbstbefreiung des Menschen durch das Schreiben. So wie sich der Held seines Erstlingsromans Franz durchs sein äusserst unglückliches Schülerleben kifft und am Ende doch noch alles gut wird, blühte der anfangs sehr verschlossen wirkende Autor gegen Ende seiner Lesung auf. Grossen Anteil daran hatte die Moderatorin und Übersetzerin Juliana Kaminskaja, die mit Herz und Seele durch den Abend führte und dabei ihren Schützling das Publikum mit sich riss.

Als müsste er seinen Romanhelden Franz Obrist, den erfolglosen Mittelschüler am Gymnasium Thun darstellen, erwartete Christoph Simon sein Publikum als ein schüchterner, etwas unglücklich wirkender junger Mann. Er schien ganz in der Rolle des des Aussenseiters im Buch zu stecken, der an der Schule „vorbeilebt“, vor seinen Eltern flüchtet und sein Zuhause nur im Dauerkiffen und auf Streifzügen zu verbotener Stunde an verbotenen Orten findet.

Trotz des Unverständnisses seiner Umgebung im erzkonservativen berner Garnisonsstädtchen Thun findet er immer wieder Unterschlupf an einem rettenden Ort – zum Beispiel durch ein offenes Fenster in der abgeschlossenen Schule oder bei Menschen, die den Sonderling akzeptieren, weil sie selber Aussenseiter sind: sein geistig behinderter Bruder, der türkische Schulabwart oder das Mädchen Venezuela, das mutiger und stärker als jeder Junge ist. Eine traurige Geschichte mit frohem Ende!

Aus dem introvertierten Schreiberling wird ein Dandy

Parallel zu der wundersamen „Erlösung“ des Unglücklichen im Buch fand auch eine „Aufheiterung“ während der Lesung statt – und zwar dank Juliana Kaminskaja, die durch den Abend führte und übersetzte. Sie munterte ihren Schützling auf, forderte ihn heraus und stellte immer wieder Kontakt mit dem Publikum her. Sie las die Texte Simons mit einer solchen Leidenschaft und mit soviel Einfühlungsvermögen und Humor, dass davon alle angesteckt wurden – einschliesslich Autor. Der Unverstandene fühlte sich plötzlich verstanden und blühte auf als hätte ihm jemand 100 Gramm Wodka eingeschenkt.

Aus dem introvertierten Schreiberling wurde ein witziger und schlagfertiger Dandy, der aus dem Stegreif Gedichte rezitierte und mit Studentinnen flirtete. Jetzt hatte man plötzlich das Gefühl, man befände sich zusammen mit dem Schriftsteller im Schlusskapitel seines Buchs, wo Franz und die ganze Rasselbande seiner Freunde in einem Ballon fliegen, der dann von einem Kranich gerammt wird und ganz fidel abstürzt.  Dieser Stimmungssprung spiegelt sich auch in Simons Sprache, die mal von dichterischer Schwere, dann wieder von verspielter Leichtigkeit ist.

Ultimatum: drei Jahre für ein Buch

Simons erster Roman trägt deutliche Zeichen eines Erstlingswerks, in das viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller einen Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte hineinpacken und so verarbeiten. Zwar gestand Simon ein, dass er in seiner Jugend weder gekifft hat, noch durch offenstehende Schulhausfenster gekrochen ist. Aber die Beschreibung seiner unglücklichen Schulzeit wirkt sehr authentisch. Er habe jetzt noch Angstträume, in denen er Schulprüfungen bestehen müsse, erzählte er.

Auch sein Werdegang zum Schriftsteller muss von einem grossen Leidensdruck begleitet worden sein. Während eines Aufenthalts in New York habe er Selbstmordgedanken gehabt und sich ein Ultimatum gestellt: drei Jahre für ein Buch. Die Selbstbefreiung ist gelungen – und geht weiter. So wie der Überlebenskampf eines schweizer Schriftstellers in der braven Einöde seiner Heimat nie aufhört. Am Ende der Lesung kam aus dem Publikum der Vorschlag an Simon, als Hintergrund für seinen nächsten Roman den Weltraum zu wählen – vom Berner Oberland direkt in den Kosmos, keine schlechte Idee!

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Danke Dir – Euer Auftritt war eindrücklich. Es freut mich, das Petersburg nachschwingt! Alles Gute! Eugen

  2. christoph simon sagt:

    Merci, Eugen von Arb, für diesen Bericht! St. Petersburg schwingt nach. Beste Grüsse, Christoph

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