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Buchpräsentation: József Lengyel – der „ungarische Solschenizyn“

Von   /  14. November 2016  /  Keine Kommentare

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eva.- Kaum jemand erinnert sich heute an den Namen des ungarischen Schriftstellers, Dichters und Journalisten József Lengyel (1896-1975). Wie viele überzeugte ausländische Linke und Antifaschisten kam er in den Dreissigerjahren in die Sowjetunion, um den Sozialismus aufzubauen. Als einer der wenigen überlebte er die stalinistische Todesmühle, kehrte in seine Heimat zurück und konnte dabei noch seinen Idealismus bewahren. Früher als der weltberühmte Solschenizyn schrieb er über die sowjetischen Lager.  Anlässlich seines 120. Geburtstags hat seine Tochter nun in einem Buch mit dem Titel „Die verjährte Schuld“ sein grosses und vielseitiges Schaffen zusammengefasst, das an diese brilliante Persönlichkeit erinnert.

Er gehörte zu jenen, die sehr früh Weg und Richtung ihres Lebens verstehen und ihn bis zum Ende gehen. Obwohl er im Kriegsjahr 1914 die Schule abschloss, zog József Lengyel nicht wie der Grossteil seiner Generation freiwillig in den Krieg, wovor ihn seine Mutter bewahrte. Stattdessen schrieb er sich an der Budapester Universität an der philologischen Fakultät ein und besuchte parallel dazu Vorlesungen in Recht und Kunstgeschichte. Er begann sehr früh selbst zu schreiben, verkehrte in Dichterkreisen und begeisterte sich für die sozialistischen und pazifistischen Ideen.

Ungarische Räterepublik und Flucht

1918 trat er der kommunistischen Partei Ungarns bei und schrieb für die „Rote Zeitung“, die während der kurzen Existenz der ungarischen Räterepublik von deren Revolutionsführer Bela Kun herausgegeben wurde. Wie ein Grossteil der ungarischen Kommunisten floh Lengyel 1919 nach Österreich, wo er interniert wurde und später in Wien studierte.

1927 kam er nach Berlin und engagierte sich für die antiimperialistische Liga und die internationale Gewerkschaftsorganistion Profintern. Während all diesen Jahren schrieb und übersetzte er und veröffentlichte Artikel in diversen linken Zeitungen, darunter die „Rote Fahne“. In seinem Buch „Vischegrader Strasse“ schilderte er die Geschehnisse der ungarischen Revolution.

Von 25 Jahren in der UdSSR 17 Jahren in Haft, Lager oder Verbannung

1930 zog er in die Sowjetunion, wo er zuerst als Korrespondent für „Berlin am Morgen“ und später als Referent für die Profintern arbeitete und das Land bereiste. Gleichzeitig arbeitete er an mehreren Romanen und an der Reportagensammlung „Berlin 1930“ und wurde als Kandidat in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen.

Er war mit einer ganzen Reihe wichtiger Persönlichkeiten aus den internationalen linken und antifaschistischen Kreisen in der Sowjetunion bekannt – darunter Margarete Buber-Neumann, die 1940 von Stalin an Hitlerdeutschland ausgeliefert wurde.

1938 wurde im Rahmen des stalinistischen Terrors verhaftet. Insgesamt verbrachte er von seinen 25 Jahren in der UdSSR 17 Jahren in Haft, Lager oder Verbannung. Er war getrennt von der Familie, hatte eine Geliebte und war mehrmals verheiratet. Erst 1955 wurde es ihm ermöglicht, in seine ungarische Heimat zurückzukehren.

Weder zynisch noch verbittert

Doch trotz all der Schwierigkeiten wurde er weder zynisch noch verbittert und schrieb weiter. Nach seiner Rückkehr begann er sogleich, an einem Lagerzyklus zu schreiben, die bereits Ende der Fünfzigerjahre erschienen. Lengyel war einer der ersten Autoren, der dieses Thema literarisch verarbeitete und erhielt darum den Titel „der ungarische Solschenizyn“.

Da seine Werke noch vor Solschenizyns berühmten Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erschien, soll Lengyel einmal gesagt haben, eigentlich müsste Solschenizyn „der russische Lengyel“ genannt werden. Allerdings verhalf der Erfolg von Solschenizyns auch seinen Publikation zu einer grösseren internationalen Bekanntheit.

In „Die verjährte Schuld“ hat seine Tochter Tatjána Lengyel, die selber Journalistin und Übersetzerin wurde, einen Querschnitt seines grossen Schaffens zusammengetragen. Nach dem Ende der Sowjetunion konnte sie die Akten ihres Vaters im russischen Polizeiarchiv einsehen und damit die Biografie ihres Vaters dokumentieren. Das über 700 Seiten starke Buch auf Russisch enthält unter anderem alle Werke des Lagerzyklus, den Roman “Gegenüberstellung” (auf Deutsch Frankfurt, Neue Kritik, 1990), Auszüge aus den sibirischen Heften und Tagebüchern sowie den Artikel über sein Leben und Werk „Ich stehe zu jeder Zeile“.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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