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Brodsky geht viral… das Gedicht zur Corona Krise

Von   /  15. April 2020  /  Keine Kommentare

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Joseph Brodsky am Newski Prospekt

Im russische Internet hat in den letzten Wochen der Selbst- und Pflichtquarantäne ein Gedicht von Joseph Brodsky breite Popularität erlangt.

1970, Leningrad im inneren Exil

Das um das Jahr 1970 im „freiwilligen Hausarrest“ entstandene Gedicht, beschreibt den klaustrophobischen Zustand sich vor allen den Gefahren der Welt im Zimmer zu verbergen. Er  bringt aber im Subtext das Lebensgefühl in der Sowjetunion auf den Punkt: „Besser zu Hause bleiben als sich der Gefahr einer irrationalen Welt und Staatsmacht auszusetzen“. Der Rückzug ins ganze Private als letzte Zuflucht.

Zur Zeit der Entstehung war Brodsky bereits aus politischen Gründen als „Sozialschmarozer“ verurteilt. Zurück in St. Petersburg ging nach der Rückkehr darauf ins innere Exil.
Seine Gedichte standen unter „Quarantäne“ – sie wurden praktisch nicht gedruckt. Der Dichter verbrachte die meiste Zeit in seiner Wohnung. Nicht, weil er nicht hinausgehen konnte, er selbst suchte nicht das Licht der dämmrigen Leningrader Sonne. Er war eher daran gewöhnt, in einer Wohnung zu sein – nicht sehr komfortabel, eng aber wohlbekannt.

Die Straße ist unsicher, ein beängstigendes Mysterium. Dort hätte Brodsky von düsteren Menschen angesprochen und um Papiere gebeten werden können. Nein, er möchte lieber in der Wohnung bleiben, dort ist es ruhiger.
Ist es nicht das, was viele Tausende von Menschen heute denken?

Das Gedicht 

in einer freien Übersetzung ins Deutsche:


Verlassen Sie nicht das Zimmer, begehen Sie keinen Fehler.
Warum brauchen Sie die Sonne, wenn Sie eine Schipka* rauchen?

Draußen vor der Tür ist alles bedeutungslos, vor allem der Schrei des Glücks.
Nur bis auf die Toilette – und kommen Sie sofort zurück.

Verlassen Sie das Zimmer nicht, rufen sie kein Taxi.
Denn der Raum besteht aus einem Korridor und endet gleich nach dem Stromzähler.

Und wenn ein lebendiges Liebchen hereinkommt,
schmeißen Sie es raus, aber ohne es auszuziehen.

Verlassen Sie nicht den Raum – betrachten Sie es als eine Erkältung!
Was gibt es Interessanteres als Wände und Stühle in der Welt?

Warum da rausgehen, wo Sie heute Abend so zurückkehren werden,
wo Sie schon waren , aber eben etwas  verstümmelter?

Oh, verlassen Sie nicht das Zimmer. Tanzen Sie einen BossaNova, nackt in einem Mantel und barfuß in den Schuhen.

Der Flur riecht nach Kohl und Skisalbe.
Sie haben viele Briefe geschrieben – ein weiterer wird überflüssig sein.

Verlassen Sie nicht den Raum. Oh, lassen Sie den Raum einfach raten, wie Sie aussehen. Und überhaupt, „inkognito ergo sum“, erkennen wir die Form der Substanz im Herzen.

Verlassen Sie nicht den Raum! Die Strasse ist nicht in Frankreich!
Seien Sie kein Narr! Seien Sie, was andere nicht waren.

Verlassen Sie nicht den Raum! Also lassen Sie die Möbel los, verschmelzen Sie Ihr Gesicht mit der  Tapete. Sperren Sie sich ein und verbarrikadieren Sie sich in einem Schrank vor dem

Chronos,

Kosmos,

Eros,

Rasse

und Viren.

 

*Schipka – billige bulgarische Zigarettenmarke, in der Sowjetunion weit verbreitet.


 

Im Besonderen die erste und Letzte Zeile wird Ihm prophetisch angerechnet und im Internet herumgereicht.

Hier ein paar Videos mit dem Original vom Author und ein weiteres, dramatisch von einem Schauspieler gelesen. Anschließend die „staatstragende“ Version der Fernsehstation Megapolis.

Selbst das Sankt-Petersburger Kult-Cartoon von Masyana hat im aktuellen Cartoon zum Thema der Quarrantäne nicht auf Brodsky verzichtet. …. darum … Verlassen Sie nicht das Zimmer, begehen Sie keinen Fehler…

 

(Youtube, Origina von TV-Kultura)

Die Version der Staatsmacht in Zeiten des Coronavirus… wenn das Brodsky wuesste…

In einem der Quaratäne gewidmeten  Kult-Cartoons von Masyana ist der Poet gleich mit in der Familie in der Selbstisolation einquartiert.

 

……

Originaltext des Gedichts…

Не выходи из комнаты, не совершай ошибку.
Зачем тебе Солнце, если ты куришь Шипку?
За дверью бессмысленно все, особенно — возглас счастья. Только в уборную — и сразу же возвращайся.
О, не выходи из комнаты, не вызывай мотора.
Потому что пространство сделано из коридора и кончается счетчиком. А если войдет живая милка, пасть разевая, выгони не раздевая.
Не выходи из комнаты, считай что ты простудился.
Что интересней на свете стены и стула?
Зачем выходить оттуда, куда вернешься вечером таким же, каким ты был, тем более — изувеченным?
О, не выходи из комнаты. Танцуй, поймав, боссанову в пальто на голое тело, в туфлях на босу ногу.
В прихожей пахнет капустой и мазью лыжной.
Ты написал много букв; еще одна будет лишней.
Не выходи из комнаты. О, пускай только комната догадывается, как ты выглядишь.
И вообще инкогнито эрго сум, как заметила форме в сердцах субстанция.
Не выходи из комнаты! На улице, чай, не Франция.
Не будь дураком! Будь тем, чем другие не были.
Не выходи из комнаты! То есть дай волю мебели, слейся лицом с обоями. Запрись и забаррикадируйся шкафом от хроноса, космоса, эроса, расы, вируса.

Wohung von Brodsky mit kleinem Museum in der Pestelstr. 18

….

Nachtrag vom 2 Mai.

Es wurde der Uebersetzungfehler „тунеядцем“, das heist Parasit / Sozialschmarozer und nicht Thunfischesser korregiert. Obwohl sehr schlecht bezahlt wurde ihm der Prozess gemacht und er zu 5 Jahren Verbannung in den Archangelsker Oblast verurteilt von denen er allerdings nach 18 Monaten schon zurückkehren konnte.

Text und Uebersetzung: Markus Mueller
Videos: Youtube
Photo: von Yandex Turbo. Brodsky auf dem Balkon seiner Wohnung in der Uliza Pestela 18

 

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