Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Börsenkurse der Korruption

Von   /  12. Juni 2012  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

ls Die Bekämpfung der Korruption galt im Wahlkampf 2012 als eines der Hauptziele der aktuellen Regierung. Dass in Petersburg weiterhin bestochen wird, überrascht jedoch wenig. Interessant ist, wo und in welchen Größenordnungen geschmiert wird.

Schmieren hat in Russland eine lange Tradition. Schon in Nikolai Gogols „Revisor“ bereuen die Hauptfiguren die hohen Summen, die sie einem falschen Inspektor zugesteckt haben, um nicht von ihm angeschwärzt zu werden. Heute wird vor allem in der medizinischen Versorgung geschmiert, daneben an der Uni, bei der Musterung und im Straßenverkehr.

Behandlung ohne Wartezeiten

Im Gesundheitswesen wird vor allem aufgrund der langen Wartezeiten geschmiert. In den Wartezimmern der Polikliniken drängen sich die Patienten, und wenn man eine bestimmte Behandlung braucht, muss man in Petersburg oft wochenlang auf einen Termin warten. Mit einem kleinen Schmiergeld geht es auch sofort. Strenggenommen wird hier der Arzt zu einem Privatunternehmer, der in seiner Praxis illegale Dienste anbietet.

Die inoffiziellen Tarife liegen bei 500 Rubel für eine Abkürzung in der Warteschlange, 1000 Rubel aufwärts für sofortige ärztliche Leistungen und 25.000 bis 50.000 Rubel für ein besseres Zimmer in der Geburtsklinik. Der Obulus für Operationen setzt bei etwa 10.000 Rubeln ein und ist nach oben unbegrenzt. Die medizinische Versorgung ist in Russland eigentlich kostenfrei, tatsächlich zahlen die Bürger aber selbst mehr für ihre Gesundheit, als der Staat.

Geld statt Grips

Auch in der Bildung wird Geld oft höher geschätzt als Grips. Meist ist es jedoch nicht so wie im Film, dass man direkt ein Kuvert über den Tisch des Lehrers schiebt. Üblicher Weise läuft die Bestechung über ältere Studenten, die zum Beispiel am Lehrstuhl arbeiten. In anderen Fällen lässt sich der Professor als Repetitor für Abiturienten engagieren und garantiert ihnen gleichzeitig einen Studienplatz.

Ein Platz an einem guten Gymnasium kostet in Russland 20.000 bis 50.000 Rubel. Eine Zwischenprüfung besteht man für 2.000 bis 10.000 Rubel, eine Abschlussprüfung für 5.000 bis 30.000 Rubel. An den renommiertesten Hochschulen funktioniert die Zulassung nach dem Auktionsprinzip: wer mehr bieten kann, gewinnt. Startpreis ist die jährliche Studiengebühr.

Korruption gegen den Krieg

Besonders tief muss man in die Tasche greifen, wenn man nicht zur Armee will. Eine Ausmusterung kostet zwischen 100.000 und 130.000 Rubel; bei besonders gierigen Kreiswehrersatzämtern kann der Preis auch mal auf 200.000 hochschnellen. Allerdings sind auch Rabatte möglich, wenn man zum Beispiel in größerer Zahl kommt.

Auch im Straßenverkehr werden nicht nur Motoren geschmiert. Temposünden, Falschparken und ähnliche Alltagsscherereien der Verkehrspolizei sind ein blühender Zweig des Schmierhandels. Das Handgeld liegt dabei üblicher Weise bei 30-50% des gesetzlichen Bußgelds für den Verstoß. Wenn es sich nicht um eine Ordnungswidrigkeit, sondern um eine Straftat handelt, kann der Satz auch deutlich höher liegen; bis zu 50.000 Rubel sind geläufig.

Crashkurs Russland

Es gibt aber keinen Grund, sich als Ausländer überlegen zu fühlen. Denn in Petersburg schmieren nicht nur die Russen, sondern auch die Gäste aus dem Ausland. Oft schon im Heimatland, um ein Visum zu bekommen. Wenn man es eilig hat, ist eine kleine Prämie oft die Lösung der Wahl. Auch hier muss man niemand persönlich Geld in die Hand drücken, es genügt, eine Agentur zu engagieren, die dann quasi ‚professionell‘ das Konsulat besticht. Die Tarife für ein Sofortvisum liegen meistens im Bereich zwischen 150 und 300€. Auch bei der Registrierung des Visums wird häufig geschmiert, die „Pauschale“ liegt bei 500 Rubel.

Foto: Eugen von Arb/SPB-Herold

    Drucken       Email

Über den Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

MAKSA – expressive Kunstbrückenbauerin zwischen Hamburg und Petersburg

mehr…