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Boris und Arkadi Strugatzkis Science Fiction-Klassiker neu auf Deutsch herausgegeben

Von   /  7. September 2010  /  1 Kommentar

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Von Roland Bathon

Mit dem etwas einfallslosen Titel „Strugatzki 1“ eröffnet der Heyne-Verlag aktuell eine Buchreihe, in der ausgewählte Romane der russischen Science Fiction-Legenden Boris und Arkadi Strugatzki neu veröffentlicht werden. Mit den Werken „Die bewohnte Insel“, „Ein Käfer im Ameisenhaufen“ und „Die Wellen ersticken den Wind“ macht die Trilogie rund um den Raumfahrer Maxim Kammerer den Anfang.

Die Gebrüder Strugatzki sind in Russland absolute Ikonen der Science Fiction. Die erfolgreichsten dortigen Fantasy- und SciFi-Autoren wie Sergej Lukianenko („Wächter der Nacht“) geben unumwunden zu, dass die Strugatzkis zu ihren Idolen zählen, Dmitry Glukhovsky („Metro 2033“) hat höchstselbst das Vorwort zur nun beginnenden Strugatzki-Sammlung geschrieben. Nur die Dominanz angloamerikanischer Schriftsteller auf dem deutschsprachigen Buchmarkt in diesem Bereich hat es in den vergangenen Jahrzehnten verhindert, dass die Brüder mit ihren außergewöhnlichen Werken nur Kennern und nicht der breiten Masse bekannt sind.

In Osteuropa ist das anders. „Die bewohnte Insel“, der erste Roman der neu erschienen Strugatzki-Sammlung, wurde vor zwei Jahren für umgerechnet 30 Millionen Euro in Russland verfilmt und war dort ein absoluter Blockbuster. Der Stoff eignet sich perfekt für eine solche Großproduktion. Der Planetenforscher Maxim Kammerer strandet auf einer Welt, deren Atmosphäre Fans von düsterem Cyberpunk begeistern wird. Nach einem Atomkrieg ist auf den Trümmern ein neues, faschistoides Regime entstanden, das die Manipulation der Massen perfektioniert hat. Kein Wunder ist es hier, dass die Strugatzkis bei der Veröffentlichung wegen versteckter Anspielungen auf die damalige Lebensrealität in der Ära Breschnew massive Probleme mit der staatlichen Sowjetzensur bekamen.

Im zweiten Roman jagt Kammerer, mittlerweile aufgestiegen zu einer führenden Gestalt des „Heimatschutzes“ der Erde, den tragischen Helden Lew Albakin. Hier verschwimmen Gut und Böse, auch wenn sich Albakin ohne eigene Schuld zur potentiellen Gefahr für die gesamte Erdbevölkerung entwickelt. Er ist das ungewollte Ergebnis eines Experiments einer überlegenen und unbekannten Zivilisation. Beim Werk „Die Wellen ersticken den Wind“ am Ende des Buchs enträtselt der mittlerweile gealterte Kammerer mit seinen Gehilfen das geheim gehaltene Aufkommen eines neuen Menschentyps, wobei hier die Auseinandersetzung und ihre Hintergründe zwischen den „Schützern“ der Welt und ihren Gegnern stark philosophische Züge trägt, denn ein „gut“ und „böse“ ist nicht mehr erkennbar.

Die Kammerer-Reihe ist keine Trilogie der heute verbreiteten Art. Alle drei Werke stehen komplett für sich, die Erzählperspektiven und -techniken sind völlig unterschiedlich. Während „Die bewohnte Insel“ eine unterhaltsame, packende Erzählung mit satirischen Elementen ist, wird „Ein Käfer im Ameisenhaufen“ komplett aus der subjektiven Sicht des Helden Kammerer erzählt und wirkt wesentlich tiefgründiger. Noch künstlerischer ist die Komposition des Abschlusswerkes „Die Wellen ersticken den Wind“, das aus einer Sammlung scheinbar authentischer Dokumente und Dialoge besteht, zwischen denen Notizen und Erinnerungen Kammerers nur überleiten.

Wer die Strugatzkis nicht kennt, darf sich unter ihren Büchern keine leichte Massenkost vorstellen, wie sie sonst Science Fiction häufig darstellt. Auch die drei Werke im Sammelband stecken voller tiefgründiger Anspielungen und Rätsel, sind aber voller Spannung. Die Strugatzkis, in Sowjetzeiten immer im Kreuzfeuer der Zensur, zählen zu den erfolgreichsten Autoren ihres Landes überhaupt, nicht nur in ihrem Genre. Andere ihrer Werke dienten bereits als Vorlagen für den Kultfilm „Stalker“, für die europäischen Großproduktion „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ oder auch (verheimlicht) für einen gewissen Planeten Pandora, auf dem der Cameron-Blockbuster „Avatar“ angesiedelt ist (übrigens am Rande auch im Dreibänder erwähnt).

Die drei Romane werden ergänzt durch einen umfangreichen und hier auch ausnahmsweise einmal lesenswerten Anhang. Zunächst erläutert Boris Strugatzki selbst interessante Hintergründe der drei Romane. Im zweiten Teil des Anhangs schildert der Genrekenner Erik Simon die Geschichte des Gesamtwerks der Strugatzkis. Abschließende Anmerkungen befassen sich mit Hinweisen auf Anspielungen in den Romantexten, die manch Osteuropa-unerfahrener Leser nicht enträtseln kann und einem Überblick über die wichtigsten Strugatzki-Bücher.

So ist die nun neu erschienene Trilogie eigentlich ein Muss für alle Fans von Science Fiction und nicht nur solche. Wer anspruchsvolle Romankost liebt und auch etwas mit „fantastischen“ Stoffen anfangen kann, wird den Sammelband verschlingen. Eingefleischten Strugatzki-Fans sei verraten, dass einige Texte gegenüber früheren (DDR-)Ausgaben restauriert wurden und Eingriffe der kommunistischen Zensoren rückgängig gemacht. So bieten die über 900 Seiten des Bandes einiges an hochwertigem Lesestoff, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Daten zum Buch: Arkadi und Boris Strugatzki, Band 1: Die bewohnte Insel, Ein Käfer im Ameisenhaufen, Die Wellen ersticken den Wind; Heyne Verlag München 2010, ISBN 978-3453526302

www.russland.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel

    Seit ich heimlich in tiefer Nacht als die Eltern schliefen den Film Stalker von Andrei Tarkowski auf unserem alten Schwarzweiss Fernseher gesehen habe, bin ich Fan der Brüder Strugatzki.
    Natürlich dann auch von Tarkowski. Später in einer englischen DVD Ausgabe habe ich im „Making of“ Berichte der Beteiligten gesehen und auch welche unsäglichen Mühen dieser Film im Kampf gegen Natur, Mangel und Politischer Zensur bereitete. Beeindrucken auch unsere St. Petersburgerin Alisa Freindlich in der weiblichen Hauptrolle.

    Seit ich Petersburge lebe bewundere ich auch immer Boris Strugatzkis „Realitätsnähe bei der Einschätzung der Politischen Situation“ (siehe den Artikel Boris Strugazki: “Die Schrauben werden weiter angezogen”)

    Hier spricht kein Sience Fiction Realitätsflüchtling, sondern ein Author der Aufgrund des politischen Drucks die Kritik and seiner „Welt“ ganz subtil in andere Zeiten und Welten legte. Das machte er, und früher auch sein Bruder, dabei mit solcher Meisterschaft, dass dabei Weltliteratur herauskam und die Zensur keinen Ansatz zur Kritik bekommt.
    Eine diffizile Kunst der Kritik, die nach eigener Annahme Strugatzkis auch Heute in Russland wieder gefragt ist.

    Daher auch meine Empfehlung an alle die ihn noch nicht kennen – lesen, spass dabei haben und ggf. sogar die verborgene Gesellschaftskritik erkennen.

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