Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Boris Strugazki: „Die Schrauben werden weiter angezogen“

Von   /  13. Januar 2009  /  1 Kommentar

    Drucken       Email

mr, fontanka,: Im Interview mit dem Online Magazin „Fontanka“ äussert sich der Altmeister des Russischen Since Fiction, Boris Strugazki.  Er ist bekannt dafür, das er in seinen Sujets auch den „politischen“ Blick und auch den persönlichen in die Untiefen der menschlichen Seele nutzt. Boris Strugazki arbeitete als Astronom im Observatorium von Pulkowo und lebt in St. Petersburg.  Den Leser erwarten ein Prognose für das neue Jahr, die Wahrscheinlichkeit eines neuen politischen „Tauwetters“ und eine Beurteilung der Verfilmung des Romans  „Die bewohnte Insel“ von 1969.

– Lieber Boris Natanowitsch das Jahr 2008 geht in wenigen Tagen zu Ende. Was ist für sie das bedeutsamste Ereignis des ablaufenden Jahres ? Der Staffelwechsel von Putin-Medwedew ? Der Krieg mit Georgien ? Die Wirtschaftskrise ?

BNS:  Vermutlich die Witschaftskrise. Erstens, weil sie wie ein Sommergewitter aus dem blauen Himmel hereingebrochen ist (obwohl einige Ökonomen sie bereits angekündigt hatten). Zweitens weil sie „grosse Veränderungen“ bringen wird – ob zum Guten  oder Schlechten kann ich noch nicht sagen – aber die Veränderungen werden unvermeidlich.

– Was meinen Sie zur Annerkenung von Süd-Ossetien und Abchasien durch die Russische Föderation: Ausser Nicaragua hat sich fast noch kein Land gefunden, welches diese Republiken anerkennt. War das ein Fehler ? Oder gab es keine Alternative nach allem was passiert ist ?

BNS:Das war ein naheliegender, und vieleicht unausweichlicher Schritt des diplomatischen Protokolls. Wir haben uns in eine solche „Lage“ gebracht – gänzliche abhängig von sogenannten Freunden – und manchmal auch eine komödiantische. Aber dafür haben wir jetzt freie Hand in der Region und geniesen Auswirkungen auf den Zoll, die Organsiation der Militärpresänz usw.

– Sind sie ein Anhänger eines der Kandidaten für die US-Wahlen ?  Wann glauben sie könnte ein Jakute, Tatare, Jude oder „Person mit Kaukasischem Gesicht“* bei uns Präsident werden?

BNS: Ich habe den Wahlkampf Obamas mit Interesse verfolgt. Bis zum Ende habe ich es nicht geglaubt, das Amerika die ultimative Macht in die Hände eines Schwarzen legt. Aber es hat sich gezeigt, dass dieses Land in den letzten 50 Jahren bemerkenswerte Veränderungen zum Besseren durchgemacht hat. Wir müssen auf solche radikale Änderungen unserer Mentalität noch warten, und warten…

– „Der Fall Aleksanian“** scheint alle Grenzen des Zynismuss zu sprengen, was im Übrigen typisch für Russische Behörden ist. Auch wenn man sich die Logik der „Rache“ gegenüber allen Beteiligten des Fall „Jukos“ zu eigenen macht, es eine Verspottung des „Verdammten“ Gefangenen. Eine Freilassung gegen eine wahnwizig hohen  Preis oder ihn dem sicheren Tod auszuliefern.

BNS: «im Staub des Staub des Straflagers gesäubert» – Beria*** ist seit langem abgetreten, aber die Prinzipien unserer Gesetzeshüter haben sich wenig geändert. „Jeder der sich gegen den Staat ausspricht hat keine Schonfrist, Duldung oder Gnade zu erwarten„. Das ist keine Rache, das ist ein allgemeines Prinzip, kein Teil der Mentalität oder gar die persönliche Anordnung der Mächtigen, es entzieht sich jeglicher Analyse oder Überprüfung. Es ist „der Instinkt des Systems“. Gnade ist unnatürlich und kontraproduktiv. Damit müssen wir ebenfalls noch lange leben.

– Wie sie gesehen haben hat (anm. des Übersetzers ehem. aktive Opositionelle) Nikita Belych den Posten des Gouverneurs für das Kirower Gebiet übernommen. Wie vereinbart sich das mit der Vision der radikalen Demokraten mit den Behörden nicht oder nur über Ihre Kapitulation zu verhandeln ?

BNS: In solchen Dingen bin ich unheilbar konservativ, und manchmal eben auch ein Opportunist: Die Opposition sollte alle legalen Möglichkeiten zum Wiederstand nutzen und nicht in eine gnadenlose Kritik der Behörden verfallen. Sondern,  jeder vernünftigen Kompromiss im Verhältnis mit der Regierung ist hilfreich.
Wenn Sie sich (die Opposition) in eine marginalisierte, gehasste Minderheit verwandelt ist das Falsch. Das führt ins Nichts. Ein Weg auf dem mann unmöglich die Unterstützung der Millionen erlangt. Das muss aber das Ziel jedweder gesunden Opposition sein.

– Sie haben öfters betont, solange der Öl Preis hoch ist, tendiert seine Majestät „die Mehrheit“ zu Stabilität und unterstützt die Regierung. In den letzten drei Monaten jedoch haben die Mächtigen angesichts der Krise etwas verloren. Werden die Umfragen dieses Ansehensverlust so wiederspeigeln – wie sie zuvor prognostitierten ?

BNS: Eine kleine Delle im Ansehen von Medwedew ist möglich, aber das ist bei Putin ist sehr unwahrscheinlich. Er hat sich einen sehr hohen Vorschuss an Vertrauen erworben und die Majestät „die Mehrheit der Bürger“ würde ihn als allerletzten dafür abstrafen. Im Gegenteil er wird als letzte Zuflucht angesehen. Im Übrigen bin ich kein Verfechter des „Zorns der Massen“. Angst und geneigte Fernsehmedien werden Ihre Arbeit gut machen, und wenn der Lebensstandard zu stark fällt wird man dem Volk eben erlauben seinen Dampf abzulassen.

– Was erwartet uns in im Jahr 2009 – ein „Anziehen der Schrauben“ oder ein „Tauwetter“. Was ist mehr wahrscheinlich ?

BNS: Ein „Anziehen der Schrauben“ scheint mir unvermeidlich. Die Suche und gefangenahme der (internen und externen) Feinde wird unvermeindlich. Die letzten unabhängigen Massenmedien werden einen Maulkorb verpasst bekommen. Schlimmer, der Sieg der „Asketen“ (sofern man die Mächtigen als solche ansehieht), die Isolierung vom Westen, der Rückfall in den „SAWOK“**** – und eine Zukunft als Paria der Staaten.
Das wird eine Zeit des Tauwetters und Entspannung ggf. um eine ganze Generation verzögern. Aber nicht länger. Hier bin ich ein Optimist – einer „Mit Tränen in den Augen“.

– Wird es mehr sozialbedingter Protest mit Zunahme der Krise geben?  Oder sind die Menschen noch nicht bereit auf die Strassen zu gehen? Und falls doch, wie wird der Staat darauf reagieren. Wie in Wladiwostok mit OMON(5) und dem Knüppel?

BNS: Grosse Protestaktionen sind unwahrscheinlich. Wenn Sie stattfinden, werden unsere lokalen Medien sie als Intrigen der Mafia, Liberalen oder regionalen Eliten darstellen. So werden auch die Knüppel der Omon die Zustimmung von weiten Teilen der Bevölkerung erhalten – auch wenn sie der Sache vorsichtig zugeneigt ist.

Ich wiederhole mich, ernsthafter Protest wird  erst nach einem steilen Abschwung im Lebensstandard, nach zwei- drei Jahren öffentlichen Misstands und mit einer 30% Inflation aufkommen.

– Wir wurden ein paar Jahre mit dem Gegensatz „stabilen Stillstand“ oder „draufgängerischen 90er Jahren“ verängstigt. Sind angesichts der zu erwartenden Abschwungs die wilden 90er nicht geradezu stabil?

BNS: Solange uns die die Massenmedien und die Angst die Kehle verschnüren ist die Stabilität nicht gefärdet.

– „alle Revolutionen in Russland werden von „Oben“ ausgelöst“ sagt der verstorbene Natan Eidelman. Stimmen Sie mit Ihm darüber überein? Könnte das bereits im Nächsten Jahr passieren? Falls ja wer könnte damit im Bunde sein?

BNS

: Revolution – keine Revolution, ein kleiner Kurswechsel der Eliten ist möglich. Wenn die „Asketen“ (vom Staat überzeugte, Anhänger ungetrübter Gewinnchancen und der Staat selbst) die „Hedonisten“ ( also alle die „Leben und Leben lassen“ praktizieren) besiegt haben, könnte eine Änderung der Eliten stattfinden. Vieleicht mit einem Skandal, vermutlich sogar unblutig. Aber wie heutzutage üblich, wird es zügig sogar rapide schnell vonstatten gehen, vermutlich noch nicht im nächsten Jahr (2009). Das setzt jedoch voraus, das das Volk sich noch stärker als sonst die eiserne Faust wünscht, eine Änderung der Attidtüde ist notwendig sowie viel Zeit und eine Verschärfung der sozialen Bedingungen. Während der Weimarer Republik in Deutschland, hat es ebenfalls eine Dekade benötigt bevor der Staatsstreich dann demokratisch und friedlich von statten ging.

Arkadi und Boris Strugatzki auf dem Balkon

– Ab dem 1 Januar 2009 läuft der Film „Die bewohnte Insel“ «Обитаемый Остров» ,  nach einem der berühmtestend Werke der „Brüder Strugazki“. Sie konnten den Film bereits vorab sehen – wie sind Ihre Eindrücke? Ist er eine adequate Umsetzung Ihres Buches? Gefällt er Ihnen oder entspricht er nicht Ihrer Vorstellungen.

BNS: Ich mag den Film sehr. Es ist die bislang beste Visualisierung von „ABS“ (die Fans von Boris und Arkadi Strugazki benutzen die Abkürzung für die beiden Brüder). Ein Herausragender Titelheld Mak Sim (Maximilian Kammerer), ein hervoragender Prokuror und Fremder. Die Figur von ZEF ist auch ohne Bart nicht schlecht. Gai, Rada und Wepr sind etwas schwächlich. Sie haben ggf. noch Potential sich im zukünftigen 2. Teil zu verbessern.

– Ist es nicht paradox, das der Film von einem Mitglied der Partei „Einiges Russland“, dem Regiseur Fjodor Bondartschuk nach einer vollkommen antitotalitären Buchvorlage und von einer Welt handelt, die doch stark an das heutige Russland erinnert ? Das ist doch eine krasse Abweichung von der Parteilinie.

BNS: Übertreiben Sie die Kraft der Assoziationen und der Anspielungen nicht. Der überwiegenden Mehrheit der Zuschauer werden das nicht bemerken. Verboten kann gewiß alles werden, aber es wäre eine große Dummheit. Im Fall würden sich sogleich Strukturen bilden und mit Piraten-DVD’s das Land überschwemmen.

Interview von Boris Wischnewski für Fontaka.ru  vom 28.12.2008
Fotografie: Wladimir Larionow
Übersetzung: Maximiliian Reiter

* „Person mit Kaukasischem Gesicht“ ist die offizielle Bezeichnung der Miliz für die Bewohner des Kaukasus, die im normallfall auch einfach und rassistisch „die Scharzen“ genannt werden.  Egal ob Tschetschene, inguschete, Dagestani, selbst die frisch „befreiten“ Osseten sind im Alltag mit massivem Rassismuss konfrontiert.

** Wasili Aleksanian ist ehem. Jurist bei Jukos und Mitangeklagter in den Prozessen rund um den zerschlagenen Ölgigant. Ein Untersuchungsrichter hat dem im fortgeschrittenen Stadium Aids-Kranken die notwenige Behandlung ausserhalb des Gefängnisses verweigert, weil dieser sich nicht auf den  Deal im Sinne der Anklage gegen Chordokowski und Platonow auszusagen eingelassen hat. Seit 30. Dezember 2008 ist er gegen Hinterlegung einer in Russland einmalig hohen Kaution von 50. Millionen Rubel (12,5 Millionen Euro) freigelassen worden.

*** Lawrenti Beria, Geheimdienstschef und Organisator des Terrors unter Stalin

**** Sawok = wörtlich „Kehrschaufel“ – Bezeichnung des Geisteszustand , der Unordnung und der Dummheit während des Kommunismus. Schlangen an der Kasse -„Sawok“, Miesepetrige Beamte – „Sawok“, Kleptomanie in höheren Postiionen – „Sawok“, Müll im Treppenhaus – „Sawok“ –  Abteilunge die lieber  saufen als Arbeiten – „Sawok“, der Ausdruck wird für alle von Sowetsystem geerbte Unbill.

(5) Omon – siehe unsere Rubrik „Glossar“

    Drucken       Email
  • Veröffentlicht: 10 Jahren vor auf 13. Januar 2009
  • Von:
  • Zuletzt geändert: März 6, 2009 @ 5:19 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Herausgeber

1 Kommentar

  1. ulrich krümpelmann sagt:

    ja, die beiden wussten vieles vorher und immer noch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Steht die Petersburger Künstlerunion vor dem Aus?

mehr…