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Blogsphäre Russland: Fernsehkanal NTW wegen „Enthüllungen“ über Oppositionsbewegung ausgebuht

Von   /  16. März 2012  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Durch das russische Web ging ein Sturm der Entrüstung, nachdem der Fernsehkanal NTW gestern abend den Film „Anatomie des Protests“ ausgestrahlt hatte. In dieser „Dokumentation“ wurden die „Machenschaften“ der russischen Oppositionsbewegungen „enthüllt“.

Mit Hilfe zweifelhafter Quellen und Zeugenaussagen wurde das Bild einer korrumpierten und aus den USA gesteuerten Massenbewegung gezeichnet, die Russland destabilisieren will. In einer Szene des Films wird beispielsweise gezeigt, wie Leute an der Moskauer Metrostation „Sokolniki“ Schlangen stehen, um weisse Schlaufen (das Symbol der Opposition) und ein Honorar für die Beteiligung an der Protestkundgebung in Empfang zu nehmen. Von mehreren Seiten wird diese Szene als gefälscht bezeichnet – der populäre Blogger „drugoi“ schreibt sogar, die Szene sei extra für den NTW-Film inszeniert worden.

Zitate missbraucht

An mehreren Stellen sollen ausserdem Filmbilder und Zitate von Kundgebungsteilnehmern missbräuchlich verwendet worden sein. Darunter sind auch die Aussagen des prominenten russischen Polit-Journals „Expert“. Aus Protest kündigte die „Expert“-Media-Holding jegliche Zusammenarbeit mit dem Fernsehkanal auf.

„Zu unserem grossen Erstaunen wurden im Film Zitate des Chefredaktors von „Expert“ Fadejew verwendet. Diese Kommentare erhielt man mittels Betrug: Der NTW-Mitarbeiter versicherte, sie würden bei einer zusammenfassenden Nachrichtensendung verwendet. Ausserdem standen sie in keinem Zusammenhang mit dem Thema des Films.“ Mit diesen Worten distanziert sich „Expert“ vom NTW-Film im Livejournal. „Das Verhalten der NTW-Mitarbeiter verstösst gegen jegliche Grundsätze der Berufsethik.“

Nach fünf Minuten Fernseher ausgeschaltet

Ein Leser schreibt darunter: „Ich gehöre nicht zu den Anhängern der „Orangade“ (orange Revolution), aber das, was ich gestern abend auf dem Kanal NTW gesehen habe, brachte mich dazu, den Fernseher nach fünf Minuten auszuschalten.“ Auf der NTW-Seite im russischen Sozialnetzwerk „Vkontakte“ häuften sich die Kommentare „NTW-Lügner“.

Der Fernsehkanal, der zum Gazprom-Konzern gehört, wird beschuldigt, den Film „auf Bestellung“ aus dem Kreml gedreht zu haben, um die Opposition zu diskreditieren. Vor und nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen hatten sich in Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Städten zehntausende von Menschen versammelt, um gegen Wladimir Putin und Wahlmanipulationan zu protestieren.

Vom unabhängigen Sender zum Staatsfernsehen

Der Fernsehkanal NTW wurde 1993 gegründet und galt lange als einer der liberalsten und kritischsten russischen Sender. 2000 wurde der Leiter des Kanals Waldimir Gussinski wegen „Betrugs“ verhaftet. Schliesslich verliess er Russland und behauptete, er sei gezwungen worden, 49 Prozent der „Media-Most“ an den staatlichen Gazprom-Konzern zu verkaufen. Der Anteil wurde später auf 69 und schliesslich auf 100 Prozent der Aktien erhöht, so dass der Sender heute in staatlicher Hand ist.

Bild: Szene mit „gekauften“ Demonstranten aus dem NTW-Film

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. mm sagt:

    Sehr interessanter Bericht. Offensichtlich fängt gerade der Wettlauf im Speichellecken um den neuen Präsidenten an. Ob der davon begeistert ist ? So dumm kann er nicht sein zu glauben dass die Menschen auf offensichtliche instrumentalisierte Medien reinfallen. Obwohl genau weil er das von den Zusehern erwartet hat er den Kanal ja enteignet. NTV war ja zu Gusinskis Zeiten ein RTL ähnliches Privatfernsehen mit wenig Respekt for der Staatsmacht aber zumindestens unterhaltsam.
    Seit ein paar Jahren ist der Kanal aber so übel im Niveau gesunken. Kein Wunder as die NTV Oberen Ihren Hintern retten wollen. Putintreue schützt ja nicht immer vor Absetzung vom bequemen Posten. Schon garnicht bei erwiesenen und täglich sichtbarer Unfähigkeit. Ich denke das Gegenteil wurde erreicht, die Menschen begehren auf. Mal sehen obs sie noch weitere offensichtliche politisch motivierte Fälschungen senden, schlimmer kanns fast nicht mehr werden, aber probieren werden sie es sicher …

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