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Benim Dich! Im russischen Leben ist Volkserziehung allgegenwärtig

Von   /  16. Februar 2009  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wer mit Russen verkehrt, merkt bald, wie gerne sie ihre gute Bildung und vor allem ihre gute Erziehung demonstrieren. Aber offenbar brauchen sie Nachhilfe, denn im russischen Alltag ist Erziehung für Erwachsene allgegenwärtig. Der Benimm-Dich-Kurs beginnt, noch bevor man das Haus verlassen hat – im Lift. Ein russisches Lift-Reglement zu studieren, ist wirklich eine Gelegenheit, sich zu amüsieren.

Vorausgesetzt, man hat genügend Zeit, um mindestens zweimal vom Keller ins Dachgeschoss zu fahren, denn das im strengen sowjetischen Tonfall verfasste Dokument ist lang. Es wird nicht nur ausführlich beschrieben, wann die Türen auf keinen Fall und wann unbedingt geöffnet werden müssen, sondern auch, wer in welcher Begleitung berechtigt ist, den Fahrstuhl zu benutzen. Die Liftbauer missachten aber selbst eine Reihe ungeschriebener Bestimmungen, zum Beispiel, dass Lifte verboten sein sollten, an deren hölzernen Schwingtüren man sich den Schädel einschlagen kann und deren Wände voller schartiger Eisen und Schrauben sind, die einem Haut und Kleider zerreissen.

Kampf gegen Kredithaie: „Lies das Kleingedruckte!“

Kämpferische Plakate gegen Trinksucht und Rauchen gehörten schon zu Sowjetzeiten zum Strassenbild (und wie damals scheinen sie die entgegengesetzte Wirkung zu haben). Doch die neue Gesellschaft hat neue Formen von Abhängigkeit mit sich gebracht – zum Beispiel die Konsumsucht. Dank der leichtsinnigen Kreditpolitik vieler Banken ist Russland in den vergangenen Jahren zu einer Land der Schuldner geworden.

Viele von ihnen sind dank der Wirtschaftskrise in Schwierigkeiten geraten und verlieren Kopf und Kragen. Inskasso-Firmen haben Hochkonjunktur und sind dabei nicht zimperlich. Darum wurde jetzt eine Plakat-Kampagne zur „Erhöhung der finanziellen Kompetenz“ gestartet: „Bevor Du einen Kredit aufnimmst – schätze nüchtern Deine Möglichkeiten ein!“. Ein weiterer gelber Aushang ermahnt zur Seriosät beim Vertragsabschluss: „Bevor Du unterschreibst – lies das Kleingedruckte!“.

Russlandspezifisches: „Wirf keine Zigarettenkippen aus dem Fenster!“

Zwar stehen dank der Wirtschaftskrise viele Plakatstände leer und bieten Platz für „soziale Werbung“. Aber die Stadt hat sich in den letzten Jahren mit LCD-Panels überall in der Stadt ein neues Sprachrohr geschaffen. Mit lustigen Trickfilmen wird hier vor den Gefahren des Alltags gewarnt, bei denen das Feuer eine besondere Rolle spielt. Der russische Normalbürger „Petrowitsch“ demonstriert hier naiv und tolpatschig, was Russinnen und Russen so anstellen: Ein Clip, in dem eine Rakete vom Park durch ein Fenster in eine Wohnung rast, warnt vor schadhaftem Feuerwerk.

Während solches auch anderswo vorkommt, sind andere Fälle landestypisch – zum Beispiel fällt Petrowitsch eine Zigarettenkippe in den Kragen und lässt sein Hemd in Flammen aufgehen. „Wer Zigaretten einfach aus dem Fenster wirft, kann den Balkon des Nachbarn anzünden!“ So lautet die Warnung des Katastrophenschutzministeriums. Oder: Petrowitsch hängt nasse Wäsche in der Küche über den Herd und zündet vier Gasflammen an, worauf die Kleider statt zu trocknen, zu brennen beginnen.

Die Gewissheit um die Zwecklosigkeit der Warnungen wirkt einschläfernd

Die Fortsetzung der Belehrungen folgt in der Metrostation, wo man während der meist langen Fahrt in die Tiefe auf der Rolltreppe ein reichhaltiges Programm geboten bekommt: „Geschätzte Stadtbewohner und Gäste unserer Stadt…“ So beginnt der von Werbeblöcken unterbrochene Falsch-Richtig-Sermon, der durch die Lautsprechen neben dem Handlauf schallt. Nicht rennen und nicht sitzen und nicht drängeln solle man auf der Rolltreppe, erklärt die Frauenstimme wohlmeinend, aber eindringlich. Hingegen soll man auf einander Rücksicht nehmen und helfen – insbesondere älteren Menschen.

Die Gewissheit um die Zwecklosigkeit der sich ständig wiederholenden Warnungen und der leiernde Tonfall wirken einschläfernd. Innerlich zum „Schüler“ in einer langweiligen Schulstunde degradiert, beginnt man resigniert vor sich her zu dösen. Nur das plötzliche Trampeln eines eiligen Passagiers und der markerschütternde Warnschrei der Metro-Aufpasserin durch den Lautsprecher schrecken einen auf – „Entschuldigung ich hab nicht aufgepasst, Frau Lehrerin!“ So fährt es einem durch den Kopf.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. eva sagt:

    Ich mag es auch wie es ist – ich finde die Vorschriftenschwemme in Verbindung mit dem allgemeinen Hang zu Chaos und Anarchie faszinierend!

  2. realsatire sagt:

    Als willenschwacher, antiauthoritär erzogener, Wessi fühle ich mich extrem wohl in einer Umgebung mit klaren Ansagen.

    Ich finde die machen das Gut :)

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