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Bekennender Ossi in Petersburg: Christian Kreis

Von   /  27. November 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb
Der Schriftsteller Christian Kreis hielt im Petersburger Goethe-Institut eine Lesung. Trotz seiner Jugendleiden verbindet ihn eine gewisse Nostalgie mit seiner verschwundenen DDR-Heimat, die in vielen seiner Texte mitschwingt – zum Beispiel im noch unveröffentlichten Roman „Ostseeurlaub“.


Der Süden der DDR lag gewissermassen im Norden – an der Ostsee. Wie die ganze übrige Republik fuhr auch Christian Kreis mit seinen Eltern im Sommer an die Strände zwischen Darß und Zingst. Er und seine Mutter mussten nicht nur schweigend im Trabbi mitfahren, sondern auch sämtliche Launen des griesgrämigen Vaters aushalten.

Den interessierten weniger die „Extrawürste“ seiner Familie als die Einhaltung des Tagesplans und die Sorte Lakritze, die ihm während der Fahrt in den Mund geschoben wurde. Oder sein Trabbi, der dank Mauerfall nicht wie erwartet durch einen Wartburg oder Lada, sondern gleich durch einen Ford ersetzt wurde. Doch selbst das verbesserte die Laune des Vaters nicht sonderlich. Die kleinste Abweichung reichte für einen Wutausbruch – grässlich! Bei so einem Vater musste man ja Schriftsteller werden!

Schmuddel-Welt in der Blitz-Blank-Bundesrepublik

Trotz des Erlittenen führte Kreis erstaunlich unbefangen durch seine Lesung, an der er diesen Auszug seines noch unveröffentlichten Romans präsentierte. Und auch gleich bekannt gab, er habe bereits etwa 300 Seiten geschrieben und damit die Auflage für seinen Stipendiatsaufenthalt fast erfüllt. An Schreibhemmungen scheint er demnach hier in Petersburg nicht gelitten zu haben – das fehlte ja noch in einer so inspirierenden Stadt!

Auch seine Kolumne, in der er die Entdeckung eines Handbuchs für deutsch-sowjetische Brieffreundschaften aus der Kindheit schildert, wirkt ziemlich bedrückend. Wenn auch mit viel Humor wird da eine tragische Geschichte erzählt: Mit Hilfe vorgeschriebener Floskeln sollten in der DDR vorgeschriebene Freundschaften zwischen deutschen und russischen Kindern entstehen. Eine Todgeburt, wie man heute weiss.

Aber trotzdem mag Kreis seine Herkunft und seine Region, in der er als bekennender Reisemuffel immer noch lebt. Das spürt man in seinen Gedichten, in der er mit viel Liebe den Schmuddel-Charme seiner Ossi-Welt beschreibt. Gut, dass die Blitz-Blank-Bundesrepublik solche Poeten hat.

Dossier:
Im Herbst 2015 kam Christian Kreis nach St. Petersburg auf Einladung der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, von der er ein Arbeitsstipendium erhielt. Seine russischen Eindrücke hält er in seinem Blog „Aufzeichnungen aus der Kommunalka“ fest. Christian Kreis, geb. 1977 in Bernburg, lebt in Halle/Saale. Nach dem Studium der Soziologie und Politikwissenschaft in Halle absolvierte er ein Bachelorstudium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo er von 2013 bis 2015 auch Lehrbeauftragter war.  Seine Kolumne Eingekreist erscheint monatlich auf Fixpoetry.com.

Bilder Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fixpoetry.com

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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