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Begeisterter Auftritt der Dittchenbühne mit Gogols „Revisor“

Von   /  26. Oktober 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Traditionsgemäss besuchte die Elmshorner „Dittchenbühne“ auf ihrer Ostseeländer-Tournee St. Petersburg. Mit Gogols Revisor brachte sie ein brandaktuelles Stück mit nach Russland – wer in den Nachrichten über die vielen Korruptionsfälle liest, wünscht sich, der echte Revisor käme öfters vorbei.


Der wichtigste Faktor bei den Auftritten der Dittchenbühne ist zweifellos die Begeisterung, mit der die Schauspielerinnen und Schauspieler mit auf die Gastbühne kommen und ihr Publikum anstecken – so war es auch diesmal. Da Gogol zur russischen Klassik gehört wie in Deutschland Schillers Räuber hatten viele Schüler und Studenten die Originalversion des Stücks auf Russisch zum vergleichen mitgebracht.

Bald legten sie jedoch ihre Texte beiseite, denn die Inszenierung unter der Regie von Vilija Neufeldt hielt sich zwar im Ablauf weitgehend an das Original, aber Bühnenbild und Kostüm waren klar zeitgenössisch geprägt. Die „Elite“ der russischen Provinzstadt, bestehend aus dem Stadthauptmann (Kai Göhring), Schulinspektor (Philipp Klug), Richter (Ulrich Dressel) Kurator (Kai-Friedrich Donau), Postmeister (Rald Skala) Reviervorsteher (Helmut Meier) und Gendarm (Harald Mohr) war in Einheitsgrau gekleidet und trugen ausser den Attributen ihres Berufsstandes allesamt kleine Leitern mit sich herum.

Leitern: Symbol für Ehrgeiz, Arschkriecherei und Standesdenken

Diese symbolisierten Ehrgeiz, Arschkriecherei und Standesdenken, um die das Leben des Beamtenstandes in den Augen Gogols ständig kreist. Gleichzeitig versinnbildlichte die Leiter die Last der Angst und der Verantwortung vor dem Staat, die jeder auf seinen Schultern trägt. Zudem wurde jedem von ihnen zu Beginn des Stücks wie ein Hundehalsband ein Rüschenkragen umgelegt, um zu zeigen, das sie an der (kurzen) Leine von Vater Staat sind.

Dann nahm die Geschichte, bzw. das Verhängnis seinen Lauf: Das Gerücht eines anreisenden Revisors genügt, um die Fantasie der korrupten Beamtenkaste durchgehen zu lassen und den jungen Petersburger Taugenichts Chlestakow (Wahagn Ajdinjan), der ohne eine Kopeke im Hotel sitzt, für den Vertreter des Zaren zu halten.

Donnerschlag: Der echte Revisor ist eingetroffen!

Man geht mit ihm um, wie man es gewohnt ist – man versucht ihn zu kaufen, und es funktioniert scheinbar bestens. Der junge Lebemann versteht bald die Situation, steckt die Schmiergelder ein, lässt sich von allen Seiten bewirten und macht sich schamlos an die Frau des Stadthauptmanns (Petra Schwarz) und dessen Tochter Maria (Anna-Lena Fitschen) heran.

Kurz nachdem er sich noch mit ihr verlobt hat und die ganze Familie bereits vom Umzug in die Hauptstadt träumt, ist er über alle Berge. Da trifft der Donnerschlag das Beamtengesocks: Der echte Revisor ist eingetroffen! Das Publikum belohnte die Truppe für ihren lebendigen Auftritt mit einem langen Applaus.

Schnell ist die Dittchenbühne wieder weg – schade!

Blumen wurden überreicht, Hände geschüttelt, Gruppenfotos gemacht, während im Hintergrund bereits das Bühnenbild demontiert wurde. Alles schnell, schnell, weil das Theater schon am nächsten Tag wieder auf einer anderen Bühne in Pskow stehen musste. Da war die Dittchenbühne für dieses Jahr schon wieder vorbei – schade!

Mit insgesamt 11 Aufführungen war die „Dittchenbühne“ dieses Jahr wieder sehr präsent und baute ihre kleine „Theater-Kulturbrücke“ in Polen (Piła, Gdynia, Olsztyn, Elbląg), Litauen (Klaipeda, Šiauliai), Lettland (Liepaja), Estland (Tallinn) und Russland (St. Petersburg, Pskow) auf.

„Kulturbrücke“ hält auch in düsteren Zeiten

Die „Kulturbrücke“ scheint auch in den momentan düsteren Zeiten zu halten. Wie der Vorsitzende des Forums Baltikum-Dittchenbühne Raimar Neufeldt im „Dittchen-Magazin“ schreibt, hat die Theatertruppe in ihrer nunmehr 25-jährigen Geschichte abenteurliche Geschichten und Schikanen an fast allen Grenzübergängen erlebt. Heute ist ein Grossteil der Grenzen im EU-Raum gefallen, und auch an der Grenze zu Russland schien das Ensemble reibungslos abgefertigt worden zu sein.

Dies mag als Kleinigkeit erscheinen, steht jedoch für ein einen gewaltigen Fortschritt in den Köpfen der Menschen. Zum einen ist man generell toleranter geworden, zum anderen versteht man es viel mehr, Politik und Kultur voneinander zu trennen.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Das Gespenst des preussischen Militarismus auf der Dittchenbühne

www.dittchenbuehne.de

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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