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Ausstellung „Sehnsucht“ – Neuerfindung des Sehens im Etazhi

Von   /  10. August 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

Wem noch nie aufgefallen ist, dass in „Sehnsucht“ das Wort „Sehen“ steckt, kann sich dessen noch bis 20. August ist im Dachgeschoss des Loft-Projekts Etazhi vergewissern. In der Ausstellung „Sehnsucht – Genaue Beobachtung“ versuchen neun Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, ihre Umwelt auf untypische Art zu sehen. Mit Installationen, Video-Art, Zeichnungen und Fotos.

Spotlight: Zeit

„Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert der Beschleunigung, aber in der Ausstellung geht es eher um Verlangsamung. Das ist ein sehr menschlicher Aspekt“, sagt Kuratorin Natalia Gerschevskaja, geboren in St. Petersburg aber wohnhaft in Düsseldorf, die diese Ausstellung ins Leben gerufen hat. Die perfekte Bestätigung ihrer Worte ist die Fotoserie von Adam Harrison, „Deckenreflektionen über eine Zeitspanne von 24 Minuten“. Erst durch die Fotos, die jeden Moment festhalten, bemerkt man, was man sonst nicht sehen würde: die Wanderung des Lichts, das durch ein Fenster auf die Zimmerdecke fällt. Und den Wind, der die Schatten der Äste vor dem Fenster, die sich an der Decke spiegeln, hin und her bewegt.

Mit der Wahrnehmung der Zeit experimentiert auch die 2-Kanal Video-Installation „Der Faden einer Geschichte“ von Hannah Hummel. Auf zwei Leinwänden ziehen verschiedene Momente und Ansichten des Lebens der Hauptfigur synchron vor dem Betrachter vorbei und verwischen somit die Linearität des normalen Sehens. Fast eine Art Streik gegen die Zeit ist Kewin Pawels „Matween“. Drei bis fünf Tage, sagt er, kostete es ihn im Schnitt, eines seiner DIN-A4 Blätter von oben bis unten mit kleinen schwarzen Strichen zu versehen. Die Abstände zwischen den Strichen sind akribisch genau bemessen, auf manchen Blättern erzeugt er sogar geometrische Formen durch leicht vergrößerte Abstände.

Spotlight: Farben

Nimmt man Farben anders wahr, wenn man sich damit selbst bemalt? Eine neue Sicht auf Farbe war immer eine der zentralen Wendepunkte in der Kunst. Die Düsseldorfer Studenten fragen sich, ob man Farben auch durch Performance Art neu sehen kann.  Unter Videoaufnahme beschmieren die Studenten ihre T-Shirts und Pullis mit Farbe, überschmieren sie dann mit anderen Farben, ziehen sie schließlich in einem Farb-Striptease aus, um die Farbspuren auf ihrer Haut zu begutachten. Ein vom Übermalen steifer Pullover liegt auch zur Ansicht vor.

Auf der mittleren Ablage eines übergroßen Holzschranks an der Wand blinken Lampen in verschiedenen Blau- und Lilatönen, der Erkenntniseffekt im Hinblick auf Farben bleibt dabei allerdings beschränkt. Ergreifender ist die Farbexperimentation in Friederike Haugs „Farbe, Arme“, einer 3-Kanal-Videoinstallation. Gemälde von Frauen gleiten über die drei Leinwände, immer leicht zeitlich versetzt. So wirken nicht nur die Farben fließender als normalerweise, sondern auch die Kleiderfalten, Hände und Gesichter der Gestalten.

Spotlight: Licht

Ein Korb dreht sich langsam im Licht, in einer vielfältigen Abwechslung mit Schatten wird das Licht durch die Öffnungen gesiebt. Das ist der Inhalt eines langsamen, verträumten Videos ‚Ohne Titel‘ von Sabine Dusend. Es ist das Werk der Ausstellung, das am Faszinierendsten mit Licht und Schatten spielt. Dusend widmet sich dem Licht auch in einer Fotoserie von Holzstatuen. Die Fotos heißen „Trauernde Frauen“, aber eigentlich sind darauf nur Kleiderfalten zu sehen. Sie erinnern aber wirklich an Marienstatuen, dabei wird das Weibliche und das Trauern nur durch die Schatten der Kleiderfalten evoziert. Ein weiteres Lichtexperiment der Ausstellung ist eine Projektion von Flammen an die Wand durch einen wachsbeschichteten Pappdeckel.

An der Düsseldorfer Kunstakademie unterrichtete in den 60er Jahren Joseph Beuys. Die neun ausgestellten Studenten versuchen in Petersburg zu beweisen, dass es auch im 21. Jahrhundert noch eine Hochburg ungewöhnlicher Sichtweisen ist. Die Ideen der neun liegen eher im Detail und scheinen in einer Zeit, wo Performance und Multimedia Art zum Mainstream geworden ist, zum Teil nicht ganz neu. Aber ihr Versuch ist in jedem Fall gut. Ob es das Ergebnis auch ist, ist wohl „Ansichtssache“.

 

 „Sehnsucht – genaue Beobachtung“, Loft-Projekt Etazhi, Ligovsky Prospekt 74, geöffnet bis 20.08.2012, täglich von 10 – 22 Uhr

 

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