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Aussiedlerkinder entdecken Russland – Rückkehr auf der Suche nach Heimat und Identität

Von   /  18. Januar 2011  /  Keine Kommentare

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Von Anet Sahakyan

St. Petersburg: Der Nevsky Prospekt wimmelt  vor Touristen, die mit Begeisterung die Schönheit der russischen Metropole bewundern. Unter ihnen befindet sich  ein junger Russlanddeutscher. Er ist wieder in seiner alten, aber auch fremd gewordenen Heimat.

Aussiedlerkinder haben alle das gleiche Schicksal: vor vielen Jahren wurden sie  aus der gewohnten Umgebung ihrer Kindheit  herausgerissen und  von ihren Eltern in ein fremdes Land verpflanzt. Ein Land, das sie nur aus Erzählungen von Verwandten und Bekannten kannten. „Ich wurde vor 18 Jahren einfach so aus dem Leben herausgerissen…Es hieß plötzlich, wir fahren nach Deutschland. Ich habe nie damit abgeschlossen. Ich wollte nach Russland, um herauszufinden, ob ich noch dazu gehöre…“, so beschreibt Alexander seine Migration nach Deutschland.

BWL und Russisch-Studium

Die großen Identitätsfragen „Wer bin ich? Wo gehöre ich hin?“ stellte er sich bereits  in der Pubertät, als er ein plötzliches Interesse für Russland entwickelte. Dabei entdeckte er, dass sich neben seiner deutschen Seite auch ein anderer Aspekt seiner Identität  in ihm Gehör verschaffen wollte. So begann er neben seinem BWL-Studium auch Russisch zu studieren, um den Bezug zu seiner zweiten Heimat nicht zu verlieren.

Die „Heimat im Herzen“ verloren

Seinen Eltern war es noch möglich, Russland als ihre Heimat anzuerkennen, da verwandtschaftliche Beziehungen in die alte Heimat bestanden und im Alltag  die russische Sprache und Tradition einen hohen Stellenwert einnahm. Alexander hingegen fühlt sich durch seine größtenteils in Deutschland durchlebte Sozialisation in gewisser Hinsicht als „heimatlos“.  Obwohl ihn seine ersten Erinnerungen und der kurze, in Russland verbrachte Teil seiner Kindheit sehr geprägt haben, empfindet er seine  „Heimat im Herzen“ als einen Ort, der nicht greifbar ist und irgendwo in der Vergangenheit liegt. Das Land, das er damals verlassen hat, gibt es nicht mehr.

Rückkehr nach 18 Jahren

Es ist das erste Mal, dass Alexander nach nunmehr achtzehn Jahren wieder nach Russland zurückgekehrt ist. In Deutschland hat er sich immer eher „russisch“  als „deutsch“ gefühlt. Jetzt macht er die Erfahrung,  dass er weder „deutsch“ noch „russisch“ ist. „Zwischen den Welten halt…“, so versucht er diese prekäre Situation zu erklären. Das Leben mit zwei Teilidentitäten empfindet er allerdings nicht als ein Hin- und Hergerissensein, sondern als einen Gewinn: Du kennst die beiden Kulturen und Du kannst sie vereinigen. Du hast Westeuropa in Dir und Du hast Osteuropa in Dir und Du weißt, wie Du damit umgehst.
Ich denke, dass das ein Vorteil ist…“.

Autorin: Anet Sahakyan, Universität Trier, SFB 600, Teilprojekt A8: Netzwerkbeziehungen und Identitätskonstruktionen – Rückkehrstrategien von Spätaussiedlern im Kontext sich wandelnder Migrationsregime. Projektleitung: Prof. Dr. Michael Schönhuth. Fachgebiet: Soziologie/Ethnologie.

Zum Projekt >>>

Bild: Sibirische Aussiedlerfamilie im Lager Friedland. (Wikimedia Commons)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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